26.01.2010: Presseschau

Die Presse kommentiert die Asse

Kommentare zum Asse-Skandal und seinen Konsequenzen

Kölner Stadtanzeiger 14.01.2010

Hier materialisiert sich eine Altlast, die aus dem Bewusstsein schon entschwunden schien. Wir dürfen also noch einmal in den Spiegel gucken - eine fast historische Gelegenheit.

Sichtbar und handgreiflich wird mit jedem zutage geförderten Fass die geradezu unfassbare Naivität, mit der in den 1960er Jahren das Projekt „friedliche Nutzung der Kernenergie“ angepackt und als Blindflug im Hinblick auf die Atommüll-Entsorgung umgesetzt wurde. Den Anwohnern bei Wolfenbüttel stehen, wenn es bei der Rückholung bleibt, zehn bange Jahre bevor - ein Jahrzehnt, in dem es ausgeschlossen scheint, dass die Atomindustrie die von ihr erhoffte Renaissance erlebt. Denn die Wirkung ist klar: Einem Land, das sich immer damit brüstete, über die „sicherste“ Form der Atomtechnik zu verfügen, steht mit jedem zurückgeholten Fass ins Gesicht geschrieben, wie unglaublich fahrlässig tatsächlich mit der Risikotechnologie umgegangen wurde.

Ein einsturzgefährdeter Atommüllschacht, hanebüchene gutachterliche Tricksereien bei der Suche nach einem Endlager: Der neue Atomprotest, der sich an der Asse entzündete, bekommt Rückenwind. Er macht auch vor Gorleben nicht halt.

Münsterländische Volkszeitung 15.01.2010

Die Asse ist ein Desaster. Das Endlager zerbröselt - und mit ihm das Vertrauen der Bürger in eine verantwortungsvolle Nutzung der Kernenergie.

Frankfurter Allgemeine (FAZ) 15.01.2010

Die Empfehlung des Bundesamts für Strahlenschutz, Zehntausende Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen aus dem ehemaligen Salzbergwerk Asse wieder herauszuholen, dient vor allem der Sicherheit des Umweltministers. In zweiter Linie stellt sie sicher, dass es - unabhängig von wechselnden Mehrheiten im Bundestag und egal, wie diese Technik anderswo weiterentwickelt wird - so etwas wie eine „Renaissance der Kernenergie“ in Deutschland nicht geben wird. (…) Sicher ist nur, dass hier ein weiterer Nagel in den Sargdeckel der Kernenergie in Deutschland eingeschlagen wird.

Neue Osnabrücker Zeitung 15.01.2010

Für die Zukunft der Kernenergie dürfte eine spektakuläre Rückholaktion in der Asse zum Menetekel werden. Ständige Bilder von Menschen in dicker Schutzmontur, die mit Roboterhilfe gefährlichen Atomschrott bergen, werden aufwühlen und die Akzeptanz dieser Energieform weiter in den Keller treiben. Das Bergwerk einfach zuzuschütten wäre da manchem Lobbyisten wohl lieber gewesen.

Neue Westfälische 15.01.2010

Das ist schwer zu verstehen. Während eine Bundesbehörde gerade eine offizielle Bankrotterklärung für ein Standbein der deutschen Atommüll-Lagerung abgibt, geht die Regierung daran, für die weitere Anhäufung des Strahlenmülls zu sorgen. Während 126.000 radioaktive Giftfässer im einsturzgefährdeten Stollen Asse bei Wolfenbüttel beredt Zeugnis von der Unbeherrschbarkeit der Reste nuklearer Energieerzeugung geben, sind Kanzlerin Merkel und Umweltminister Röttgen dabei, die Atomkraft noch für Jahrzehnte zum festen Bestandteil des Energiemixes zu machen. Unverantwortlich.

Märkische Oderzeitung 15.01.2010

Das einst als sicher gefeierte Schachtsystem ist heute durch eindringendes Wasser einsturzgefährdet, die Fässer rosten. Ihre Rückholung wird nun dafür sorgen, dass das Problem für alle Augen sichtbar in die Wahrnehmung zurückkehrt. Und dem Steuerzahler wird klar, dass er für die Zeit des günstigen Stroms eine saftige Nachzahlung präsentiert bekommt. Zwei Milliarden Euro mindestens. Die Energieindustrie wird nach so langer Zeit kaum in Haftung genommen werden können. Hoffentlich ist es ein Fanal, bei künftigen, angeblich hundertprozentig sicheren unterirdischen Lagerungsvorhaben längere Haftungszeiten vorzusehen.

Westdeutsche Allgemeine (WAZ) 15.01.2010

Im Ergebnis macht es wenig Unterschied, ob die italienische Mafia Atommüll samt Frachter im Mittelmeer versenkt, oder ob Tausende Atomfässer in einer deutschen Salzgrube verschwinden, deren Eignung von Beginn an zweifelhaft war. Die billige und fahrlässige Entsorgung der strahlenden Hinterlassenschaften der Atomwirtschaft gefährdet heute die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. (…) Der Umweltskandal um Asse wirft zwei Fragen auf: Wie steht es um die Endlagerung radioaktiven Mülls vor dem Hintergrund der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken, über die bereits verhandelt wird? Und: Muss die Einlagerung von hochradioaktivem Abfall in Gorleben - ebenfalls ein Salzstock - mit Blick auf die Zeitbombe Asse neu bewertet werden? Die Bürger haben ein Recht auf rasche Antworten.

Rhein-Neckar-Zeitung 15.01.2010

Der Traum der Atomwirtschaft, ihren strahlenden Müll für Jahrtausende einfach unter der Erde verschwinden zu lassen, ist - zumindest im Fall des Endlagers Asse - ausgeträumt. (…) Es bleibt zu hoffen, dass er auch die Atomindustrie an den Kosten beteiligen wird. Zwar ist es für die Bundesbürger letztlich zweitrangig, ob sie über den Strompreis oder über die Steuern dafür aufkommen müssen. Angesichts der Debatte über eine Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke würde es aber auch den Stromkonzernen noch einmal vor Augen führen, dass das größte Problem der Kernkraft nicht gelöst ist: Wohin mit dem strahlenden Abfall?

Taz 16.01.2010

Noch wichtiger als die Frage, was aus dem Asse-Müll wird, ist aber, welche Konsequenzen aus dem Desaster gezogen werden. Leider sieht es nämlich bisher nicht so aus, als ob die Regierung viel aus den früheren Fehlern gelernt hat.

Die Asse wurde aus politischen Gründen und gegen den Rat von Experten von einem Forschungsprojekt zum faktischen Endlager. Das soll sich in Gorleben wiederholen: Obwohl auch dieser Standort nicht aus geologischen, sondern aus politischen Gründen ausgewählt wurde, will Schwarz-Gelb ihn als Endlager durchdrücken, ohne Alternativen zu prüfen.

Auch beim Poker um längere Laufzeiten wollen der Umweltminister und die Energiekonzerne die Asse am liebsten ignorieren - und das Endlagerproblem komplett außen vor lassen. Dabei ist es Wahnsinn, immer mehr Atommüll zu produzieren, solange es keine Entsorgung gibt.

Immerhin macht das Asse-Debakel Hoffnung, dass sich auch CDU-Minister Norbert Röttgen dieser Erkenntnis nicht auf Dauer verschließen kann. Schließlich steht nun er vor der undankbaren Aufgabe, sich um die Überreste der von seiner Partei geliebten AKWs zu kümmern - und merkt: Wer Warnungen in den Wind schlägt, zahlt dafür später einen hohen Preis.

Westdeutsche Allgemeine (WAZ) 21.01.2010

Im Mai geht es für Schwarz-Gelb bei der Landtagswahl in NRW um den Machterhalt. Bis dahin meiden Union und FDP eine Eskalation in der Atomdebatte, die nicht abkühlen will. Der Skandal um das absaufende Atommülllager Asse, das Sicherheitsrisiko älterer Kraftwerke - all das sorgt die Öffentlichkeit. Ein Vierteljahrhundert nach Brokdorf und Wackersdorf fürchtet die Bundesregierung eine Renaissance der Anti-Atomkraft-Bewegung.

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