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22.04.2016 | von Robert Socha

USA: Kein Strafverfahren wegen gefälschten AKW-Sicherheitszertifikaten

Der US-Energiekonzern Entergy hat über einen Zeitraum von zehn Monaten in einem AKW in Louisiana Sicherheitszertifikate gefälscht. Trotzdem sieht die Atomaufsichtsbehörde von einem Strafverfahren gegen das Unternehmen ab.

AKW Waterford 3 in der Metropolregion New Orleans, USA
Foto: google AKW Waterford 3 bei New Orleans, USA

Wie im Dezember bekannt geworden war, wirft die US-Atomaufsichtsbehörde NRC dem zweitgrößten Atomstromanbieter der USA Entergy vor, von August 2013 bis Juni 2014 Sicherheitszertifikate für das AKW Waterford-3 im Bundesstaat Louisiana gefälscht zu haben. Dabei sollen BrandschutztechnikerInnen Inspektionszertifikate ausgestellt haben, ohne dass entsprechende Inspektionen durchgeführt wurden. Das AKW durfte dennoch auch nach Bekanntgabe des Vorfalls weiterbetrieben werden. In einem Schreiben vom 6. April hat die NRC nun den Betreiber um weitere Maßnahmen gebeten und bietet Entergy im Gegenzug an, vorerst keine Klage wegen der Zertifikate einzureichen.    

Wirtschaftspsychologen als Aufklärer

Ihre Entscheidung begründet die NRC mit den „umfassenden Korrekturmaßnahmen“, die der Atomkonzern seit Bekanntwerden des Vorfalls vorgenommen hat. Die NRC hat weitere dieser Maßnahmen angeordnet, die Entergy innerhalb von neun Monate erfüllen soll. So empfiehlt die Behörde dem Betreiber unter anderem, einen Wirtschaftspsychologen einzustellen, um zu erforschen, was „häufige Ursachen“ für solche Vorfälle im AKW seien, zudem soll er mögliche ähnliche Vorfälle aus der Vergangenheit ermitteln. Brandschutzbeauftragte sollen zudem umfassend geschult werden, ebenso wie „das Verantwortungsgefühl von Aufsehern, wenn ihnen Tatsachen oder Umstände bekannt werden, die sich potentiell auf die Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit einer Person auswirken könnten“.    

„Narrenfreiheit“ für Entergy?

Die beschlossenen Maßnahmen sind Teil einer „alternativen Schlichtung“, die die NRC Entergy angeboten hatte. Diese Entscheidung setzt ein gefährliches Signal, zeigt sie doch, dass einem milliardenschweren Stromkonzern selbst in hochsensiblen Fragen wie der Reaktorsicherheit quasi Narrenfreiheit gewährt wird. Der Vorfall führt zu dem Schluss, dass im AKW-Tagesgeschäft betrogen und gefälscht werden darf, solange sich ein Betreiber nach Bekanntwerden des Betrugs reumütig und motiviert genug gibt, zuvor vertuschte Fehler zu korrigieren. Die Praktik der Behörde, dass der Betrug, der vorsätzliche Verstoß dem Wirtschaftsgiganten auch noch als Fehlinterpretation, als triviale Unachtsamkeit ausgelegt wird, ist damit der Skandal im Skandal.

Die NRC erweist sich an dieser Stelle mehr als Lobbyorganisation der Atomindustrie denn als gewissenhafte Prüfinstanz. Damit erinnert sie nicht zuletzt an die ehemalige Atomaufsichtsbehörde NISA in Japan, die sowohl die Aufgabe hatte die AKW zu überwachen als auch den Ausbau der Atomkraft im Land zu fördern, bis sie nach dem katastrophalen Unglück in Fukushima 2011 und Enthüllungen über ihre Arbeitsweise aufgelöst wurde.    

weiterlesen:

  • Der Rückzug der Atomkraft in den USA
    20.11.2015 - Noch vor wenigen Jahren wurde in den USA die Renaissance der Atomkraft angekündigt und mit dem Bau neuer Reaktoren begonnen. Viereinhalb Jahre nach Fukushima sind zahlreiche Meiler ausser Betrieb gegangen. Die Zahl der Neubauten hält ich in Grenzen. Aktuell wurde wieder die Stilllegung zweier Anlagen beschlossen.

Quellen (Auswahl): www.nrc.gov, www.wikipedia.org, www.nola.com u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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