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15.12.2015 | von Robert Socha

Umstrittener AKW-Neubau in der Türkei eingefroren

Wie am 9. Dezember bekannt wurde, hat der türkisch-russische Konflikt um den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs im Grenzgebiet zu Syrien nun auch zur Einstellung der Bauarbeiten am ersten AKW der Türkei geführt. Russland erneuert derweil seine Planungen für das erste AKW Ägyptens, doch auch dieses Bauprojekt ist über 30 Jahre alt und war erst vor wenigen Jahren wegen der politischen Lage im Land abgesagt worden.

Das AKW Akkuyu im Süden der Türkei ist eines der Prestigeprojekte der konservativen türkischen Regierung unter Führung von Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu und Staatspräsdient Recep Tayyip Erdoğan. Die Vereinbarungen über den Bau waren im Mai 2010 unter der Regierung Erdoğan mit dem russischen Unternehmen Atomstroiexport getroffen worden. Der Bau des AKW mit vier Reaktoren vom Typ WWER-1200AES mit einer Gesamtbruttoleitstung von 4800 Megawatt sollte neben der geplanten Erdgasleitung „Turkish Stream“ im Zuge einer engen Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten im Energiesektor entstehen. Das Projekt sollte darüber hinaus den Einstieg der Türkei in die Atomtechnologie einläuten.

Akkuyu steht in der Kritik, weil sich der Standort in einem Gebiet mit mittlerem Erdbebenrisiko befindet. Die Grundsteinlegung 14. April 2015 wurde daher von heftigem Protest türkischer Anti-Atom-AktivistInnen begleitet. Weitere Neubauten sollen an den Standorten Sinop folgen, wo eine Anlage durch das französisch-japanische Konsortium ATMEA errichtet werden soll, sowie in İğneada im europäischen Teil des Landes. Letztgenannte Anlage soll nach dem Willen der Regierung sogar weitestgehend in Eigenregie von der Türkei errichtet werden. An mehreren Universitäten weltweit werden derzeit türkische Atomphysiker ausgebildet, die ab 2023 in Akkuyu eingesetzt werden sollten.

Nachdem die türkische Luftwaffe am 24. November ein russisches Kampfflugzeug im Grenzgebiet zu Syrien abgeschossen hatte, sind die russisch-türkischen Beziehungen deutlich abgekühlt. Russland verhängte verschiedene Sanktionen über die Türkei, Akkuyu sollte von diesen jedoch zunächst nicht betroffen sein. Am 9. Dezember berichtete jedoch die „Daily Mail“ unter Berufung auf die Nachrichtenagentur Reuters, Rosatom habe die Bauarbeiten in Akkuyu nun doch angehalten. Der 20 Milliarden Dollar teure Bau sollte zu 100 Prozent von dem russischen Staatsunternehmen finanziert werden. Eine Stellungnahme von Rosatom steht noch aus.

Meldungen zufolge sucht die türkische Regierung bereits nach einem alternativen Unternehmen, das bereit wäre, den Bau fortzusetzen. Vorher müsste jedoch das derzeitige Bauprojekt gekündigt werden – ein Schritt, der für die kündigende Partei hohe Vertragsstrafen vorsieht. Rosatom soll bisher 3,5 Milliarden Dolar in den Bau invstiert haben und daher nicht zu diesem Schritt bereit sein.

Wie der Konflikt ausgeht und ob Akkuyu je ans Netz geht, ist im Moment nicht abzusehen. Fest steht, dass der Standort bis auf Weiteres eine teure Bauruine am Mittelmeer bleiben dürfte.

weiterlesen:

  • Türkei: Reaktorpläne in Erdbebengebiet sind Geheimsache
    13. Mai 2015 — An der südtürkischen Mittelmeerküste entsteht das erste Atomkraftwerk des Landes. Akkuyu liegt in unmittelbarer Nähe zu einer aktiven Erdbebenzone, nur etwa 25 Kilometer entfernt vom seismischen Zentrum des sogenannten Ecemis-Grabens. Die Unterlagen zu dem Projekt sind geheim.
  • contratom.de – Illegaler Baubeginn des ersten türkischen AKW
    2. Februar 2014 – An der südtürkischen Mittelmeerküste soll der Bau des ersten Atomkraftwerks in der Türkei begonnen haben.Atomkraftgegner berichten von Planierarbeiten. Eine notwendige Prüfung der Umweltverträglichkeit gibt es nicht, auch die Sicherheit gegen Erdbeben – einer der großen Kritikpunkte gegen die Pläne – wurde ignoriert.

Quellen (Auswahl): Daily Mail Online (UK), www.wikipedia.org, Telepolis u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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