Hintergrundinformationen zur Atomkatastrophe von Tschernobyl
Der Super-GAU
Am 26. April 1986 kam es in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat unter anderem aufgrund von Bedienungsfehlern zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg und einer Kernschmelze. Die darauf folgenden Explosionen zerstörten den 1.000 Tonnen schweren Reaktordeckel und das Dach des Gebäudes. Das in diesem Reaktortyp in großen Mengen enthaltene Graphit entzündete sich. Der brennende und schmelzende Reaktorkern lag offen unter freiem Himmel. Der Super-GAU von Tschernobyl gilt als bislang schwerste nukleare Katastrophe.
Die Wolken
Die große Hitze des Brandes schleuderte die radioaktiven Stoffe in Höhen von 1.500 bis 10.000 Meter, von wo aus sie sich großräumig verteilten. Insgesamt wurde eine Fläche von etwa 218.000 Quadratkilometer radioaktiv kontaminiert. Mehr als 70 Prozent davon liegen in Russland, der Ukraine und Weißrussland; hier traten die höchsten Strahlenbelastungen auf. Mehr als die Hälfte der freigesetzten radioaktiven Stoffe lagerten sich aber außerhalb dieser Länder ab. Die Wolken mit dem radioaktiven Fallout verteilten sich zunächst über weite Teile Europas und schließlich über die gesamte nördliche Halbkugel. Wechselnde Luftströmungen trieben sie zunächst nach Skandinavien, dann über Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland und Norditalien. Eine dritte Wolke erreichte den Balkan, Griechenland und die Türkei. Die radioaktive Belastung dieser Gebiete hängt jeweils davon ab, wo die radioaktiven Stoffe abregneten. In Deutschland waren insbesondere Bayern und Teile Baden-Württembergs betroffen. Pilze und Wildschweine aus diesen Gegenden sind wegen der hohen Strahlenbelastung durch radioaktives Cäsium aus dem Tschernobyl-Fallout zum Teil noch heute nicht zum Verzehr geeignet.
Die „Liquidatoren“
In den Monaten nach der Katastrophe kommandierte die Sowjetregierung zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Soldaten, Studenten und "Freiwillige" zu Katastrophenschutz- und Aufräumarbeiten nach Tschernobyl ab. Die sogenannten Liquidatoren mussten unter anderem die strahlende Glut notdürftig abdecken und den Sarkophag um den explodierten Block 4 errichten. Von den etwa 830.000 Liquidatoren sind über 112.000 bereits gestorben, etwa 90 Prozent erkrankten aufgrund der Strahlung. 2006 erhielten allein in der Ukraine 17.000 Familien staatliche Unterstützung, weil der Vater als „Liquidator“ starb. Die meisten Todesfälle unter den Liquidatoren sind auf die Spätfolgen der Verstrahlung zurückzuführen, zum Beispiel auf Krebserkrankungen, Immunschwäche-Krankheiten (sogenanntes "Tschernobyl-Aids"), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen (Selbstmord). Je nach Standpunkt der Betrachter schwanken die Angaben über die Zahl der Tschernobyl-Todesopfer insgesamt zwischen 10.000 und mehr als 250.000. Sicher ist: Der Reaktorunfall hat das Leben von Hunderttausenden zerstört.
Der Sarkophag
Innerhalb von acht Monaten wurde der havarierte Reaktor mit 300.000 Tonnen Beton und 7.000 Tonnen Stahl umhüllt: dem sogenannten Sarkophag. Doch die zweite Haut um die Reaktorruine war zu keinem Zeitpunkt wirklich dicht und drohte unter der eigenen Last zusammenzubrechen. Heute ist sie instabil, einsturzgefährdet und an vielen Stellen zur Umwelt offen. Der Bau einer neuen Hülle ist daher geplant, Kosten: weit über eine Milliarde Euro.
Die Sperrzone
Die Freisetzung von mehreren Tonnen hochradioaktiven Materials aus dem explodierten Block 4 von Tschernobyl führte zu einer weiträumigen Verseuchung des Bodens, der Pflanzen, Menschen und Tiere sowie der Gewässer. Auch das Grundwasser wurde langfristig mit radioaktiven Stoffen belastet. Die Sperrzone, das Gebiet im Radius von 30 Kilometern um den Katastrophenreaktor, bleibt für viele Jahrzehnte unbewohnbar.
Hunderttausende umgesiedelt
Schätzungen der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass rund neun Millionen Menschen mehr oder weniger direkt von den radiologischen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe betroffen sind. Um die 400.000 BewohnerInnen aus der direkten Umgebung des Atomkraftwerkes mussten umgesiedelt werden und haben ihre Heimat auf Dauer verloren.
Die gesundheitlichen Folgen
Von der Tschernobylkatastrophe sind über 600 Millionen Menschen in ganz Europa gesundheitlich betroffen, wie eine Studie der atomkritischen Ärztevereinigung IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz belegt. Die Krebsrate in Weißrussland stieg zwischen 1990 und 2000 um 40 Prozent, die Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass allein in der Region Gomel mehr als 50.000 Kinder im Laufe ihres Lebens Schilddrüsenkrebs bekommen. Fehl-, Früh- und Totgeburten nahmen nach dem Unfall drastisch zu. Noch 1.000 Kilometer entfernt, in Bayern, kam es strahlenbedingt zu bis zu 3.000 Fehlbildungen. Nach Tschernobyl erhöhte sich die Säuglingssterblichkeit und die Geburtenanzahl von Kindern mit Genschäden in mehreren europäischen Ländern dramatisch. Über weitere Zahlen der gesundheitlichen Auswirkungen gibt die Studie der IPPNW und der Gesellschaft für Strahlenschutz Aufschluss. Die Belastung kommender Generationen lässt sich aber wie viele andere Folgen des Unfalls gar nicht abschätzen.
Tschernobyl ist eine Katastrophe, die niemals endet
Während der ersten Aufräumarbeiten wurden rund eine Million Kubikmeter radioaktives Material ohne besondere Schutzmaßnahmen oberflächen nah in etwa 800 Abfallmulden verbuddelt. Diese sogenannten vorläufigenZwischenlager bedrohen das Grundwasser. In den radioaktiv kontaminierten Gebieten, die von einer landwirtschaftlichen Nutzung ausgeschlossen sind, treten häufig Brände auf, welche die radioaktiven Substanzen weiter verbreiten. Völlig ungeklärt ist, wo der einsturzgefährdete erste Sarkophag, der demontiert werden muss, und das stark strahlende Material aus dem Reaktor selbst sicher gelagert werden sollen. Und die Opfer des Super-GAUs sowie deren Nachkommen werden noch Jahrzehnte mit massiven gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben.
Ein Ende der Katastrophe von Tschernobyl ist nicht absehbar.
25 Jahre später...
Beinahe auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl ereignet sich im japanischen Atomkraftwerk Fukushima in Folge eines Erdbebens und Tsunamis ein Super-GAU. In vier Reaktorblöcken kommt es mindestens zur teilweisen Kernschmelze, durch Lecks im Sicherheitsbehälter treten große Mengen radioaktiven Materials aus. In der Bundesrepublik beschließt die Koalition aus Union und FDP daraufhin ein Moratorium für sieben alte und eine Sicherheitsüberprüfung aller Atomkraftwerke in der Bundesrepublik. Das Ergebnis dieses Sicherheitschecks soll dann entscheidend für den Weiterbetrieb der Meiler sein. Faktisch liegen allerdings nach der Katastrophe in Japan keine neuen Erkenntnisse vor, die geprüft werden müssten. Die Entscheidung über die Zukunft der Reaktoren dürfte also eine rein politische sein, die die Bundesregierung in den Wochen zwischen Anfang April und Ende Mai fällen wird. Die Proteste am 25. April sind also von entscheidender Bedeutung: Traut sich die Bundeskanzlerin, die Reaktoren hierzulande weiterhin laufen zu lassen oder ist der gesellschaftliche Druck so groß, dass sie AKWs endültig stilllegen muss?
Mach mit: Nie wieder Tschernobyl, nie wieder Fukushima. 25. April, Großproteste an zwölf Standorten.



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