01.04.2011: 

Risiko Schwarz auf Weiß

Was der geheime Nachrüst-Katalog des Umweltministeriums verrät

Fünf Tage brauchten die Reaktorsicherheitsexperten im Bundesumweltministerium nach den Erdstößen in Japan, dann legten sie auf sechs Seiten ihre „Ersten Überlegungen zu Konsequenzen Fukushima“ dar – Sicherheitsanforderungen, welche die Atomkraftwerke ihrer Meinung nach „unverzüglich“ erfüllen müssten. Die Liste ist beeindruckend lang – und verrät im Umkehrschluss, was in den Reaktoren hierzulande alles noch nicht Standard ist. 

Nicht gesichert ist demnach der ausreichende Schutz gegen Erdbeben, Hochwasser und andere externe Einflüsse wie Flugzeugabstürze. Dass sich mehrere Ereignisse ungünstig verketten können, interessierte bisher nicht. Messinstrumente im Reaktorkern zeigen bei einem schweren Unfall nichts mehr an, selbst systemwichtige Betriebsdaten lassen sich nicht unbedingt in der Warte ablesen. Ob die Kühlsysteme auch dann funktionsfähig bleiben, wenn Heu oder Quallen angeschwemmt werden, ist unklar. Pumpen und Ventile sind zu schwach oder zu klein ausgelegt. Die Notstromversorgung der Reaktoren ist noch nicht einmal in jedem Fall für 72 Stunden garantiert. Außerdem ist offen, ob sie und die Notkühlsysteme etwa nach einem Flugzeugabsturz überhaupt noch funktionieren würden, denn von besonders geschützten Leitungen kann keine Rede sein. Selbst ein IT-Sicherheitskonzept ist dem Papier zufolge noch nicht überall vorhanden. Und so weiter und so fort. 

Wären alle skizzierten Anforderungen Pflicht, kämen selbst auf die neuesten Meiler so kostspielige Nachrüstungen zu, dass ihr Weiterbetrieb sich kaum mehr lohnen würde. Und den älteren Reaktoren hatte bereits 2009 ein internes CDU-Strategiepapier unlösbare Sicherheitsdefizite attestiert. 

 

Die Bundesregierung löste diese Probleme noch vor wenigen Monaten, indem sie die Nachrüstungsliste erstens kräftig zusammenstrich und zweitens alle relevanten Punkte erst in vielen Jahren umgesetzt sehen wollte. Auch dieses Mal soll die Liste aus dem Ministerium erst noch „diskutiert“ werden. In den Worten der Kanzlerin: „Sicherheit hat oberste Priorität.“  

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