„Das betrifft nicht andere, das betrifft uns“

Beate Rau, 57, Coach, hielt nach Tschernobyl eine große Rede auf dem Tübinger Marktplatz und lässt nun die Bürgerinitiative zur Stilllegung aller Atomanlagen wieder auferstehen.

Wir haben uns nach Tschernobyl gegründet: über 100 Leute, 15 Arbeitskreise, die sich mit Blockheizkraftwerken, Stromboykott, Energiewende und so weiter beschäftigt haben. „Bürgerinitiative Stilllegung aller Atomanlagen“ – so hieß das und so heißt es auch heute wieder. Denn der harte Kern ist in Kontakt geblieben, die ganze Zeit. Nach der Laufzeitverlängerung haben drei eine E-Mail rumgeschickt: „Schluss mit lustig! Wir müssen uns treffen!“ Und alle waren wieder da.

Wie damals haben wir als erstes ’ne Anzeigenaktion gemacht. Die Unterschriften füllen wieder zwei ganze Zeitungsseiten – obwohl wir sie lange vor Fukushima gesammelt haben und noch dazu auf ganz altmodische Weise: Wir haben mit den meisten der UnterzeichnerInnen persönlich gesprochen. Das allein hat schon eine Welle der Nachdenklichkeit ausgelöst. Die Forderung, die Laufzeitverlängerung zurückzunehmen und die Atomlobby abzuwählen, klingt angesichts der Ereignisse jetzt natürlich verhältnismäßig moderat. Aber wir konnten ja nicht wissen, dass wir so grauenhaft Recht behalten würden!

Ich habe damals, 1986, eine Rede gehalten, vor 5.000 Menschen auf dem Marktplatz. Das steht nun alles wieder in mir auf. Denn alles, was man angeblich jetzt erst sieht, ist ja gar nicht neu: Das haben wir immer gewusst, darüber reden wir seit 25 Jahren! Jetzt heißt es, man müsse „Sicherheitsstandards überprüfen“. Das ist absurd! De facto ist es doch so: Diese Technik lässt sich nicht beherrschen. Daran hat sich nichts geändert.

Dieses eilige Umschwenken der Politik alarmiert mich besonders, weil ich das Gefühl habe, die wollen einfach nur ganz schnell den Deckel draufhalten auf diese Stimmung, die sich da ausbreitet, diese Angst und diese Wut und diesen Widerstand. Aber wir stehen jetzt. Das nächste Treffen haben wir schon ausgemacht: kurz nach der Landtagswahl. Und ich glaube nicht, dass wir so schnell wieder Ruhe geben.

Ich hatte in meiner unmittelbaren Umgebung zwei Fälle von Schilddrüsenkrebs, eine Mutter und ihre Tochter. Die Mutter war im achten Monat schwanger, als Tschernobyl in die Luft flog. Sie ist durch den ersten Regen gelaufen, der damals hier gefallen ist. Klar, man wird das nicht eins zu eins nachweisen können. Aber das Atom-Risiko ist real. Das betrifft nicht andere. Das betrifft uns. 

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