.ausgestrahlt-Blog

12.12.2014 | von Jan Becker

Experte zweifelt an der sicheren Finanzierung des AKW-Rückbaus

Eon-Chef Johannes Teyssen ist sich sicher, dass trotz der angekündigten Konzernaufspaltung die gebildeten Rückstellungen für den Rückbau der Atomkraftwerke und die Entsorgung des Atommülls ausreichen werden. Im Gegenteil habe eine Prüfung ergeben, dass bislang mit zu hohen Kosten gerechnet wurde. Ein Experte zweifelt das an.

Die vergangene Woche angekündigte Auslagerung der Atomsparte auf eine neue Gesellschaft beim Energieversorger Eon hatte erneute Zweifel an der Finanzierbarkeit des AKW-Rückbaus und der Entsorgung des Atommülls ausgelöst. Eon-Chef Teyssen beschwichtigt: Nach einer Betriebsprüfung habe das Unternehmen sogar Rückstellungen aufgelöst, weil sie „die Behörden als zu hoch bewertet“ hätten. „Wir bauen schon zwei Kernkraftwerke zurück und sind überzeugt, dass die Rückstellungen für den Rückbau aller unserer Kernkraftwerke ausreichen“, sagte Teyssen am letzten Dienstag in Berlin. Die Rückstellungen belaufen sich derzeit auf 14,5 Milliarden Euro und sollen auf den abzuspaltenden Unternehmensteil übertragen werden.

Teyssen bezieht seine Aussage auf den Rückbau der AKW Würgassen und Stade. Im Oktober war der Abriss in Würgassen nach 17 Jahren für „beendet“ erklärt worden – und hat bis heute über eine Milliarde Euro gekostet. Zum Vergleich: Der Bau des Meilers kostete ca. 250 Millionen Euro. „Beendet“ klingt gut, ist aber nur die halbe Wahrheit: Auf dem Gelände werden sich auch künftig noch in Zwischenlagern tausende Fässer Atommüll befinden, die auf die Inbetriebnahme von Schacht Konrad warten. Von den etwa 350 Schwermetall-Tonnen (tSM) hochradioaktiven Mülls in Form von Brennelementen ist kein Kilo sicher entsorgt. Das Material wurde vollständig in die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich gebracht und lagert nun in Castor-Behältern im Zwischenlager Gorleben.

Das AKW Stade wurde 2003 stillgelegt und soll bis 2015 abgerissen sein. Eon plante 2011 mit Kosten von 500 Millionen Euro. Im September waren allerdings Kontaminationen im Sockelbereich des Reaktors bekannt geworden, die aus Lecks während des Betriebs stammen. Das niedersächsische Umweltministerium geht nun von „drei bis vier Jahren“ Verlängerung des Rückbaus aus. Und auch der radioaktive Stade-Abfall ist nicht entsorgt. Am Standort wurde eine Zwischenlagerhalle für bis zu 4.000 Kubikmeter Atommmüll errichtet. Die Brennelemente aus dem Betrieb (540 tSM) wurden zum größten Teil nach La Hague gebracht, 18 tSM landeten sogar in der umstrittenen Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe. In das havarierte Endlager Asse-2 lieferte das AKW Stade 1.400 Gebinde — doch für die möglichen Bergungskosten kommt ja nicht mehr E.ON auf, sondern der Steuerzahler.

In Zukunft stehen für den Atomkonzern dann die bereits abgeschalteten Meiler in Unterweser und Isar-1 zum Abriss an, Grafenrheinfeld folgt im kommenden Jahr und Brokdorf Ende 2021. Und schon heute lautet eine Frage: „Wohin mit 24.000 Tonnen kontaminiertem Beton aus dem AKW Isar-1?“

Eon will seine AKW nach dem Stiftungsmodell in eine Gesellschaft unter öffentlicher Kontrolle auslagern. Große Teile der Politik haben diesen Plänen bislang eine Absage erteilt. Zwar würden die Atomkonzerne ihre Rückstellungen von insgesamt rund 36 Milliarden Euro in die Stiftung einbringen, die dann vom Staat kontrollierbar würden. Doch mögliche Mehrkosten trägt dann der Steuerzahler. Nach derzeitiger Rechtslage müssen die Konzerne unbegrenzt für die Entsorgung haften.

  • Laut einer Greenpeace-Studie von 2012 könnte der Atomausstieg die Energiekonzerne bis zu 44 Milliarden Euro kosten.

Doch es kommt noch schlimmer: Die angekündigte Konzernspaltung könnte die „Abdeckung der Rückstellungen mit Geldmitteln halbieren“, meint Wolfgang Irrek Professor für Energiewirtschaft an der Hochschule Ruhr West in Bottrop gegenüber der „Wirtschaftswoche“. Die Rückbau- und Entsorgungslasten würden mit den Kraftwerken vollständig in den abzuwickelnden Unternehmensteil verschoben, die Vermögenswerte aber nur zum Teil. Zudem sei das Pleiterisiko des Unternehmensteils mit den Altlasten höher, weil dieser nach der Abtrennung nicht mehr durch die zukunftsträchtigen Geschäftsbereiche unterstützt werde.

Jochen Stay, Sprecher von .ausgestrahlt, forderte in einem Blogbeitrag am 02. Dezember: Die Bundesregierung müsse den Eon-Plänen Einhalt gebieten und dafür sorgen, dass diejenigen, die jahrzehntelang Milliarden an Atom- und Kohlekraft verdient haben, auch für die Folgen geradestehen.

  • In aller Eile: Gabriel fordert Gutachten über Atomrückstellungen.
    10. Dezember 2014 — Noch vor kurzem gab sich Wirtschaftsminister Gabriel zuversichtlich. „Kein Problem“, so sein Kommentar auf die Frage, wer künftig die Kosten für Rückbau und Entsorgung von Atomanlagen trage. Nachdem Eon in der vergangenen Woche die Auslagerung seiner Atomsparte ankündigte, ist die Bundesregierung plötzlich doch skeptisch.
  • Rückbau könnte bis 100 Mrd. Euro kosten
    31. Mai 2014 – Die Wirtschaftswoche fasst in einem empfehlenswerten Artikel den Vorstoss der Stromkonzerne zur Bad-Bank-Idee ausführlich rückblickend zusammen. Dabei wird einerseits deutlich, dass die Kosten deutlich über den bisherigen Rückstellungen von ca. 35 Mrd. Euro liegen könnten.
  • contratom.de – Rückbau des AKW Stade: Unerwartete Strahlung & Bauschutt den niemand will
    16. September 2014 – Nicht nur die Entsorgung von radioaktiven Bauschutt aus dem stillgelegten Atomkraftwerk Stade bereiten dem Betreiber Eon zur Zeit Probleme. Im Reaktorbehälter sind verstrahlte Bereiche gefunden worden, die den Rückbau verzögern werden. Bis zu vier Jahre könnte u.a. die Installation spezieller Technik dauern, meint Niedersachsens Umweltminister Wenzel. Atomkraftgegner kritisieren neben der Entsorgungspraxis die Informationspolitik der Behörde.

Quellen (Auszug): spiegel.de, n-tv.de, reuters.com, eon.com; 05./06.12.2014

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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