Interview

"Plötzlich findet man alles Mögliche"

Herr Küppers, am 28.6.2007 kam es binnen weniger Stunden zu Notabschaltungen
der AKW Brunsbüttel und Krümmel. Knapp zwei Jahre später sind beide Reaktoren noch immer nicht wieder am Netz. Warum?

Christian Küppers, Öko-Institut: Erstens hat man in Krümmel länger für die Aufarbeitung des Unfalls gebraucht, weil noch viele Folgeprobleme zutage getreten sind: Probleme der Kommunikation auf der Warte etwa oder Probleme von Schaltungen und Lüftungsanlagen. Das hat dann zu recht umfangreichen Prüfungen geführt. Zweitens hat es in der Vergangenheit schon häufiger den Effekt gegeben, dass, wenn eine Anlage erst einmal länger stillsteht, zusätzliche Prüfungen vorgenommen werden, zu denen sonst wenig Gelegenheit besteht. Während des Betriebs kann man zum Beispiel Untersuchungen auf Rissbildungen nur an wenigen
Komponenten vornehmen. Und eine Revision dauert normalerweise nur wenige Wochen, da schafft man auch nur ein bestimmtes Programm. Wenn man länger
Zeit hat, kann man mehr Untersuchungen vornehmen – und findet dann plötzlich
alles Mögliche.

In Krümmel und Brunsbüttel etwa defekte Brennelemente, Risse in Schweißnähten an Rohrleitungen, ein Motordefekt an einer Kühlwasser-Pumpe, Korrosionsschäden an Ventilen – alles Dinge, die sonst gar nicht aufgefallen wären?

Tja ... wahrscheinlich nicht oder zumindest nicht so bald.

Die unfallbedingten Stillstände in Brunsbüttel und Krümmel waren also eine gute Gelegenheit, um auch andere Mängel aufzudecken?

Ja. Und das ist nicht zum ersten Mal so. In den 90-er-Jahren etwa, als das AKW Krümmel schon einmal längere Zeit stillstand, fand man ebenfalls Risse.

Wie hoch ist das Sicherheitsrisiko solcher Mängel?

Wenn Risse in sicherheitsrelevanten Systemen auftreten, was oft der Fall ist, dann besteht prinzipiell auch ein Sicherheitsrisiko. Der Streit geht oft darum: Sind sie schon bei der Herstellung entstanden, hat man sie nie entdeckt, sind sie nie größer geworden – oder sind Belastungen im Betrieb die Ursache, die man vielleicht sogar so gar nicht vorhergesehen hat. Das ist dann der schlimmere Fall, denn dann werden die Risse zunehmen und auch an anderen Stellen auftreten. Oft bleibt die genaue Ursache aber unklar.

Wenn man in einem AKW Risse findet – müsste man dann nicht auch in den anderen AKW danach suchen?

Ja, im Prinzip ist das auch ein gängiges Verfahren. Man hat aber natürlich das Problem, dass man, wie gesagt, solche Prüfungen in vielen Fällen nur bei stillstehenden Anlagen machen kann. Und die Behörden verlangen normalerweise nicht, wegen eines Problems, das in einer Anlage aufgetreten ist, gleich die anderen AKW auch alle für die entsprechenden Prüfungen abzuschalten.

Die Stromkonzerne, nicht zuletzt Vattenfall, der Betreiber von Brunsbüttel und Krümmel, behaupten stets, ihre AKW seien sicher und auf aktuellem Stand. Wie passt das zusammen?

Es gibt kein AKW in Deutschland, das heute noch als Neuanlage genehmigt werden könnte. Das Problem ist schon immer gewesen, dass an existierende Anlagen andere Anforderungen gestellt wurden als an Anlagen, die man neu bauen würde. Es gibt zum einen technologische Fortschritte, da wird dann oft versucht, das durch Nachrüstungen zu kompensieren. Das gelingt aber nicht vollständig. Ein Atomkraftwerk mit einem dünnen Containment kann man eben nicht nachträglich gegen Flugzeugabstürze auslegen. Man kann die Anlagen nicht auf dem heute für Neuanlagen geforderten Stand halten oder sie auf diesen bringen.

Welche Rolle spielt das Alter der AKW?

Auch bei Atomkraftwerken treten Alterungseffekte auf. Das können zum einen Rissbildungen sein, Materialermüdung. Zum anderen kann auch ein ganz normaler Austausch von Bauteilen Fehler verursachen.

Wie das?

Man stellt etwa fest, dass es auszutauschende Teile baugleich heute nicht mehr gibt. Deswegen nimmt man kleine Änderungen vor. Man muss sich aber fragen: Klappt jetzt das Zusammenspiel in dieser neuen Variante der Anlage tatsächlich so, wie man sich das vorstellt, oder eben nicht? Es ist eben nicht immer leicht, nachzuvollziehen, warum irgendetwas vor 30 Jahren mal in der Art und Weise gebaut worden ist. Wer da Dinge ändert, ohne genau zu wissen, was der Hintergrund gewesen ist, kann damit auch folgenschwere Fehler begehen.

Vor 30 Jahren kam es im US-Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg zu einer partiellen Kernschmelze, von 23 Jahren explodierte das ukrainische AKW Tschernobyl. Sind solche Unfälle auch in Deutschland denkbar?

Nicht mit genau dem Unfallablauf wie in Tschenobyl, weil das ein ganz anderer Reaktortyp gewesen ist. Aber Unfälle mit Freisetzung radioaktiver Stoffe, sogar in noch größerem Umfang als in Tschernobyl, sind jederzeit auch in deutschen Anlagen möglich.

Interview: A. Simon


Christian Küppers ist Stellvertretender Bereichsleiter des Fachbereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit im Öko-Institut Darmstadt.

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