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16.12.2015 | von Robert Socha

Belgien: Rissreaktor Tihange 2 wieder angefahren – über 173.000 Gegenstimmen

Der belgische Atomkonzern Electrabel hat am Montag den Hochrisikoreaktor Tihange 2 wiederangefahren, am Sonntag soll der noch desolatere Reaktor Doel 3 ans Netz gehen. AKW-Gegner haben derweil mit einer Petition 173.000 Stimmen gegen den Neustart der Anlagen gesammelt.

Wie die Aachener Zeitung unter Berufung auf Electrabel-Specherin Anne-Sophie Hugé berichtet, soll der Reaktor Tihange 2 am Montagabend gegen 21:30 Uhr den Betrieb wiederaufgenommen haben. Das AKW hatte seit Sommer 2012 überwiegend stillgestanden, nachdem bei einer Ultraschalluntersuchung 3.150 Risse im Reaktordruckbehälter entdeckt worden waren. Tihange liegt nur 60 Kilometer von Aachen entfernt.

Am Sonntag soll zudem der Reaktor Doel 3 bei Antwerpen ans Netz gehen, dessen Zustand den Zahlen nach noch haarsträubender zu sein scheint. Die Messungen am Druckbehälter des Reaktors ergaben 13.000 Risse. Doel 3 war gemeinsam mit Tihange 2 bereits zweimal auf Anordnung der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC zwangsweise für Monate abgeschaltet worden – im August 2012 und im März 2014. Nach Untersuchungen, die teilweise sehr erschreckend ausfielen, urteilte die FANC schließlich dennoch, dass die Schäden in Doel und Tihange die Reaktorsicherheit „nicht in inakzeptabler Weise“ beeinträchtigen.

Doch auch wenn in wenigen Tagen auch der zweite belgische Hochrisikoreaktor in Betrieb gehen sollte, haben deutsch-belgisch-niederländische Anti-AKW-Initiativen einen großen Erfolg erzielt: Eine Petition gegen ein Wiederanfahren von Doel 3 und Tihange 2 wurde mittlerweile von 173.000 UnterstützerInnen gezeichnet. Wenn auch die Wiederinbetriebnahmen nicht verhindert werden konnte, wurde eine breite Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen.

Der Betreiber hat indes angekündigt, beim nächsten Brennstoffwechsel in Doel und Tihange neue Ultraschalluntersuchungen durchzuführen.

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    19. Februar 2015 — Die belgische Atomaufsicht spricht von einem „Problem für den ganzen Nuklearsektor“: In den Reaktordruckbehältern der beiden Atomkraftwerke Doel-3 und Tihange-2 waren bereits im Sommer 2012 tausende Risse gefunden worden. Eine neue Analyse ergab, dass es sich um noch größere Schäden handelt als bislang bekannt. AtomkraftgegnerInnen fordern nun weltweite Untersuchungen.
  • 1.000 Risse im ältesten AKW der Welt
    9. Oktober 2015 — Mitten in Europa befindet sich das älteste Atomkraftwerk der Welt: Der Block 1 des AKW Beznau in der Schweiz wurde am 1. September 1969 in Betrieb genommen. Im Herzen des Meilers, dem Reaktorbehälter, sollen sich 1.000 Risse oder sogar Löcher befinden. Das zur Zeit abgeschaltete Kraftwerk wird deshalb wohl nie wieder in Betrieb gehen können.

Quellen (Auswahl): Aachener Zeitung, nuklearforum.ch, wikipedia.org u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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