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29.04.2016 | von Robert Socha

Computerviren im Reaktor B des AKW Gundremmingen

Im Computersystem von Gundremmingen B ist Schadsoftware entdeckt worden. Die entdeckten Programme gehören einem älteren Typ an und befanden sich womöglich schon länger im System.

Windows Virus Ramnit
Windows Virus Ramnit

Wie die Nachrichtenagentur Reuters in einem Bericht am Mittwoch mitteilte, ist bei der Vorbereitung einer Revision von Block B im AKW Gundremmingen Schadsoftware entdeckt worden. Der Betreiber spricht im Zusammenhang mit der entdeckten Malware von „Büro-Schadsoftware“, welche darauf abziele, „ungewollte Verbindungen zum Internet herzustellen“. Der betroffene Computer gehöre zur Brennelemente-Lademaschine des Reaktors. Laut dem Betreiber soll die Bevölkerung nicht gefährdet gewesen sein, da alle sensiblen Bereiche des AKW entkoppelt und nicht mit dem Internet verbunden seien. Der betroffene Block war seit dem 7. April für die planmäßige Revision abgeschaltet gewesen. Der Vorfall wurde der Atomaufsicht sowie dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gemeldet.    

Entdeckter Wurm war seit über drei Jahren nicht mehr im Umlauf

Auf eine Anfrage von ZEIT Online teilte der Kraftwerkssprecher Tobias Schmidt mit, dass es sich bei den Programmen um den Virus "W32.Ramnit" sowie den Wurm "Conficker" handele, die in den Jahren 2009 bzw. 2010 in den Umlauf gekommen waren. Der Betreiber habe mit Verweis auf laufende Untersuchungen verweigert mitzuteilen, wie die Schadsoftware in das Kraftwerk gekommen war. Computerexperten gehen davon aus, dass die Systeme schon länger infiziert waren, zumal seit über drei Jahren keine neue Verbreitung von Conficker bekannt geworden ist. Das infizierte Computersystem sei 2008 installiert worden, die Malware sei auch auf 18 Datenträgern im Reaktorgebäude gefunden worden.     

Ähnlicher Vorfall in den USA verusachte wochenlangen Stillstand

Angriffe auf Stromnetze und Kraftwerke mithilfe von Schadsoftware stellen schon lange mehr als nur eine abstrakte Gefahr dar. Dem von der NSA mitentwickelten Computerwurm "Stuxnet" gelang es 2010, mehrere Atomanlagen des Iran zu stören. Im Dezember legten Hacker Teile des ukrainischen Stromnetzes lahm. Anfang 2013 berichte das Industrial Control Systems Computer Emergency Readiness Team  (ICS-Cert) des US-Heimatschutzministeriums von einem Vorfall, bei dem ein Techniker mit einem infizierten USB-Stick die Turbinenkontrollsysteme in einem nicht näher genannten AKW lahmlegte, was zu einem dreiwöchigen Stillstand führte.    

Die Nachricht, dass die Viren im AKW Gundremmingen veraltet seien und sich vermutlich schon länger im System befunden haben, ist keineswegs eine beruhigende Nachricht, sondern gibt Anlass zur Sorge. Wie vertrauenswürdig kann die Sicherheitspolitik eines AKW-Betreibers sein, der jahrelang Computerviren in der Reaktorsoftware übersieht?

Die Reaktoren Gundremmingen B und C gingen 1984 ans Netz. Eigner sind zu drei Vierteln RWE und zu einem Viertel Eon. Gundremmingen B soll gemäß Plänen der Bundesregierung sowie RWE Ende kommenden Jahres vom Netz gehen, 2021 soll die Anlage mit der Abschaltung von Block C ganz stillgelegt werden.    

weiterlesen:

  • Das „gefährlichste AKW“ steht in Gundremmingen
    16.12.2015 - Alle Atomkraftwerke sind gefährlich, sie beherbergen ein ungeheures Risikopotential. Teilweise selbst dann noch, wenn sie für immer abgeschaltet wurden. Doch die beiden alten Siedewasserreaktoren von Gundremmingen sind laut einer aktuellen Analyse der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) „die gefährlichsten“ unter den letzten acht in Deutschland noch laufenden Meilern.

  • Hochverstrahltes Brennelement im AKW Gundremmingen abgestürzt
    10.11.2015 - Eine „Eilmeldung“ musste der Betreiber des bayerischen Atomkraftwerks Gundremmingen an die Atomaufsichtsbehörde machen: An einem Brennelement löste sich beim Transport mit einem Kran das Brennstabbündel vom Brennelementkopf und „rutschte“ unkontrolliert in seine Lagerposition. Teilweise befindet sich der Atommüll schon seit fast 30 Jahren in den Becken.

Quellen (Auswahl): www.reuters.com, www.zeit.de, www.spiegel.de, www.br.de, de.wikipedia.org u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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