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20.11.2015 | von Robert Socha

Der Rückzug der Atomkraft in den USA

Noch vor wenigen Jahren wurde in den USA die Renaissance der Atomkraft angekündigt und mit dem Bau neuer Reaktoren begonnen. Viereinhalb Jahre nach Fukushima sind zahlreiche Meiler ausser Betrieb gegangen. Die Zahl der Neubauten hält ich in Grenzen. Aktuell wurde wieder die Stilllegung zweier Anlagen beschlossen.

Noch vor wenigen Jahren wurde in den USA großmundig die Atomrenaissance angekündigt. Direkt nach Fukushima, während Teile Europas über einen Atomausstieg diskutierten, begann am Atomkraftwerk Vogtle in Georgia der Ausbau und die Erweiterung der Anlage um zwei Reaktoren. Es sollte die leistungsstärkste Anlage der USA werden.

Seitdem sind viereinhalb Jahre vergangen. Außer der Baustelle an der Anlage Vogtle ist lediglich ein weiterer Bau begonnen worden, der von Virgil C: Summer Block 2 und 3 in South Carolina. Weitere Anlagen – es waren mehr als ein Dutzend im Gespräch – wurden abgesagt. Im Mai 2015 erteilte die US-Atomaufsichtsbehorde die Baugenehmigung für den Reaktorblock Enrico Fermi 3 im Bundesstaat Michigan. Normalerweise das Signal zum Spatenstich. Doch der Betreiber erklärte, dass er momentan nicht beabsichtige, die Anlage auszubauen.

Innerhalb von nur vier Jahren nach Fukushima war die Anzahl der in Betrieb befindlichen Reaktoren in den USA von 104 auf 99 gesunken – so wenige wie seit Mitte der 80er-Jahre nicht mehr. In Crystal River (Florida) und San Onofre (Kalifornien, zwei Reaktoren) wurde beschlossen, defekte Anlagen nicht mehr in Betrieb zu nehmen. In Kewaunee (Wisconsin) und Vermont Yankee (Vermont) war Atomkraft durch das hohe Angebot an billigem Erdgas nicht mehr konkurrenzfähig.

Durch die Methode des Fracking stehen auf dem nordamerikanischen Strommarkt Unmengen von billigem Erdgas zur Verfügung. Dadurch sind Atomkraftwerke zunehmend unwirtschaftlich geworden. Nach der vorzeitigen Stilllegung seiner Anlage Vermont Yankee hat der zweitgrößte Atomstromanbieter der USA, Entergy, im Oktober 2015 die Stilllegung zweier weiterer Anlagen bekanntgegeben: Fitzpatrick (New York) geht Ende Juni 2016 vom Netz, Pilgrim (Massachussetts) spätestens im Juni 2019, möglicherweise aber auch schon zwei Jahre früher.

Entergy’s Atomsparte geht es nicht gut, weiteren Anlagen droht die Abschaltung. Auch das Atomkraftwerk Palisades (Michigan) fährt Verluste ein und steuert, laut Marktanalysten, einer baldigen Abschaltung entgegen. Im Staat New York versucht der Gouverneur die Anlage Indian Point (New York) in die Abschaltung zu zwingen. Das AKW wurde am 11. September 2001 von American-Airlines Flug 11 überflogen, am Steuer saß Mohammed Atta. Das Flugzeug schlug nur Minuten später in den Nordturm des World Trade Center ein. Atta hatte während der Anschlagsplanungen auch in Erwägung gezogen, Atomkraftwerke in den USA anzugreifen.

All diese Anlagen von Entergy liegen in sogenannten „deregulierten“ Märkten. Dank einer Liberalisierung in den vergangenen Jahren können Stromkunden zwischen mehreren Anbietern wählen. In diesem Marktumfeld wird Atomkraft keine Chance mehr haben. Ähnliches betrifft auch den größten Atomstromanbieter der USA, Exelon. Das Unternehmen musste bereits die Laufzeit von zwei Anlagen, Oyster Creek (New Jersey) und Ginna (New York) um 10 Jahre und mehr verkürzen.

weiterlesen:

  • Auslaufmodell Atomkraft: Report liefert Zahlen
    16. Juli 2015 — Der „World Nuclear Industry Status Report“ beschreibt einmal im Jahr die weltweite Entwicklung der Atombranche und nimmt kritische Bewertungen vor. Auch 2015 kommen die Autoren zu folgendem Ergebnis: Die Atomenergie ist ein Auslaufmodell, weltweit befindet sie sich auf Talfahrt.

Quellen (Auszug): Tages-woche.ch, Belgischer Rundfunk, Udo Leuschner u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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