Biblis A - Hintergrund

Das AKW Biblis A (Baubeginn 1970, Inbetriebnahme 1974) liegt in Hessen, am Rhein, etwa in der Mitte zwischen Mannheim und Darmstadt. Es ist der älteste noch in Betrieb befindliche Reaktor in Deutschland. Wie die AKW Biblis B, Neckarwestheim 1 und Unterweser ist Biblis A ein Druckwasserreaktor der 2. Baulinie (DWR 2). Die Vorgänger-Reaktoren der 1. Baulinie, Stade und Obrigheim, sind bereits abgeschaltet.

Mit mehr als 400 sicherheitsrelevanten „meldepflichtigen Ereignisse“ in den 36 Betriebsjahren zählt Biblis A zu den störungsanfälligsten Reaktoren der Republik. Bei der Probabilistischen Risikoanalyse (PRA) belegte Biblis A unter den 17 Reaktoren in Deutschland mit Abstand den ersten Platz. Das Risiko eines gefährlichen Anlagenzustands ist in Biblis A fast 20-mal so hoch wie in den neueren Reaktoren. Brand und äußere Einwirkungen wurden bei der Analyse gar nicht berücksichtigt.

Anfang 2010 stand Biblis A nach dem Atomgesetz noch eine Reststrommenge von etwa 4.200 GWh zu, das entspracht bei Volllast einer Restlaufzeit von 5 Monaten. Der Reaktor hatte vom 27. Februar 2009 an über ein Jahr lang stillgestanden, unter anderem wegen gravierender Sicherheitsmängel. Ende März 2010 ging er wieder ans Netz, allerdings nur mit etwa 40% Leistung. Mit diesem Trick will Betreiber RWE die endgültige Abschaltung um weitere 6 Monate hinauszögern. Zudem hat RWE Mitte Mai 2010 von Eon die Reststrommengen (4.800 GWh) des 2003 stillgelegten AKW Stade erworben. Damit kann Biblis A weitere fünfeinhalb Monate bei Volllast laufen. .ausgestrahlt deckte auf, dass dieser Laufzeiten-Deal dem Anhang 2 zum "Atomkonsens" widerspricht. Darin hatte RWE jede Laufzeitverlängerung von Biblis A ausgeschlossen und die Bundesregierung im Gegenzug auf eine Reihe von Nachrüstungen verzichtet, unter anderem auf den Bau einer unabhängigen Notstandswarte.

Am 24.4.2010 haben auf Initiative von .ausgestrahlt und anderen Organisationen etwa 20.000 Menschen mit einer Umzingelung des AKW Biblis gegen dessen Weiterbetrieb protestiert.

Besondere Schwachstellen von Biblis A:

  • Biblis A und Biblis B sind die einzigen Reaktoren in Deutschland ohne unabhängiges Notstandssystem. Diese Notstandswarte soll bei Zerstörung wichtiger Anlagenteile etwa durch Erdbeben oder Flugzeugabsturz den Reaktor unter Kontrolle halten und seine Notabschaltung sowie die Kühlung des Kerns sicherstellen. Bei neueren AKW ist ein solches Notstandssystem von Anfang an vorgesehen und in einem separaten, verbunkerten Gebäude untergebracht. Im Fall Biblis verzichtete die rot-grüne Bundesregierung im Zuge des „Atomkonsens“ auf die rund 450 Millionen Euro teure Nachrüstung. Diese sei RWE wegen der geringen Restlaufzeit der Reaktoren finanziell nicht mehr zuzumuten.

  • Biblis A ist nicht ausreichend gegen Erdbeben geschützt – obwohl die Reaktoren mitten im seismisch aktiven Oberrheingraben stehen. Nur wenige Kilometer entfernt kam es, noch vor dem Bau des AKW, zu zwei mittelschweren Erdbeben. Biblis A hält noch nicht einmal Erdbeschleunigungen von 1,5 m/s² aus. Real rechnen muss man in Biblis nach Aussage von Fachleuten mit mindestens doppelt so starken Stößen.

  • Bei umfangreichen Änderungen an sicherheitsrelevanten Anlagenteilen in Biblis A kam es Ende 2002 zu massiven Schlampereien. Ein Gutachten des Öko-Instituts, nach Berichten eines seinerzeit in Biblis beschäftigten Elekto-Monteurs vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben, listet auf 99 Seiten „Planungsfehler in der Elektro- und Leittechnik“ sowie „Montagefehler (…) in den Schaltschränken und an den Armaturantrieben“ auf. Die Fehler seien bereits für mehrere Störungen verantwortlich gewesen. Die Experten sprachen eine doppelte Warnung aus: Es sei „möglich, dass (…) nicht alle potenziellen Montagefehler (…) bereits behoben wurden“. Und: „Es ist (…) nicht auszuschließen, dass derzeit noch weitere Planungsfehler in der Anlage vorhanden sind.“ Der Monteur hatte berichtete, die Mitarbeiter seien zum Pfusch „gezwungen“ gewesen. Es sei so etwa zu Kurzschlüssen gekommen, „bei denen ganze Anschlussstifte und Leitungsverbindungen schmolzen und erheblich beschädigt“ und nur „notdürftig wieder hergestellt“ wurden.

Bauartbedingte Sicherheitsmängel der Druckwasserreaktoren 2. Baulinie

Die Druckwasserreaktoren der 2. Baulinie (DWR 2), zu denen auch Biblis A gehört, weisen gegenüber den neueren Reaktoren der 3. und 4. Baulinie (DWR 3 und DWR 4) eine ganze Reihe von planungs- und konstruktionsbedingten Sicherheitsmängeln auf, die sich nicht einfach durch Nachrüstungen beheben lassen:

  • Die Wandstärke des Reaktorgebäudes beträgt nur 60 cm (statt 180 cm bei den neueren AKW). Das Gebäude bietet daher so gut wie keinen Schutz gegen Flugzeugsturz und andere äußere Einwirkungen. Unter den vier DWR-2-Reaktoren ist Biblis A der am schlechtesten geschützte. Er ist lediglich gegen den Absturz eines kleinen Sportflugzeugs ausgelegt – obwohl der Reaktor nur 50 Kilometer vom Großflughafen Frankfurt/Main entfernt liegt.

  • Der hohen Druck- und Temperaturbelastungen ausgesetzte Primärkreislauf des Reaktors ist aus baulichen Gründen nur eingeschränkt überprüfbar auf Risse oder sonstige Schädigungen. An wichtigen Komponenten und Rohren des Primärkreislaufes gibt es zudem mehr Schweißnähte. Die Schweißnähte wiederum sind besonders anfällig für Rissentstehung und Risswachstum. Das sogenannte „Bruchausschlusskonzept“, das die Stabilität der Installationen garantieren soll, wurde erst nach Inbetriebnahme der Reaktoren durch „Nachqualifizierung“ umgesetzt. Damit steigt das Risiko eines schweren Unfalls durch ein Leck oder ein Abreißen der Rohrleitungen.

  • Der Sicherheitsbehälter (Containment) hat eine geringere Druck- und Temperaturfestigkeit als bei neueren Reaktoren und kann daher leichter platzen oder leckschlagen.

  • Bei der zusätzlichen Notstromversorgung gegen äußere Einwirkungen und der Gleichstromversorgung gibt es weniger redundante Stränge. Die einzelnen Stränge der Notstromversorgung sind zudem schlechter räumlich voneinander getrennt – ein Brand könnte so leichter mehrere Systeme auf einmal lahmlegen. Insgesamt ist die Gefahr eines „station black-out“, eines Stromausfalls im Reaktor, bei dem die wichtigen Sicherheitssysteme und die Kühlung des Reaktorkerns ausfallen, daher deutlich größer als in neueren Anlagen.

In der Probabilistischen Risikoanalyse (PRA) schneiden alle vier DWR-2-Reaktoren deutlich schlechter als die neueren AKW ab. Biblis A hält mit einem um Faktor zehn erhöhten Risiko den traurigen Rekord.

Der Beinahe-GAU von 1987

Am 16./17. Dezember 1987, eine Woche vor Weihnachten, schrammt Biblis A an einer nuklearen Katastrophe vorbei. Ein Ventil schließt nicht, die Betriebsmannschaft übersieht die Warnlampe 16 Stunden lang. Anstatt den Reaktor sofort herunterzufahren, startet sie dann ein riskantes Manöver und öffnet ein weiteres Ventil. In der Folge tritt radioaktives Kühlwasser nicht nur aus dem Kühlkreislauf, sondern sogar aus dem Sicherheitsbehälter aus – ein Störfall, den es nach dem Sicherheitskonzept gar nicht hätte geben dürfen.

Nur durch Glück gelingt es, das zweite Ventil gegen den hohen Druck wieder zu schließen. Andernfalls hätte das gesamte Kühlsystem innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen, der Kern des Reaktors schmelzen können. Weil das aus dem Sicherheitsbehälter austretende Kühlwasser verloren war, hätten auch die Notkühlsysteme nur noch begrenzt genützt. RWE und die Aufsichtsbehörden halten den bis dato schwersten Störfall in einem westdeutschen AKW über ein Jahr lang geheim, publik macht ihn schließlich eine US-Fachzeitschrift.

Nachrüstungsforderungen und verhinderte Stilllegung

Als Reaktion auf den Beinahe-GAU von 1987 gibt das hessische Umweltministerium beim TÜV Bayern eine Sicherheitsanalyse in Auftrag. Auf deren Grundlage ordnet im März 1991 der hessische CDU-Umweltminister 55 Nachrüstungen an, unter anderem eine Verbesserung der Erdbebensicherheit und des Brandschutzes. RWE selbst hat bereits 1989 die Errichtung eines unabhängigen Notstandssystems beantragt – das es bis heute nicht gibt (siehe oben).

Auch was die 55 Nachrüstungsaufträge angeht, spielt RWE auf Zeit. Erst nach zwei Jahren (und mehreren Ultimaten durch die Behörden) reicht der Konzern die Anträge für die Nachrüstungen ein. Im Oktober 1996 erklärt das hessische Umweltministerium (inzwischen unter grüner Leitung) schließlich die Stilllegung von Biblis A für unumgänglich. Als Grund gibt es vor allem den mangelnden Nachweis der Erdbebensicherheit, das Fehlen eines Notstandssystems sowie andere Mängel an. Eine Weisung von Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) beziehungsweise ihres für Reaktorsicherheit zuständigen Abteilungsleiters Gerald Hennenhöfer verhindert die Stilllegung. Die Umsetzung der Nachrüstungsmaßnahmen für Biblis A wird durch dieses Eingreifen um weitere drei Jahre verzögert.

Im Zuge des „Atomkonsens“ schränkt das grüne Bundesumweltministerium Mitte 2000 die Nachrüstungs-Anforderungen für Biblis A schließlich auf 20 Punkte ein – das Notstandssystems kommt darin ebensowenig vor wie eine substanzielle Verbesserung der Erdbebensicherheit.

Unsicher seit 36 Jahren

Bei einer Kernschmelze entstehen große Mengen Wasserstoff. Eine Explosion könnte den in Biblis A besonders schwachen Sicherheitsbehälter zerstören. Um die Explosionsgefahr zu mindern, rüstete RWE den Reaktor im Jahr 2009 mit sogenannten Rekombinatoren nach, die den Wasserstoff katalytisch abbauen sollen. Die Wirksamkeit dieser Maßnahme ist in Fachkreisen allerdings umstritten. Die Rekombinatoren, so die Kritik, könnten unter Umständen sehr heiß werden – und dann das gefährliche Knallgasgemisch selbst zünden.

Gleich mehrfache Konstruktionsfehler wiesen in Biblis A die sogenannten Sumpfsiebe auf. Durch diese Ansaugöffnungen unten im Sicherheitsbehälters soll ausgetretenes Kühlwasser wieder in den Reaktorkern zurückgepumpt werden. 2003 fällt durch Zufall auf, dass sie viel zu klein sind: nur halb so groß wie vorgeschrieben. 29 Jahre lang war das niemandem aufgefallen.

Ende 2008 stellte die Atomaufsicht dann offiziell fest, dass in Biblis A wie in anderen Druckwasserreaktoren losgerissenes Dämmmaterial die Siebe vor den Ansaugöffnungen verstopfen kann. Schon bei einem kleinen Leck droht wegen dieses „Sumpfsiebproblems“ ein Ausfall der Kühlung des Reaktorkerns. Eine sichere Störfall-Beherrschung ist damit nach Ansicht des Ministeriums nicht gegeben – ein Zustand, der seit Inbetriebnahme der Reaktoren 1974 bzw. 1976 andauerte. Ob die Rückspülfunktion, die RWE einbauen wollte, im Zweifelsfall zuverlässig funktioniert, ist umstritten.

Quellen und weitere Informationen

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