.ausgestrahlt-Blog

22.05.2015 | von Jan Becker

Der Film „Nuclear Lies“ deckt Missstände bei indischen Atomanlagen auf

Ein neuer Dokumentarfilm beschäftigt sich mit dem Ausbau der Atomenergie in unserem diesjährigen „Partnerland“ Indien: Mit Lügen werden die Menschen manipuliert, mit Polizeigewalt zum Schweigen gebracht.

Es ist wenige Wochen her, da eröffnete Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit dem indische Premierminister Modi die Hannover-Messe. Deutschland sei Indiens wichtigster Handelspartner in der EU und Merkel forderte „westliche Investitionen“. Modi sprach vom „Aufbau eines neuen Indiens“ und versprach „die Schaffung eines investorfreundlichen Umfelds“. Sein Land stehe bereit, „um die ganze Welt mit offenen Armen zu empfangen“.

Ein ganz anderes Licht auf das Land wirft der Film „Nuclear Lies”. Indien plant den massiven Ausbau der Atomkraft. Mit aller Macht wird dieses wirtschaftliche Interesse gegen die Bürger und alle Sicherheitsbedenken durchgesetzt.

Doch nicht ohne Widerspruch. Die 72-minütige Dokumentation nimmt uns mit auf eine Reise zu verschiedenen Standorten der Atomindustrie in Indien – angefangen bei der Uran-Mine in Jadugoda über die derzeit größte geplante Nuklearanlage der Welt in Jaitapur an der Westküste bis hin zu den beiden Reaktorblöcken bei Kudankulam an der Südspitze Indiens.

Dabei stellt Regisseur Praved Krishnapilla weniger die ökonomischen Zusammenhänge in den Vordergrund, sondern widmet sich vielmehr den Stimmen und Perspektiven der Betroffenen und ihrem persönlichen Kampf ums Überleben.

Ein Interview mit Peter Moritz, Betreiber des Blogs indien.antiatom.net, stellvertretend für Regisseur Praved Krishnapilla

Jan Becker (JB): Was hat sie (i.S.v. den Regisseur) motiviert, gerade diesen Film über die indische Anti-Atom-Bewegung zu drehen?

Peter Moritz (PM): Die Anti-AKW-Bewegung in Indien kämpft gegen die globale Atomindustrie. Diese wird von den Regierungen in Indien, Russland und im Westen unterstützt. Der Film zeigt die Konsequenzen für die Menschen in Indien. Vielleicht kann der Film zur transnationalen Solidarität der Bewegungen beitragen.

JB: In ihrem Film beschäftigen sie sich vor allem mit den Menschen, die sich gegen die Atomprojekte engagieren. Warum und ist dieser Kampf aussichtsreich? Was können die Menschen in Indien von uns lernen?

PM: Der Widerstand in Kudankulam konnte nach Fukushima den Bau des AKWs für ein halbes Jahr stoppen. Es wird immer offensichtlicher, dass Strom aus Atomkraftwerken die teuerste Art der Stromerzeugung ist. Die erneuerbaren Energien werden billiger. Jede Verzögerung des Ausbaus der Atomenergie ist daher wichtig. Die Bedingungen in Deutschland und Indien sind sehr unterschiedlich. In Indien sind die Bewegungen an den Standorten sehr stark, die Existenz der Menschen ist durch Landnahme und Vernichtung der Fischerei unmittelbar bedroht. Viele Menschen, insbesondere die aufstrebende Mittelschicht in den Städten, glauben noch, Atomkraft sei eine moderne Technologie und für die Entwicklung in Indien notwendig. Deutschlands Absage an die Atomenergie und der Erfolg der Energiewende in Deutschland sind daher für die Bewegungen in Indien sehr wichtig.

JB: In Deutschland wird derzeit vor allem über die Entsorgung des Atommülls diskutiert. Wie will Indien sich diesem Problem stellen?

PM: In Indien ist das kein Thema. Die Atomindustrie erzählt den Menschen der Atommüll sei Brennstoff für die nächste Kraftwerksgeneration. Indien setzt auf schnelle Brüter und langfristige auf Thoriumreaktoren.

Teaser des Films „Nuclear Lies“

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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