Bevor nicht geklärt ist, wie Atommüll überhaupt eine Million Jahre sicher verwahrt werden kann, ist auch jede vergleichende Standortsuche für ein Endlager sinnlos
Löst die Suche eines neuen – oder besser: weiterer – Standorte für Atommüllkippen das Entsorgungsproblem? Und garantiert sie eine sichere Lagerung der für eine Million Jahre hochgefährlichen Abfälle? Beide Fragen sind nur mit einem Nein zu beantworten. Schon der Ansatz, einfach nach neuen Standorten zu suchen, ist der Falsche: Denn nach den Erfahrungen mit den Atommüllkippen ASSE II und Morsleben und den Skandalen um Gorleben müsste es längst nicht mehr nur um das Wo der Endlagerung gehen, sondern zunächst einmal um das Wie – um einen völligen Neuanfang im Umgang mit Atommüll also.
Die Asse hat es an den Tag gebracht
2008 schwappte die mit Cäsium kontaminierte Lauge aus den Tiefen der Asse in die bundesdeutschen Medien. Sie machte auch dem/der Letzten klar, dass hiernicht nur einzelne Fehler beim Umgang mit Atommüll das Problem waren. Vielmehr waren tiefgreifende politische Entscheidungen systematisch mit nicht belastbaren Prognosen gerechtfertigt worden. Wenn ASSE II, wie immer behauptet, tatsächlich ein „Forschungsendlager“ war, dann wohl bestenfalls, um sozialwissenschaftlich zu erforschen, wie viele Lügen und Ungereimtheiten die Bevölkerung wie lange erträgt.
Heute, nachdem der Atommüll dort buchstäblich im Brunnen liegt, zeigt sich auf erschreckende Weise, dass es eben nicht so einfach ist, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Die Entscheidung, die strahlenden Fässer aus der Tiefe zurückzuholen, war ein politisches Bekenntnis. Ob ihre Bergung ernsthaft betrieben wird und überhaupt möglich ist, werden wir in 15 Jahren wissen.
Das Atommüll-Deasaster in der Asse wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie belastbar sind Prognosen überhaupt? Welches Verhältnis haben Wissenschaft und Politik in der Atommüllfrage? Und: Wäre es nicht sinnvoll, gelagerten Atommüll langfristig zu kontrollieren und korrigierend eingreifen zu können, wenn sich Prognosen als falsch erweisen?
Eine Genehmigung macht jedes Endlager „sicher“
Wer eine vergleichende Betrachtung verschiedener Standorte mit verschiedenen Gesteinsformationen unter breiter Beteiligung der Öffentlichkeit fordert, der verkennt, dass am Ende ein gesetzlich geregeltes Genehmigungsverfahren steht, auf das Betroffene keinen Einfluss haben. In einer öffentlichen Diskussion kann tausendmal gesagt (und zugestanden) werden, dass es keine sichere Endlagerung gibt und was am jeweiligen Standort akzeptabel wäre und was nicht. Das Genehmigungsverfahren selbst aber macht jedes Endlager zu einem „sicheren“ Endlager: Ein unsicheres dürfte nämlich gar nicht genehmigt werden. Hat man aber ein genehmigtes und somit offiziell „sicheres“ Endlager, könnte man eigentlich auch weiter Atommüll produzieren und müsste auch akzeptieren, Atommüll aus anderen EU-Ländern aufzunehmen.
Nötig ist erstmal Tabula rasa
Die Untersuchung anderer Endlager-Standorte ist keine hinreichende Antwort auf die ungelöste Atommüllfrage. Notwendig ist ein völliger Neuanfang, das heißt eine gesellschaftliche Diskussion, wie die langfristige Verwahrung der atomaren Hinterlassenschaften möglich, sinnvoll, vertretbar, akzeptabel ist: Über Tage, oberflächennah oder in tiefen geologischen Formationen? Rückholbar oder zumindest kontrollierbar? Dies alles ist wieder völlig offen. Voraussetzung für diese Diskussion ist, dass es abschließend definierte Mengen genau spezifizierter Abfälle gibt und nicht hier und da noch andere Abfälle entdeckt werden und hinzukommen; früher sagte man dazu populär: Über den Atommüll reden wir erst, wenn kein neuer produziert wird. Egal für welches Verwahrkonzept sich die Gesellschaft letztlich entschiedet, muss jeder betroffene Standort auf die Einrichtung und Auslegung von Anlagen unmittelbaren rechtlichen Einfluss haben, gegebenenfalls auch ein Vetorecht. Staatlicherseits muss es verbindliche Garantien geben, dass kein anderer Atommüll hinzukommt, ebenso für den Ausgleich aller Lasten, die durch diese einzigartige Belastung entstehen.
Peter Dickel
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Peter Dickel ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad
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