Das AKW Neckarwestheim (Baubeginn 1972, Inbetriebnahme 1976) steht in Baden-Württemberg, am Neckar, zwischen Stuttgart und Heilbronn. Es ist der drittälteste noch in Betrieb befindliche Reaktor in Deutschland. Wie die AKW Biblis A, Biblis B und Unterweser ist Neckarwestheim 1 ein Druckwasserreaktor der 2. Baulinie (DWR 2). Die Vorgänger-Reaktoren der 1. Baulinie, Stade und Obrigheim, sind bereits abgeschaltet.
Mit mehr als 425 sicherheitsrelevanten „meldepflichtigen Ereignissen“ in den 35 Betriebsjahren, das sind über 12 pro Jahr, zählt Neckarwestheim 1 zu den störungsanfälligsten Reaktoren der Republik. Häufigere und mehr Störungen verzeichnet nur noch das AKW Brunsbüttel. Die Ergebnisse der Probabilistischen Risikoanalyse (PRA) bestätigen dies. Demnach ist das Risiko eines gefährlichen Anlagenzustands in Neckarwestheim 1 mehr als 10-mal so hoch wie in den neueren Reaktoren. Brand und äußere Einwirkungen wurden bei der Analyse gar nicht berücksichtigt.
Betreiber EnBW fuhr den Reaktor jahrelang mit stark verminderter Leistung, um das Abschalten hinauszuzögern. Selbst die baden-württembergische FDP hält den Uralt-Meiler für verzichtbar. Im Januar 2011 waren die im rot-grünen "Atomkonsens" zugestandenen Reststrommengen aufgebraucht. Als erstes AKW nutzt Neckarwestheim 1 seither die Laufzeitverlängerung der schwarz-gelben Bundesregierung.
Besondere Schwachstellen von Neckarwestheim 1:
Neckarwestheim 1 und 2 stehen auf geologisch äußerst instabilem Grund. Wasser spült laufend neue Hohlräume im Kalkgestein aus, welche die Standsicherheit der Anlage gefährden und spontan einstürzen können. 1995 senkte sich der Kühlturm des AKW Neckarwestheim 2 um 14 Zentimeter ab und musste aufwendig stabilisiert werden. Auf einem Acker bei Besigheim, 4,5 Kilometer entfernt, sackte 2002 der Boden ohne Vorwarnung ein, es bildete sich ein 18 Meter tiefes Loch. Das Problem wird verschärft durch die tiefe Lage des Reaktorgeländes in einem ehemaligen Steinbruch am Neckarufer. Das hoch anstehende Grundwasser muss permanent abgepumpt werden, dabei wäscht es bis zu 1.000 Kubikmeter Gips pro Jahr aus. Die Bildung neuer Hohlräume unter dem Reaktorgelände ist nachgewiesen. Ein bei einer Bohrung entdecktes 1.800 Kubikmeter großes Loch im Untergrund stufte die Landesregierung als „begrenzten Sonderfall“ ein, der keine Gefahr darstelle.
Wegen des wackeligen Untergrunds muss man nach Aussage des Jenaer Geologen Prof. Dr. Gerhard Jentzsch bei Erdbeben mit bis zu 30 Prozent stärkeren Erdstößen rechnen. Die Reaktoren in Neckarwestheim sind dafür aber nicht ausgelegt – die Behörden gingen von hartem Fels als Untergrund aus.
Neckarwestheim 1 ist der einzige Reaktor mit nur drei Hauptkühlkreisen („Loops“). Die vier Notkühlsysteme müssen deswegen gemeinsame Komponenten nutzen – eine Sicherheitsschwachstelle.
1998 rüstet Siemens das Schnellabschaltsystem des Uralt-Reaktors Neckarwestheim 1 mit der digitalen Sicherheitsleittechnik „TELEPERM XS“ nach. Fachleute des TÜV Süd und der Reaktorsicherheitskommission sehen gravierende Sicherheitsrisiken. Zwei Jahre später kommt es aufgrund der Digitaltechnik zu einer Blockade der für eine Reaktorschnellabschaltung erforderlichen Steuerstäbe.
Bei Hochwasser droht eine Überflutung des Reaktorgeländes, das 6-8 Meter unter dem Niveau des Neckars in einem ehemaligen Steinbruch liegt.
Experten weisen auf die wiederholten Ausfälle der Hauptkühlmittelpumpen in Neckarwestheim 1 hin. Ein Ausfall der Reaktorkühlung würde zur Kernschmelze führen.
Wiederholt kommt es in Neckarwestheim 1 zu riskanten Schlampereien und einem Fehlverhalten des Betriebspersonals. Der technische Leiter des Nachbarblocks Neckarwestheim 2, ein angesehener Experte, warnt 2004, „dass der Frust … zwischenzeitlich in einem für den sicheren Betrieb eines Kernkraftwerks bedenklichen Maße um sich gegriffen hat“. Kurz darauf wird er entlassen.
Bauartbedingte Sicherheitsmängel der Druckwasserreaktoren 2. Baulinie
Die Druckwasserreaktoren der 2. Baulinie (DWR 2), zu denen auch Neckarwestheim 1 gehört, weisen gegenüber den neueren Reaktoren der 3. und 4. Baulinie (DWR 3 und DWR 4) eine ganze Reihe von planungs- und konstruktionsbedingten Sicherheitsmängeln auf, die sich nicht einfach durch Nachrüstungen beheben lassen:
Die Wandstärke des Reaktorgebäudes beträgt nur ca. 60 cm (statt 180 cm bei den neueren AKW). Das Gebäude bietet daher so gut wie keinen Schutz gegen Flugzeugsturz und andere äußere Einwirkungen. Neckarwestheim 1 ist lediglich gegen den Absturz eines leichten „Starfighters“ ausgelegt – obwohl der Reaktor nur 50 Kilometer vom Flughafen Stuttgart entfernt liegt.
Der hohen Druck- und Temperaturbelastungen ausgesetzte Primärkreislauf des Reaktors ist aus baulichen Gründen nur eingeschränkt auf Risse oder sonstige Schädigungen überprüfbar. An wichtigen Komponenten und Rohren des Primärkreislaufes gibt es zudem mehr Schweißnähte. Die Schweißnähte wiederum sind besonders anfällig für Rissentstehung und Risswachstum. Das sogenannte „Bruchausschlusskonzept“, das die Stabilität der Installationen garantieren soll, wurde erst nach Inbetriebnahme der Reaktoren durch „Nachqualifizierung“ umgesetzt. Damit steigt das Risiko eines schweren Unfalls durch ein Leck oder ein Abreißen der Rohrleitungen.
Der Sicherheitsbehälter (Containment) hat eine geringere Druck- und Temperaturfestigkeit als bei neueren Reaktoren und kann daher leichter platzen oder leckschlagen.
Bei der zusätzlichen Notstromversorgung gegen äußere Einwirkungen und der Gleichstromversorgung gibt es weniger redundante Stränge. Die einzelnen Stränge der Notstromversorgung sind zudem schlechter räumlich voneinander getrennt – ein Brand könnte so leichter mehrere Systeme auf einmal lahmlegen. Insgesamt ist die Gefahr eines „station black-out“, eines Stromausfalls im Reaktor, bei dem (wie im japanischen AKW Fukushima) die wichtigen Sicherheitssysteme und die Kühlung des Reaktorkerns ausfallen, daher deutlich größer als in neueren Anlagen.
In der Probabilistischen Risikoanalyse (PRA) schneiden alle vier DWR-2-Reaktoren deutlich schlechter als die neueren AKW ab.
Der Beinahe-GAU von 1977
Am 21.09.1977 lösen Bedienungsfehler des Personals beim Wiederhochfahren des Reaktors eine Pannenserie aus. Es kommt zu einer unbeabsichtigten bzw. unbeabsichtigt starken Kettenreaktion im Reaktor. Sehr wahrscheinlich verhindert nur ein zusätzlich defektes Ventil im Sekundärkreislauf eine Reaktorkatastrophe: Der plötzliche Druckabfall dort nämlich löste in letzter Minute die automatische Schnellabschaltung aus.
Unsicher seit 35 Jahren
Wie in den meisten Reaktoren gibt es auch in Neckarwestheim 1 und 2 am tiefsten Punkt des Sicherheitsbehälters durch Siebe geschützte Ansaugöffnungen, durch die ausgetretenes Kühlwasser wieder in den Reaktor zurückgepumpt werden soll. Ende 2008 stellte die Atomaufsicht offiziell fest, dass losgerissenes Dämmmaterial diese Siebe verstopfen kann. Schon bei einem kleinen Leck droht wegen dieses „Sumpfsiebproblems“ ein Ausfall der Kühlung des Reaktorkerns. Eine sichere Störfall-Beherrschung ist damit nach Ansicht des Bundesumweltministeriums nicht gegeben – ein Zustand, der seit Inbetriebnahme der Reaktoren 1976 bzw. 1988 andauert.
Ende 2001 räumte Betreiber EnBW – nach entsprechenden Berichten aus dem AKW Philippsburg – ein, dass auch das AKW Neckarwestheim jahrelang ohne vorschriftsgemäß gefüllte Notflutbehälter angefahren wurde. Das mit Borsäure versetzte Wasser aus diesen Behältern soll bei einem Störfall den Reaktorkern fluten, kühlen und die Kettenreaktion stoppen.
Quellen und weitere Informationen
BUND-Hintergrundpapier "Das AKW Neckarwestheim (Block 1)", Dezember 2006
BUND-Studie „Gefahren von Laufzeitverlängerungen“, August 2009
Greenpeace-Studie „Risiko Restlaufzeit. Die Probleme und Schwachstellen der vier ältesten deutschen Atomkraftwerke. Schwerpunkt Neckarwestheim 1“, Juli 2005
Robin Wood Hintergrundinformationen zum AKW Neckarwestheim 1, März 2006
Bundesumweltministerium Pressemitteilung „Neckarwestheim I darf nicht länger laufen" sowie Ablehnungsbescheid (mit Sicherheitsvergleich zwischen Neckarwestheim 1 und 2), Juni 2008
IPPNW-Informationen zu den Risiken der digitalen Sicherheitsleittechnik TELEPERM XS, Juli 2005
Geologie-Informationen der Uni Stuttgart zum unsicheren Untergrund des AKW Neckarwestheim, Januar 1997
Landtagsanfrage und Stellungnahme der Landesregierung zu den geologischen Verhältnissen in Neckarwestheim, Juni 1999
Artikel der Stuttgarter Nachrichten "Loch im Acker löst Angst um Atommeiler aus", März 2003
Bundesinnenministerium, "Übersicht über besondere Vorkommisse in Kernkraftwerken der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1977 und 1978", Mai 1979
- FDP-Fraktionschef hält Neckarwestheim 1 für verzichtbar, Februar 2010
« zurück