Nach dem 24. April:

Die Kettenreaktion hat begonnen

Wenn die gestärkte Anti-Atom-Bewegung jetzt nicht nachlässt, können wir viel erreichen / von Jochen Stay

147.000 Menschen haben am 24. April bundesweit gegen die Atomenergie demonstriert, davon 7.000 am Atommüll-Zwischenlager in Ahaus (NRW), 20.000 umzingelten das AKW Biblis (Hessen) und 120.000 bildeten eine Menschenkette zwischen den Reaktoren in Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel. Zusätzlich war über mehrere Tage ein Treck aus Gorleben nach Krümmel gerollt.

Viele Leute zeigten sich überrascht angesichts dieser Zahlen, hatten mit weit geringerer Beteiligung gerechnet. Ähnliche Reaktionen hatte es schon im November 2008 gegeben, als mit 16.000 Menschen anlässlich des Castor-Transports die größte Demonstration in Gorleben seit 30 Jahren stattfand – und auch im September 2009, als 50.000 Menschen in Berlin „Mal richtig abschalten“ forderten und damit die größte Anti-Atom-Demo seit dem Tschernobyl-Jahr 1986 bildeten.

Nun also die nächste Überraschung: der 24. April 2010 geht (vorläufig) als Tag der größten Anti-AKW-Proteste in die Geschichte ein. Nur der 14. Oktober 1979 kann da mithalten, als ebenfalls an die 150.000 Menschen in Bonn gegen Atomkraft demonstrierten.

Wie kommt es zu dieser für manche überraschenden Massenmobilisierung? Eigentlich ganz einfach: Uns ist es gelungen, eine bereits vorhandene gesellschaftliche Stimmung auch auf die Straße zu bringen. Dabei hat gerade die Aktionsform Menschenkette noch mal ganz andere Leute angesprochen und miteinbezogen, als eine klassische Demonstration.

Im Gegensatz zu den 70er und 80er Jahren ist die Anti-AKW-Bewegung inzwischen keine Erscheinung am Rande der Gesellschaft mehr, die sich bewusst auch kulturell als Alternative zur Mehrheit sieht, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft und aus allen Schichten und politischen Lagern. Das nimmt der Auseinandersetzung ein Stück ihrer politischen Brisanz, geht es doch nur noch um das Ja oder Nein zur Atomenergienutzung und nicht gleich um das ganze Gesellschaftssystem. (Hier weisen KritikerInnen der aktuellen Entwicklung zu Recht darauf hin, dass die Atomwirtschaft ja Ausdruck des Gesellschaftssystems ist und sich beides deshalb schwerlich getrennt betrachten lässt.) Aber es entsteht auch eine neue politische Brisanz, weil sich plötzlich tragende Säulen der Gesellschaft und nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ in aktive Opposition zur Regierungspolitik begeben.

Am 24. April sind eine Menge Leute auf die Straße gegangen, die das normalerweise nicht tun. Und dieser Tag hat sie ermutigt, diesen Weg weiter zu gehen. Die Zuversicht, dass sich Engagement lohnt, das selbst die größten Träume Wirklichkeit werden können, hat deutlich zugenommen. Also sollten wir als nächstes möglichst konkret davon träumen, dass die Atomkraftwerke stillgelegt werden.

Natürlich haben wir politisch noch nicht gewonnen. Kein einziges AKW wird alleine durch die Proteste vom 24. April stillgelegt. Aber Stromkonzerne und Bundesregierung geraten mehr und mehr in die Defensive. Der politische Preis für den Weiterbetrieb der AKW steigt. Schon wird in Berlin hinter den Kulissen diskutiert, wie viele Alt-Reaktoren „geopfert“ werden müssen, um die aufgebrachte Öffentlichkeit zumindest halbwegs zu beruhigen.

Vielleicht lässt es sich so beschreiben: Mit dem 24. April haben wir die Saat für den politischen Erfolg ausgebracht. Doch bis zur Ernte ist es noch ein gutes Stück Arbeit.

Deshalb können wir uns auf dem Erfolg von Menschenkette, Biblis und Ahaus nicht ausruhen. Doch ich bin mehr als zuversichtlich. Die „Kettenreaktion“ hat begonnen und wir alle wissen, wie schwer eine solche wieder zu stoppen ist. Die nächsten Schritte zeichnen sich bereits ab:

  • ab sofort: Dranbleiben nach dem 24.4.
  • 5. Juni: Umzingelung des Endlagerbergwerks in Gorleben
  • 7. bis 15. August: Anti-Atom-Camp im Wendland
  • 2. Oktober: Nächste bundesweite Großaktion (Was und wo steht noch nicht fest)
  • November: Widerstand gegen den Castor-Transport nach Gorleben
  • Dazwischen viele kleine und größere dezentrale Proteste

Anfang des Jahres erschien der .ausgestrahlt-Rundbrief mit der Titelzeile: „2010 - Jahr der Anti-AKW-Bewegung“. Damit es genau so kommt, brauchen wir jetzt das Engagement von jeder und jedem: Weiter Druck machen...