.ausgestrahlt-Blog

12.01.2016 | von Robert Socha

Großbritannien: „AKW-Dinosaurier“ Wylfa 1 stillgelegt, riskante Neubaupläne - kaum ein Grund zum Feiern

Auf der walisischen Insel Anglesey ist zum Jahresende das AKW Wylfa 1 nach über 44 Jahren Betrieb endgültig vom Netz gegangen. Gründe zum Feiern gibt es dennoch kaum – denn nach wie vor ist in Großbritannien über ein Dutzend Reaktoren einer gefährlichen Baureihe am Netz. Darüber hinaus plant die britische Regierung Neubauten von AKW chinesischer und französischer Bauart, die noch nicht einmal erprobt wurden.

Am 30. Dezember war es endlich soweit: Nachdem die endgültige Abschaltung des Reaktors Wylfa 1 seit mehr als einem halben Jahrzehnt immer wieder hinausgezögert worden war, ging der Reaktor schließlich dauerhaft vom Netz. In den vergangenen Jahren verbrauchte Wylfa 1 die Brennelemente seines 2012 stillgelegten Zwillingsreaktors, Wylfa 2. Mit Wylfa 1 wurde damit der letzte Reaktor der technisch längst überholten ersten britischen AKW-Baureihe „Magnox“ abgeschaltet, für die schon seit Jahren keine Brennelemente mehr produziert werden.

Charakteristisch für die Magnox-Reaktoren ist die relativ geringe Produktionsleistung verglichen mit Druck- oder Siedewasserreaktoren. Aus diesem Grund wurden die Anlagen an allen Standorten in Zwillingsbauweise mit je zwei Reaktoren konstruiert.

Nachfolgebaureihe auch nicht mehr zeitgemäß – und gefährlich

Die AGR-Baureihe ist eine weiterentwickelte Version des Magnox-Reaktors. Diese Meiler sind auch nicht mehr zeitgemäß, weil das gesamte Konzept eines gasgekühlten Atomreaktors schon lange überholt ist. So setzte auch Frankreich ursprünglich mit dem UNGG-Reaktor auf ein ähnliches Konzept, stellte jedoch sämtliche Bauprojekte ein, nachdem es am 17. Oktober 1969 im AKW Saint-Laurent zu einer partiellen Kernschmelze gekommen war. Am 13. März 1980 schmolz erneut ein Brennelement in derselben Anlage.

Durch ein Feuer erlitt der UNGG-Reaktor Vandellòs 1 in Spanien im Oktober 1989 einen Totalschaden. 1994 ging mit Bugey 1 die letzte französische Anlage dieses Typs vom Netz. Japan baute einen einzigen Magnox-Reaktor am Standort Tokai, der seit 1998 außer Betrieb ist.

Seit 20 Jahren setzt Großbritannien als einziges Land weltweit auf diese Reaktortechnik. Zum Jahresbeginn 2016 sind dort 15 Atomreaktoren in Betrieb, von denen einer ein Druckwasserreaktor ist, die übrigen 14 hingegen sogenannte AGR („Advanced Gas Cooled Reactor“).

Unerprobte chinesische und französische AKW-Typen in der Planung

Gleichzeitig treibt die britische Regierung als einzige in Westeuropa im großen Umfang umstrittene AKW-Neubauprojekte voran. Am Standort Hinkley Point sollen zwei Reaktoren des Typs „Areva EPR“ mit insgesamt 3.200 MW Leistung entstehen. Weitere Bauten sind am Standort Sizwell geplant. Arevas EPR wurde weltweit noch nirgends fertiggestellt, Inbetriebnahmen in Flamanville (Frankreich), Olkiluoto (Finnland) und Taishan (China) mussten immer wieder verschoben werden, während die Baukosten sich teilweise mehr als verdreifacht haben.

Der Neubau am Standort Hinkley Point könnte zum teuerste der Atomgeschichte werden. Er soll durch staatliche Strompreisgarantien finanziert werden, deren Vereinbarkeit mit EU-Recht nicht endgültig erklärt ist. Ein Teil der Kosten des Neubaus soll mit chinesischen Geldern gedeckt werden. Im Gegenzug soll am britischen Standort Bradwell ein Reaktor vom Typ „Hualong One“ entstehen – ein Reaktor chinesischer Bauart, der bisher nur in China und Pakistan im Bau ist und von dem es ebenfalls weltweit noch keinen betriebsbereiten, erprobten Prototypen gibt.

Als weiterer experimenteller Reaktortyp ist im walisischen Trawsfynydd der Bau des aus der U-Boot-Technik abgeleiteten Kleinreaktor „Small Modular Reactor“ (SMR) im Gespräch, der 300 Megawatt Leistung haben soll. Am Standort Wylfa ist südwestlich der bestehenden Reaktoren unter dem Projektnamen „Wylfa Newydd“ ebenfalls bereits ein Neubau geplant, hier sollen japanische Hitachi-Reaktoren entstehen.

Britische Atompläne: im Westen unter Beschuss, Rückenwind aus Osteuropa

Doch die britschen Neubaupläne sind umstritten. Rückenwind gibt es ausgerechnet aus osteuropäischen Ländern wie Tschechien, Ungarn, Polen und der Slowakei, deren rechtspopulistische Regierungen sich von Hinkley Point einen Präzedenzfall für geplante AKW-Bauprojekte in ihren Ländern erhoffen.

In Westeuropa stößt das Projekt hingegen auf großen Widerstand. Anfang Dezember legte die österreichische Regierung eine Nichtigkeitsklage gegen Hinkley Point ein. Auch Greenpeace, die luxemburgische Regierung sowie mehrere Stadtwerke aus Baden-Württemberg bereiten Klagen vor. Der Stromanbieter EWS Schönau sammelte in Zusammenarbeit mit .ausgestrahlt 180.000 Unterschriften gegen das Projekt. Das Tauziehen um die Atomkraft in Europa wird in Hinkley Point ausgetragen.

weiterlesen:

Hinkley Point: Anfang vom Ende des Atomzeitalters
24. Juni 2015 — Mehr als 171.000 Menschen und 30 deutsche und internationale Umweltschutzorganisationen richten eine Beschwerde an die EU-Kommission: Kein AKW-Neubau im britischen Hinkley Point! Denn dieser Bau soll nach neuesten Informationen mit über 100 Milliarden Euro Steuergeldern subventioniert werden. In dieser Woche beschloss die österreichische Regierung zudem offiziell ihre Klage gegen die EU-Subventionen. Eingereicht werden soll sie am Montag.

Japanischer Atomkonzern Toshiba schwer angeschlagen
17. Dezember 2015 — Nach dem Absturz des französischen Atomkonzerns Areva steht es auch um den japanischen AKW-Hersteller Toshiba schlecht. Für ein Reaktorprojekt in England fehlt viel Geld. Doch statt sich von seinen Nukleargeschäften zu verabschieden, baut Toshiba lieber keine Fernseher mehr…

Quellen (Auswahl): taz.de, ausgestrahlt.de, ews-schoenau.de, dailypost.co.uk, wikipedia.org, diepresse.com, welt.de u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

« zurück