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30.11.2015 | von Robert Socha

Atommüll: Eine Reise 100.000 Jahre in die Vergangenheit

Am 12. November 2015 verkündete die finnische Regierung, die „weltweite erste Erlaubnis für ein Atommüll-Endlager“ erteilt zu haben. Investitionen in Höhe von 3,5 Milliarden Euro sollen es ermöglichen, an der Insel Olkiluoto strahlenden Atommüll 100.000 Jahre „sicher” zu lagern. Ein Blick auf die letzten 100.000 Jahre Zivilisationsgeschichte zeigt, dass diese Prognose unrealistisch ist.

Die finnische Regierung hat aktuell bekannt gegeben, dass die Lagerstätte für Atommüll am Standort Olkiluoto für einen Betrieb von 100.000 Jahren vorgesehen sein soll. Diese gewagte Aussage wirft viele Fragen auf: Woher wissen wir, wie diese Welt in 100.000 Jahren aussieht? Wie kann man verhindern, dass ein solches Atommülllager über diesen langen Zeitraum vor allen denkbaren Einflüssen wie Klimawandel, Umweltkatastrophen, Kriegen, Bränden, Überflutungen, Flugzeugabstürzen usw. sicher ist? Ein Blick zurück auf die letzten 100.000 Jahre Zivilisationsgeschichte zeigt: Die finnische Regierung und die Atomkonzerne können diese Garantien unmöglich geben.

Europa vor 100.000 Jahren: Mammuts, Neandertaler und die Eiszeit

Wie unrealistisch die Prognose ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass wir über die Welt vor 100.000 Jahren vergleichsweise wenig wissen. Nach derzeitigem Stand der Archäologie gab es zu diesem Zeitpunkt bereits den modernen Menschen (Homo Sapiens), der sich vor 200.000 Jahren in Afrika entwickelte. Vor 100.000 Jahren ist dieser erstmals über die Sinai-Halbinsel in den Nahen Osten gewandert und begann dort zu siedeln. In Asien lebte der Homo Erectus, in Europa der Neandertaler.

Der designierte Atommüllstandort Olkiluoto hätte so wie heute angekündigt vor 100.000 Jahren nicht genutzt werden können. Das Gebiet war damals während der steinzeitlichen Eiszeit von riesigen Gletschern überzogen, die zeitweise bis nach Mitteldeutschland reichten. Erst gegen Ende der Eiszeit, vor 13.500 Jahren, wurde das Gebiet von Finnland allmählich besiedelt. Der Homo Sapiens ist erst vor 40.000 Jahren in Europa angekommen – 10.000 Jahre bevor in Europa der Neandertaler ausstarb. Auch die zu dieser Zeit in Europa lebenden Wollmammuts, Wollnashörner und Höhlenlöwen starben im Laufe der folgenden Jahrtausende aus.

Die Debatte über die Lagerung von Atommüll ist wichtig, denn der jahrtausendlange Prozess des Abklingens von Radioaktivität wird sich nicht mehr aufhalten lassen. Diese Debatte muss jedoch realistisch geführt werden. Stromkonzerne und Regierungen die vorgeben, eine jahrtausendlange sichere Aufbewahrung garantieren zu können, machen Versprechungen, die niemals einzuhalten sind. Konzerne könnten nach wenigen Jahren aufgelöst werden, aber auch Nationalstaaten könnten aufgelöst bzw. abgelöst werden.

Der bisher und in Zukunft produzierte Atommüll wird noch tausende Jahre strahlen. Unvorstellbar viele Generationen von Menschen werden sich damit noch auseinandersetzen müssen. Allein deshalb muss jetzt dafür gesorgt werden, dass nicht noch mehr Atommüll entsteht und der globale Atomausstieg vorangetrieben wird. 



weiterlesen:

Quellen (Auszug): wissenschaft.de, spektrum.de, nuklearforum.ch, wikipedia.org, taz.de, spiegel.de

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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