.ausgestrahlt-Blog

09.05.2016 | von Robert Socha

Israel: 1.537 Schäden im Reaktor Dimona

WissenschaftlerInnen haben bei einer Untersuchung des israelischen Reaktors Dimona 1.537 Schäden entdeckt. Selbst ExpertInnen fordern die Abschaltung des 53 Jahre alten Meilers. Doch die Regierung weigert sich – denn Dimona ist für sie unersetzlich.

Der Reaktor bei Dimona / Israel
Foto: haaretz Der Reaktor bei Dimona / Israel

Das AKW Dimona ist ein schwerwassergekühlter und -moderierter Reaktor französischer Bauart, der vermutlich 1963 erstmals ans Netz ging. Er steht innerhalb einer Militäranlage im Negev Nuclear Research Center und soll ursprünglich eine Nominalleistung von 24 Megawatt (MW) gehabt haben, jedoch mit einer Leistung von 40 MW betrieben worden sein. Nach Leistungserhöhungen soll der Reaktor inzwischen 150 MW besitzen.

Über die Eckdaten des AKW ist insgesamt wenig bekannt, da Israel nach einer Entdeckung der Anlage durch den amerikanischen Geheimdienst nicht zugestimmt hat, dass Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA den Reaktor untersuchen. Die Anlage ist stattdessen der israelischen Atomenergiekommission IAEC untergeordnet, die jedoch nur dem israelischen Präsident Bericht erstattet. Jahrzehntelang wurde gemutmaßt, dass die Anlage der Regierung diene, um waffenfähiges Plutonium herzustellen. Der Whistleblower und ehemalige Techniker der Anlage Mordechai Vanunu ging 1986 mit Enthüllungen über das israelische Atomprogramm an die Öffentlichkeit. Israel hat die militärische Nutzung der Anlage weder bestätigt noch dementiert.

Auch Mitgründer der Anlage fordert Abschaltung

Beim Bau der Anlage wurde der Reaktor für eine Betriebszeit von 40 Jahren ausgelegt, inzwischen ist die Anlage 53 Jahre alt. Wie die israelische Tageszeitung „Haaretz“ Ende April enthüllte, haben israelische WissenschaftlerInnen nach einer Ultraschalluntersuchung im Reaktor 1.537 Schäden entdeckt. Vermutlich handelt es sich dabei um Risse im Aluminium-Druckbehälter. Das Inspektorenteam teilte mit, dass die Schäden „derzeit keine unmittelbare Gefährdung darstellen“ - Experten sind sich jedoch einig, dass der Behälter weder repariert noch ersetzt werden kann. Zu den Kritikern gehört auch der Wissenschaftler Uzi Even, einer der Mitgründer der Anlage. Er verlangt die sofortige Stillegung der Anlage und auch Mitglieder des Knesset forderten kürzlich, unmittelbar nach den Pessach-Feiertagen Mitte April im Parlament über die Risiken des Reaktors zu beraten.

Mehrmals von Raketen beschossen

Auch wenn der Reaktor mitten in einer Wüste liegt, stellt er eine Gefahr für das ganze Land und die Region dar, denn Israels Territorium entspricht größenmäßig dem von Baden-Württemberg. Neben den altersbedingten Ermüdungserscheinung ist die Anlage auch durch Raketenbeschuss gefährdet. In den letzten Jahren wurden immer wieder vom Gazastreifen aus Raketen in Richtung Dimona abgefeuert. Zwar ist die Anlage seit 2002 mit einem Patriot-Luftabwehrsystem ausgerüstet - doch auch dieses konnte beim letzen Beschuss im Juli 2014 nur eine von drei auf die Anlage abgefeuerten Raketen aufhalten. Die anderen beiden verfehlten zum Glück ihr Ziel und schlugen nur nahe der Anlage ein.

Regierung: Dimona ist unersetzbar

Die israelische Regierung sträubt sich dennoch dagegen, den Reaktor abzuschalten. Uzi Even weiß wieso: „Niemand in der Welt wird uns einen neuen Reaktor verkaufen, solange wir keinen Beitritt zur IAEA unterzeichnet haben“. Den ReaktorherstellerInnen dürfte bewusst sein, dass die Lieferung von Atomtechnik an Israel ohne Einbezug der IAEA nur wieder neues Öl ins Feuer des seit Jahrzehnten brodelnden Nahostkonflikts gießen würde. Doch die Regierung möchte an ihrem Atomprogramm festhalten und deswegen soll der Reaktor nach ihrem Willen weiterlaufen.

Freiwillig zu IAEA-Standards verpflichtet

Doch das Land hat sich freiwillig verpflichtet, die Anlage nach IAEA-Standards zu warten und zu beurteilen. Insbesondere die BürgerInnen von Dimona fürchten schon lange um ihre Sicherheit und fordern mehr Transparenz. Kürzlich teilte Meir Cohen, der ehemalige Bürgermeister der Stadt mit, die Verantwortlichen der Atompolitik im Land dürfen sich nicht „hinter Geheimhaltungspflicht und Sicherheitsbedürfnissen verstecken". Die Anlage gefährdet die Sicherheit der Menschen in der Region und muss daher unbedingt sofort vom Netz.

Quellen (Auswahl): www.haaretz.com, www.fr-online.de, www.jpost.com, www.timesofisrael.com, www.ingenieur.de, de.wikipedia.org

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

« zurück