„Kein Mensch weiß, was da an Strahlung rauskommt“

Astrid Buchholz, 48, Anglizistin, deckt mit der „Bürgerinitiative Strahlenschutz“ dubiose Strahlenmessmethoden auf und will eine Atommüllverarbeitungsanlage in einem Braunschweiger Wohngebiet verhindern

Im Braunschweiger Stadtteil Thune stellt eine Firma radioaktive Präparate für die Medizin her. Sie hat ein großes Nachbargrundstück als Erweiterungsfläche gekauft. Im Sommer bekundete sie Interesse, die radioaktive Lauge aus der Asse hier zu dekontaminieren. Einige Leute wollten da was gegen tun. Im August haben wir zu fünft die „Bürgerinitiative Strahlenschutz“ (BISS) gegründet. Unser Ziel ist, die Erweiterung der Firma hier zu verhindern. Die will nämlich eigentlich groß einsteigen ins Geschäft mit dem AKW-Abriss. Wir befürchten, dass das Gelände dann zu einem halblegalen Zwischenlager mitten im Wohngebiet wird, und fordern, den Bebauungsplan aufzuheben. Außerdem wollen wir, dass die Grenzwerte gesenkt werden. Am Zaun von Eckert&Ziegler darf man ein Millisievert im Jahr abkriegen. In Gorleben sind nur 0,3 Millisievert erlaubt. Zudem gehen die Behörden bei uns davon aus, dass sich niemand rund um die Uhr am Zaun aufhält, sondern maximal 2.000 Stunden im Jahr. Also teilen sie die Strahlenmesswerte noch durch 4,38. Trotzdem wurden die Grenzwerte bereits überschritten. Wir – beziehungsweise Robin Wood mit drei Anwohnern – haben deswegen Strafanzeige gestellt, auch gegen die Gewerbeaufsicht und die Landesbehörde, die nicht einschreitet.

Wir haben Akteneinsicht nach dem Umweltinformationsgesetz genommen und uns sachkundig gemacht, die ganzen Protokolle und Messergebnisse der letzten Jahre durchgeschaut. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Neutronenstrahlung seit einiger Zeit nicht mehr dazuaddiert wird zur Gammastrahlung, obwohl man das müsste. Und dass ganze zwei der sechs Schlote für knapp eine Woche im Jahr beprobt werden. Kein Mensch weiß, was da sonst so rauskommt!

Unsere erste Infoveranstaltung im September war sehr gut besucht. Wir haben offen gesagt, dass wir noch Unterstützung brauchen. Der harte Kern hat sich so auf zehn Leute verdoppelt, zu unseren Treffen kommen bis zu 50, im Verteiler haben wir 140. Wir haben allen Ratsfraktionen unsere Recherchen vorgestellt, sind durch die Büros im Rathaus getingelt und haben 4.000 Unterschriften gegen die Erweiterung des Firmengeländes übergeben, die wir binnen zwei Wochen gesammelt hatten. Jetzt hat der Stadtrat beschlossen, das Planverfahren nochmal aufzunehmen. Ende Januar veranstaltet die Stadt ein Hearing. Wir verteilen Flugblätter, damit da viele kommen.

Bei uns sind Leute wie ich, die schon vor 25 Jahren an der Asse demonstriert haben. Die meisten aber stießen durch ihre persönliche Betroffenheit dazu. Auch die gehen inzwischen an das Thema Atomkraft anders ran. Am Fukushima-Jahrestag etwa werden wir uns auch an der 70 Kilometer langen Lichterkette hier in der Region beteiligen.
www.braunschweig-biss.de

 

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