„Gorleben müsste sofort rausfliegen“
Ulrich Kleemann, Geologe und Endlagerexperte, über den Riss der Erdkruste in Gorleben und die Atomlobbyisten, die den maroden Salzstock dennoch mit Atommüll füllen wollen

Herr Kleemann, eine Schar von Experten erstellt derzeit im Auftrag des Bundesumweltministeriums die sogenannte „Vorläufige Sicherheitsanalyse Gorleben“ (VSG). Ein löbliches Unterfangen?

Das ganze würde nur Sinn machen, wenn man kritische Wissenschaftler einbinden und die Argumente gegen eine Eignung Gorlebens in einer Unsicherheitsanalyse würdigen würde.

Das ist nicht der Fall?

Keineswegs. In der VSG soll vielmehr die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ihre eigenen geologischen Erkenntnisse über den Salzstock in Gorleben selbst überprüfen. Anschließend soll die International Nuclear Safety Engineering GmbH, dahinter steckt Bruno Thomauske, prüfen, ob auf Basis der vorliegenden Daten eine Eignungsaussage für Gorleben möglich ist.

Bruno Thomauske? Der im Bundesamt für Strahlenschutz einst unter Umgehung der Geologen den weiteren Ausbau der Stollen in Gorleben durchgesetzt hat, bevor er dann auf einen Chefposten beim AKW-Betreiber Vattenfall wechselte?

Genau. Bei der VSG sollen diejenigen, die schon immer gesagt haben, dass nichts gegen die Eignung des Salzstocks Gorleben spricht, eine kritische Überprüfung der Erkundungsergebnisse vornehmen. Das Ergebnis steht damit natürlich bereits fest.

Auf Grundlage welcher Daten wird die VSG denn erstellt?

Ausgangspunkt sind die vier Berichte über Gorleben, die die BGR in den Jahren 2007–2011 erstellt hat.

Was stört Sie daran?

Ich habe bei meinen Recherchen in der geologischen Fachliteratur innerhalb kürzester Zeit eine Fülle von Forschungsergebnissen gefunden, die gegen eine Eignung Gorlebens als Endlagerstandort sprechen. In den Berichten der BGR werden die alle nicht gewürdigt. Allenfalls finden sie in Nebensätzen Erwähnung und werden sogleich relativiert. Mit einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung hat das nichts zu tun.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt einen Bruch in der Erdkruste, der von Krakau bis zur Elbmündung reicht, die sogenannte „Hamburg-Krakau-Linie“ oder auch „Elbe-Lineament“. Dieser Bruch ist schon sehr alt und wurde mehrfach reaktiviert, zum Beispiel während der Eiszeiten. Die gewaltige Auflast der Eismassen wirkte dabei bis in 30 Kilometer Tiefe. Die westliche Erdplatte ragt dort heute drei Kilometer höher auf als die östliche.  

Wie zwei Eisschollen, die wieder schief zusammengefroren sind. 

Genau. Bei künftigen Eiszeiten sind Bewegungen an diesem Riss, der genau durch den Salzstock Gorleben geht, sehr wahrscheinlich. Das hat die BGR überhaupt nicht berücksichtigt. In einer solchen aktiven geologischen Störungszone darf man kein Endlager errichten!

Das sagen Sie!

Das sagt auch der AK End, das interdisziplinäre Gremium also, das vor wenigen Jahren im Auftrag des Bundesumweltministeriums einmal Kriterien für die Suche nach einem möglichst sicheren Endlager definiert hat. Der AK End verlangt, dass es an einem Endlagerstandort in den letzten 30 Millionen Jahren keine Erdbewegungen geben haben darf. In Gorleben hat es die aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gegeben. Schon deshalb muss dieser Standort ausgeschlossen werden.

Zuletzt sorgten vor allem Berichte über Gasvorkommen unter dem Salzstock für Aufsehen. Warum?

Wenn es unter dem Salzstock Gas gibt und keine schützende Schicht verhindert, dass das Gas in den Endlagerbereich eindringen kann, dann könnte es dort zu Explosionen kommen.

Hat die BGR die Gasfrage in Gorleben denn geklärt?

Nein. Sie hat in ihren Berichten einen großen Bogen darum gemacht und ausgerechnet die entscheidende Gesteinsschicht überhaupt nicht betrachtet. Dabei gibt es eine Dissertation, die klar zeigt, dass sich direkt unter dem Salzstock eine mögliche gasführende Schicht befindet. Hinzu kommt eine Vielzahl von Brüchen und Rissen, über die das Gas aufsteigen kann. Auch die hat die BGR in ihren Berichten nur sehr dünn abgehandelt. Unter Berufung auf seismische Untersuchungen, die in diesem Punkt überhaupt nicht aussagekräftig sind, behauptet sie dann sogar, es gäbe diese geologischen Störungen nicht!

Absurd, finden Sie?

Der ganze Untergrund ist so stark zerstört, dass es eher unwahrscheinlich wäre, wenn Gas nicht in den Endlagerbereich gelangen könnte.

Welche Aussagekraft hat eine sogenannte „Sicherheitsanalyse“, die auf einer so mangelhaften Datengrundlage beruht?

Keine! Eine belastbare Sicherheitsanalyse müsste nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik sicher nachweisen können, dass die geologische Barriere in einem Zeitraum von 1.000.000 Jahren erhalten bleibt. Ein solcher Nachweis ist jedoch nach dem, was wir wissen, nicht möglich.

Wozu soll sie dann dienen?

Ich habe die Sorge, dass damit weitere Faken geschaffen werden, die den Standort Gorleben zementieren sollen.

Befürworter des Weiterbaus in Gorleben behaupten, eine weitere „Erkundung“ des Salzstocks helfe, die noch offenen Fragen zu klären.

Das Geld kann man sich sparen. Denn wir wissen bereits: Der Gorlebener Salzstock liegt erstens in einer geologischen Störungszone, es gibt zweitens gasführende Schichten unter dem Salz und drittens eiszeitliche Rinnen, die das Deckgebirge durchschneiden. Damit ist klar, dass er als Endlager für hochradioaktive Abfälle nicht geeignet ist. Gäbe es eine tatsächlich eine ergebnisoffene Suche nach dem bestmöglichen Standort für ein Endlager, so wie sie Herr Röttgen ja zumindest mal angekündigt hat, müssten alle drei Punkte vielmehr sofort zum Ausschluss Gorlebens führen.

Sie selbst waren ab 2004 beim Bundesamt für Strahlenschutz sechs Jahre lang für alle Endlagerprojekte zuständig. Das wäre doch die beste Gelegenheit gewesen, Ihre Kritik am Umgang mit dem Standort Gorleben anzubringen und für Abhilfe zu sorgen!

Gorleben war damals kein Thema! Es galt ja noch das rot-grüne Erkundungsmoratorium, … 

… das doch aber von vorneherein zeitlich begrenzt war. Und in dieser Zeit hat die BGR unter anderem drei der vier Berichte zu Gorleben erstellt, die Sie nun kritisieren.

Diese Berichte wurden ohne Abstimmung mit dem BfS publiziert. Sonst hätten sie bei mir auf dem Tisch landen müssen. Außerdem war für mich immer klar, dass es ein ergebnisoffenes Standortauswahlverfahren geben muss. Dazu habe ich auch Vorschläge erarbeitet. Als die schwarz-gelbe Bundesregierung stattdessen dann die Wiederaufnahme der Arbeiten im Gorlebener Salzstock beschlossen hat, habe ich gekündigt.

Interview: Armin Simon


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Dr. Ulrich Kleemann, Geologe, war von 2004 bis 2010 als Leiter des Fachbereichs Sicherheit nuklearer Entsorgung im Bundesamt für Strahlenschutz unter anderem für die Endlagerprojekte zuständig. Er leitete die Expertengruppe Schweizer Tiefenlager und die Arbeitsgruppe Optionenvergleich zur Asse. Im Auftrag der Rechtshilfe Gorleben e.V. verfasste er 2011 das Gutachten „Bewertung des Endlager-Standortes Gorleben – geologische Probleme und offene Fragen im Zusammenhang mit einer Vorläufigen Sicherheitsanalyse Gorleben“.

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