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11.02.2016 | von Robert Socha

Trotz AKW-Neustart: Japanische Atomstadt Takahama will weg von der Atomkraft

In Japan ist nach den Kernschmelzen von Fukushima nun an einem zweiten Standort ein Reaktor wieder hochgefahren worden. Die gleichnamige Stadt ist von Meilern regelrecht „umzingelt“. In Zukunft will sie von der Atomkraft unabhängig werden.

Japan: Atom-Region Fukui
Foto: Karte: google

Die japanische Präfektur Fukui, in der das AKW Takahama steht, ist so etwas wie Japans „Atomstromprovinz“: Sechs Atomanlagen mit insgesamt 15 Reaktoren sind hier in direkter Nachbarschaft zueinander hochgezogen worden. Hier konzentriert sich mehr als ein Viertel von Japans Reaktorflotte. Doch die einstige japanische Vorzeige-Region für den Ausbau der Atomkraft hat sich seit Fukushima zu einer Hochburg des Anti-Atom-Widerstands entwickelt.

150.000 protestierten gegen Wiederinbetriebnahme

Das wird am Beispiel des Standorts Ohi deutlich: Im Dezember 2011 war mit Block 1 der letzte der dortigen vier Reaktoren vom Netz gegangen. Nachdem am 5. Mai 2012 sämtliche japanische AKW abgeschaltet waren, erteilte die Regierung im Juni 2012 wegen „möglicher Engpässe bei der Stromversorgung im Sommer“ die Erlaubnis, die Blöcke Ohi-3 und -4 wieder hochzufahren. Kurz vor dem Wiederanfahren des ersten Reaktors in Oi gingen in Tokio mehr als 150.000 Menschen auf die Straße. Rund 200 Menschen blockierten die Zufahrt zum AKW.

Die Inbetriebnahme erfolgte trotzdem: Ohi-3 erreichte am 9. Juli 2012 die volle Leistung, am 25. Juli folgte Block 4. Im Anschluss reichten 189 Personen Klage ein: Sicherheitsmaßnahmen wie beispielsweise ein Reaktorkühlsystem für den Notfall seien „nur ungenügend oder gar nicht vorhanden“, lautete der Vorwurf. Für Wartungsarbeiten wurden beiden Blöcke im September 2013 wieder vom Netz genommen. Am 21. Mai 2014 verbot das Bezirksgericht von Fukui das Wiederanfahren der Anlage, weil sie möglicherweise auf einer aktiven Erdspalte stehe. Betreiber KEPCO könne die Erdbebensicherheit der Anlage nur unzureichend garantieren.

Zum ersten Mal seit dem Unfall im AKW Fukushima hatte damit ein Gericht in Japan den Betrieb eines AKW verboten!


Ein ähnliches Urteil fällte das Bezirksgericht im April 2015 gegen das AKW Takahama. AnwohnerInnen hatten bereits im Dezember 2014 per Petition einen Wiederanfahrstopp verlangt. Sie warfen Betreiber KEPCO ungenügende Sicherheitsvorkehrungen und unterschätztes Erdbebenrisiko vor. Das Gericht urteilte zu Gunsten der Anwohner. KEPCO ging in Revision und konnte die Aufhebung des Urteils erreichen. Das AKW Takahama-3 nahm am 30. Januar 2016 den Betrieb wieder auf. Parallel wurde damit begonnen, Takahama 4 mit neuem Brennstoff zu befüllen.

Tourismus statt Atomkraft

Doch der 11.000-EinwohnerInnen-Ort Takahama will jetzt weg vom Image als Atomstadt. „Es stimmt, dass wir abhängig von der Atomindustrie waren“, zitiert „TheJapanTimes“ einen namentlich nicht näher genannten Liegenschaftsverwalter des Ortes, der 2014 51 Prozent seiner Steuereinnahmen von KEPCO bezog. „Wir zielen darauf ab, die Stadtgemeinschaft so umzugestalten, dass sie nicht auf Atomkraft angewiesen ist.“

Stattdessen möchte man künftig den eingeschlafenen Tourismussektor wieder in Gang bringen, indem sie neue Badestrände zertifizieren lässt. Dass die Ziele ambitioniert sind und keine leichte Aufgabe darstellen, ist man sich bewusst und hält sich bedeckt – zu mächtig ist die lokale Atomindustrie. “Wichtig ist, was wir tun, nachdem wir die Zertifikate bekommen haben”, so ein ebenfalls namentlich nicht genannter Mitarbeiter der Stadtverwaltung.

weiterlesen:

  • Japan nimmt erstes AKW wieder in Betrieb
    11.08.2015 - Am kommenden Freitag soll als erster Meiler nach Beginn der Fukushima-Katastrophe ein Block des AKW Sendai wieder Strom produzieren. Gegen erheblichen Protest aus der Bevölkerung.
  • Japanische Sicherheitsvorschriften unzureichend: Erdbebenexperte warnt vor neuen Katastrophen
    26.06.2015 - Nach Beginn des Super-GAU von Fukushima mussten alle japanischen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Milliarden wurden bis heute in Sicherheitsnachrüstungen investiert. Laut Atomaufsicht sind die Vorschriften jetzt „die strengsten der Welt“. Dem widersprechen renommierte Wissenschaftler und warnen vor dem angekündigten Wiederanfahren der AKW: Die Gefahren durch mögliche Erdbeben werden weiterhin nicht ernst genommen.
  • Fukushima: Schilddrüsenkrebs bei Kindern und irreführender IAEO-Report
    16.06.2015 - Im September will die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) einen Bericht zur Atomkatastrophe von Fukushima vorlegen, der von 180 Experten aus 40 Ländern zusammengestellt wurde. Im Kern gibt er schon jetzt eine Antwort: Japan habe „übermäßiges Vertrauen“ in die Sicherheit ihre Atomanlagen gehabt. Greenpeace spricht von „Irreführung“, der IPPNW berichtet unterdessen von zehntausenden erkrankten Kindern.

Quellen (Auswahl): www.japantimes.co.jp, en.wikipedia.org, asienspiegel.ch, nuklearforum.ch

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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