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05.05.2016 | von Robert Socha

Bis zu fünfzig gefälschte Teile in französischen Atomkraftwerken

Nachdem vor einem Jahr im französischen Atomkraftwerk Flamanville sehr ernste Verarbeitungsfehler gefunden worden waren, hat Areva ähnliche „Unregelmäßigkeiten“ in den Unterlagen zu Hunderten von Bauteilen entdeckt, die in französischen AKW verbaut sind. Damit könnten zahlreiche andere Reaktoren im Land gefährliche Mängel im sensibelsten Anlagenteil haben.

Atomkraftwerke in Frankreich
Atomkraftwerke in Frankreich

Der Bau des neuen Druckwasserreaktors EPR von Areva wurde vor einem Jahrzehnt von der Atomindustrie noch als „Schritt zu einer Atomrenaissance“ zelebriert. Dann kamen an den Baustellen in Olkiluoto (Finnland), Flamanville (Frankreich) und Taishan (China) die Bauten ins Stocken, die Fertigstellungen wurden immer weiter hinausgeschoben. Aktuell bis in das Jahr 2018 für Olkiluoto und Flamanville, die Baukosten stiegen von ursprünglich drei Milliarden auf inzwischen 8,5 (Olkiluoto) bzw. 10,5 Milliarden Euro.

Reaktordruckbehälter drohen zu reißen

Im April wurde zudem bekannt, dass der Reaktordruckbehälter von Flamanville gravierende Sicherheitsmängel aufweist. Der Stahl des Behälters besitzt nicht die erforderliche Festigkeit, wodurch das Gefäß reißen könnte. Der Vorsitzende der französischen Atomsicherheitsbehörde ASN, Pierre-Franck Chevet, bezeichnete den Fund als „sehr ernste Anomalie“. Es wurde ein Untersuchung angeordnet, bei dem auf dem Kraftwerksgelände durch Belastungstests ein Reaktordeckel zerstört werden soll, der eigentlich für das AKW Hinkley Point gedacht war. Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen.     

Flamanville-Aus könnte auch das Ende von Hinkley Point bedeuten

Für Areva und den französischen Stromkonzern EDF könnte ein negativer Abschlussbericht nicht nur eine Aufgabe des Bauprojekts in Flamanville bedeuten, sondern auch von Hinkley Point. Erst vor wenigen Tagen hatte EDF mitgeteilt, seine Entscheidung dieses AKW im Südosten Englands zu bauen, wegen der unsicheren finanziellen Lage um Monate zu verschieben.

Bis zu 50 mangelhafte Bauteile in den Herzstücken französischer Reaktoren 

Doch damit nicht genug: Nun teilte Areva mit, dass die gravierenden Sicherheitsmängel womöglich nicht nur die neuen EPR-Reaktoren beträfen, sondern auch ältere Reaktormodelle. So seien in den Dokumenten zu 400 Bauteilen, die seit 1965 im Schmiedewerk Cruesot Forge hergestellt wurden, „Unregelmäßigkeiten“ gefunden worden. Konkreter handele es sich um „Unstimmigkeiten, Veränderungen oder Weglassen“ bei Herstellungsparametern und Testergebnissen. 50 dieser Bauteile seien in französischen AKW verbaut worden. Dabei könne es sich um große, nicht austauschbare Stahlteile im sensibelsten – dem nuklearen Bereich des AKW handeln.

„Kann nicht ausschließen, dass Angaben gefälscht wurden“    

In einem Interview mit der Zeitung „Les Echos“ teilte Areva-Chef Philippe Knoche mit, er „könne nicht ausschließen, dass Angaben gefälscht“ wurden. Der Konzern möchte nun untersuchen, „wie ernst diese Anomalien sind und welche Konsequenzen für die Sicherheit der Anlagen bestehen“.

Trotz all dieser erschreckenden Nachrichten ist jedoch bisher kein einziges französisches AKW wegen dieser Meldung vom Netz genommen worden.

weiterlesen:

  • Hinkley Point: Prestigeprojekt der Atomlobby wackelt heftig
    25.04.2016 - Der französische Energieversorger EDF hat seine Entscheidung in England ein neues Atomkraftwerk zu bauen, erneut um Monate verschoben. Nun soll es im September ein Votum des angeschlagene Staatskonzerns geben, das heftig umstrittene Kraftwerk zu realisieren oder nicht.

Quellen (Auswahl): www.faz.net, www.sueddeutsche.de, www.reuters.com, de.wikipedia.org  u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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