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03.12.2015 | von Robert Socha

Belgien: Atomausstieg verschieben ist gefährlich!

Die belgische Atomaufsicht plant, zwei mit tausenden von Rissen überzogene Atomreaktoren wieder in Betrieb zu nehmen. Die Reaktoren waren bereits zweimal auf staatliche Anordnung abgeschaltet worden und stehen mittlerweile 2,5 Jahre still. An einem weiteren Reaktor gab es kürzlich eine Explosion mit Brand – und das ausgerechnet drei Wochen, nachdem eine Laufzeitverlängerung bewilligt wurde.

Die belgischen Reaktorblöcke Doel 3 und Tihange 2 wurden im August 2012 und nach einer kurzen Inbetriebnahme im März 2014 erneut auf Anordnung der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC heruntergefahren. Grund dafür war der Fund von tausenden Rissen in den Reaktordruckbehälteren. Daraufhin bezweifelten selbst staatlich beauftragte Experten, dass die Anlagen jemals wieder den Betrieb gehen würden. Im Juni 2013 wurden die Reaktoren wieder hochgefahren und der FANC-Vorsitzende Jan Bens versicherte, dass beide Reaktoren „zu 101 Prozent sicher“ seien. Nachdem wenig später im Atomforschungszentrum Mol mit dem Material des Druckbehälters ein Experiment durchgeführt wurde, das „unerwartete Resultate“ hervorbrachte, wurden die beiden Meiler im März 2014 erneut heruntergefahren.

„Akzeptable“ und „inakzeptable“ Sicherheitsrisiken?

Aktuell möchte die FANC die beiden Blöcke wieder hochfahren lassen, ihre Erklärung klingt diesmal jedoch weniger euphorisch als Mitte 2013. Die Meldung wurde Mitte November veröffentlicht und damit ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Anschläge von Paris und Fahndungen in Belgien gerichtet war. Gemäß der FANC-Sprecherin Nele Scheerlinck stellen die Risse in den Druckbehältern der beiden Reaktoren „die Reaktorsicherheit nicht in inakzeptabler Weise in Frage“.

  • Diese Aussage suggeriert, dass Sicherheitsrisiken am Reaktordruckbehälter und damit dem Herzen der Anlage sich in zwei Kategorien einteilen lassen: In eine „akzeptable“ und eine „inakzeptable“.

Die Schäden an den Reaktordruckbehältern seien gemäß der Aufsichtsbehörde durch Wasserstoffeinschlüsse bei der Produktion entstanden. Offen bleibt aber weiter die Frage, inwieweit sich die Risse nach 30 Jahren Betrieb vergrößert haben und sie sich in Zukunft noch weiter vergrößern können. Die FANC nimmt mit ihrer Entscheidung ein nur schwer kalkulierbares Risiko in Kauf, anstatt es zu vermeiden. Stefan Füglister, Atomexperte bei Greenpeace, befindet, dass „mehr Fragen offen bleiben, als beantwortet wurden“ und bezeichnet die Entscheidung der Behörde als „grob fahrlässig“. Über 102.000 AKW-Gegner haben sich derweil in einer Online-Petition gegen das Wiederanfahren der Blöcke ausgesprochen.

Explosion in Doel nach Laufzeitverlängerung

Die ersten beiden Blöcke in Doel sind inzwischen 40 Jahre alt und gelten als abgewirtschaftet. Vor dem Bekanntwerden der Schäden in Doel 3 und Tihange 2 plante der Betreiber Electrabel diese 2015 stillzulegen, da sich weitere Investitionen nicht lohnten. Das belgische Parlament hat den Blöcken 1 und 2 allerdings in diesen Juni eine 10-jährige Laufzeitverlängerung erteilt. Für den Weiterbetrieb sollen angeblich Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro erforderlich sein. Eine Überprüfung und die Entscheidung über die Investition sei aber noch nicht getroffen. Laut „Flanders News“ befindet sich derzeit lediglich der vierte Block in Doel in Betrieb.

Am ersten Block des AKW Doel kam es Ende Oktober, nach der Explosion eines Transformators, zu einem Brand. Laut Electrabel-Sprecherin Scheerlink habe es sich nicht um einen „nuklearen Vorfall“ gehandelt. Der Block sei zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet gewesen. Auch Doel 1 sollte im Dezember wieder den Betrieb aufnehmen.

Belgien geplanter Atomausstieg bis 2025 erscheint angesichts der neuerlich beschlossenen Laufzeitverlängerungen unwahrscheinlich. Der Vorfall in Doel aber zeigt, dass es ein gefährliches Spiel ist, abgewirtschafteten Reaktorblöcken Laufzeitverlängerungen zu erteilen. In Belgien wird der geplante Weiterbetrieb der 40 Jahre alten Blöcke mit einem möglichen Stromengpass gerechtfertigt. Ob dieses Argument zutrifft oder nicht: Ein Engpass wäre die Folge der Misswirtschaft von Electrabel und der belgischen Regierung, die nicht rechtzeitig für Ersatzkapazitäten gesorgt haben.

Standort ist einer der gefährlichsten in Europa

Laut einem Artikel der belgischen „De Redactie“ ist Doel „einer der gefährlichsten AKW-Standorte in Europa“, da in einem Umkreis von 75 Kilometern mehr als 9 Millionen Menschen leben. Dieses Versäumnis darf jetzt nicht auf den Schultern der Menschen in Europa ausgetragen werden, denen die Politik jetzt versucht zuzumuten, noch viele Jahre mit Hochrisikoreaktoren in ihrer Umgebung zu leben. Belgiens gefährliche Reaktoren, Doel 1 bis 3 und Tihange 2, müssen daher unbedingt sofort stillgelegt werden. Die Sicherheit der Menschen in Europa vor Atomunfällen ist nicht verhandelbar.

weiterlesen:

  • Belgien: 100.000 gegen die Wiederinbetriebnahme von Doel-3 und Tihange-2
    27. November 2015 — Ein „Sturm der Entrüstung“ entlädt sich in Richtung Belgien, dass kürzlich die Wiederinbetriebnahme der beiden Atomkraftwerke Doel-3 und Tihange-2 in Aussicht gestellt hat. In beiden Meilern waren tausende Risse im Reaktorbehälter gefunden worden. „Ohne Einfluss auf den sicheren Betrieb“, urteilt die Atomaufsicht.

Quellen: BRF (Belgien), Metro Time (Frankreich/Beligen), RTBF (Belgien), PZC (Niederlande), La Libre (Belgien), De Redactie (Belgien), Le Soir (Belgien), RTL (Belgien), Spiegel Online, Aachener Zeitung, Greenpeace u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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