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12.05.2016 | von Robert Socha

Schweiz: AKW Beznau in größeren Atomskandal verwickelt?

Das AKW Beznau soll noch weitere sechs Monate vom Netz bleiben. Der Betreiber gibt an, Produktionsunterlagen geprüft und Schäden im Reaktorbehälter als „unbedenklich“ identifiziert zu haben. Doch gerade diese Aussage könnte auf die Verwicklung in einen größeren Skandal hinweisen.

Protestaktion vor dem AKW Beznau 2013
Foto: greenpeace Protestaktion vor dem AKW Beznau 2013

Der vor einem Jahr wegen 925 Schäden am Druckbehälter abgeschaltete Reaktor Beznau 1 ist das älteste AKW der Welt. Trotzdem will der Betreiber die Anlage mit teils abenteuerlichen Rechtfertigungen wieder in Betrieb nehmen. Wie der Betreiber Axpo vergangene Woche mitgeteilt hat, wird der Reaktor noch bis mindestens Ende des Jahres vom Netz bleiben. Das italienisch-sprachige Tessiner Portal "tio 20 minuti" gibt sogar 2017 als frühestmöglichen Wiederanfahrtermin an. Damit wurde der Neustart bereits zum vierten Mal verschoben.

Beznau-Chef Mike Dost macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt

In einem am letzten Mittwoch in der Aargauer Zeitung veröffentlichten Interview sagte der Leiter des Kraftwerks, Mike Rost, er „habe einen neuen Begriff eingeführt und sage das erfahrenste statt das älteste Kernkraftwerk“. Hans Lüthi, der Verfasser des Artikels, legte ihm diese Äußerung in der Überschrift zum Artikel als „Wortklauberei“ aus. Auch wenn man die weiteren Äußerungen des Kraftwerksdirektors liest, könnte man meinen, alles sei ein Irrtum und Beznau 1 habe gar nicht die 925 Risse im Herzen des Reaktors: „Beznau ist absolut top, trotz seines Alters, das im Übrigen überhaupt nicht sichtbar ist“. Die Äußerungen des Kraftwerksdirektors dürften damit die bisher absurdeste Fürsprache für Beznau sein. Man kann auch eine 100 Jahre alte Person euphemistisch als „erfahren“ anstatt „alt“ bezeichnen. Man muss der Person auch ihr Alter nicht ansehen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihr Risiko, altersbedingt zu sterben, wesentlich höher ist als bei einer 40-jährigen...

Aargauer Zeitung: wikipedia-Eintrag zu Beznau ist Anti-Atom-Kampagne

Eine besonders gewagte Theorie stellt ein Redakteur der Aargauer-Zeitung, Fabian Hägler in seinem Artikel vom letzten Mittwoch auf. Er bezeichnet „Wikipedia-Autor“, der den Artikel über Beznau verfasst hat als „Atom-Kritiker“, der versuche, die öffentliche Meinung über das AKW zu beeinflussen. Dabei bezieht er sich auf die relativ wertfreie Formulierung „Zukunft aufgrund von zahlreichen Schäden am Reaktordruckbehälter ungewiss“. Diese Aussage zeugt von Unkenntnis: Wikipedia basiert auf den Prinzipien der freiwilligen Mehrautorenschaft sowie Diskussionskultur, die zunächst einmal für alle Nutzer, unabhängig von ihren Ansichten, offen ist. Zum anderen ignoriert diese Aussage das Vorgehen des Betreibers Axpo seit Bekanntwerden der Schäden in Beznau 1 im letzten Jahr.

Axpo drohte mit Klage in Höhe von 2 Mrd. Franken bei Abschaltung

So diskutierte der Betreiber Axpo einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung im Oktober 2015 noch die Möglichkeit einer Teilstilllegung der Anlage. Obwohl das Ausmaß der Schäden im zweiten Reaktor zu diesem Zeitpunkt noch wenig bekannt war, drohte Axpo der Schweizer Regierung zur gleichen Zeit mit einer Schadensersatzklage in Höhe von zwei Milliarden Franken, sollte diese beschließen, das AKW wegen der Schäden stillzulegen. Berichte über die Überprüfung von Beznaus Block 1 wurden der Öffentlichkeit zurückgehalten beziehungsweise in fast vollständig geschwärzter Fassung veröffentlicht.

Beznau 2 ging im Dezember unter fragwürdigen Umständen ans Netz

Gleichzeitig ging der Zwillingsreaktor Beznau 2 unter umstrittenen Umständen ans Netz. In einer Pressemitteilung vom 30. November hatte die Axpo zunächst groß in der Überschrift angekündigt, „Block 2 ohne auffällige Messresultate“ um anschließend im Kleingedruckten mitzuteilen, dass die Messungen „bisher nur vereinzelte kleinste Anzeigen ergeben, die nach Bewertung der Experten des KKB (der firmeneigenen Atomtechniker, Anmerkung R.S.) in Zahl und Lage ein unauffälliges Bild zeigen“. Dass, wie die Atomaufsichtsbehörde ENSI am 23. Dezember berichtete, nur „die wichtigsten drei Schmiederinge“ geprüft wurden und sich dabei 77 „Anzeigen“ ergaben verschwieg die Axpo in ihren Pressemitteilungen. Der Vorsitzende von Greenpeace Schweiz, Florian Kasser, kritisierte die Axpo für die irreführenden Informationen und bezeichnete die Wiederinbetriebnahme von Beznau 2 ohne genauere Prüfung der Art und Lage der Schäden an seinem Herzstück als leichtsinnig.

Woher hat Axpo plötzlich die Herstellungsunterlagen?

„Die Axpo liess 10.000 Seiten der Herstellungsdokumentation auswerten“ hieß es in einem Artikel der Aargauer Zeitung, der am letzten Dienstag unter dem Autorenkürzel sda veröffentlicht wurde. Dem Artikel zufolge belegen die Dokumente, dass die Schäden bei der Produktion 1965 und nicht erst im Betrieb entstanden seien und „unbedenklich“ wären. Fraglich bleibt dabei, woher die Axpo plötzlich solch umfassende Herstellungsdokumente bezogen hat. Die Meldung widerspricht einer anderen des Schweizer Tagesanzeiger aus dem vergangenen August, die davon berichteten, dass „ein detaillierter Bericht zur Wärmebehandlung der Schmiedeteile für den Reaktordruckbehälter“ fehle.

Druckbehälterhersteller steht unter Verdacht auf Urkundenfälschung

Doch auch wenn die fehlenden Dokumente für den Druckbehälter jetzt vorliegen sollten, könnten sie für eine verlässliche Beurteilung des Reaktorzustands unbrauchbar sein. Wie die taz berichtete, stamme der 1965 hergestellte Reaktordruckbehälter von Beznau 1 aus der französischen Schmiede Cruesot Forge, von der letzte Woche bekanntgeworden war, dass sie möglicherweise, ebenfalls seit 1965, im großen Stil Unterlagen für Reaktordruckbehälter gefälscht habe. Der Druckbehälter des noch in Bau befindlichen Reaktors Flamanville 3 in Frabkreich soll nach derzeitigen Erkenntnissen nicht die erforderliche Stabilität aufweisen, um den Belastungen im Betrieb standzuhalten. Dutzende weitere Reaktoren aus dieser Schmiede könnten ebenfalls betroffen sein.

Mit diesem Hintergrund gibt es also zu den Schäden an Beznau 1 noch viele Details zu klären.

weiterlesen:

  • 46 Jahre - ältestes AKW der Welt
    20.04.2016 - Mit einem riesigen Wegweiser machen AtomkraftgegnerInnen aufmerksam auf den ältesten noch in Betrieb befindlichen Atomreaktor der Welt. Er befindet sich im schweizerischen Beznau.

  • 1.000 Risse im ältesten AKW der Welt
    09.10.2015 - Mitten in Europa befindet sich das älteste Atomkraftwerk der Welt: Der Block 1 des AKW Beznau in der Schweiz wurde am 1. September 1969 in Betrieb genommen. Im Herzen des Meilers, dem Reaktorbehälter, sollen sich 1.000 Risse oder sogar Löcher befinden. Das zur Zeit abgeschaltete Kraftwerk wird deshalb wohl nie wieder in Betrieb gehen können.

Quellen (Auswahl): www.20min.ch, www.nzz.ch, www.taz.de, www.axpo.com, www.aargauerzeitung.ch, www.tagesanzeiger.ch, www.badische-zeitung.de, de.wikipedia.org

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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