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21.05.2016 | von Robert Socha

Skrupelloser Rückbesiedelungsplan für Fukushima

Die Evakuierungsanordnung für die gesamte japanischen Stadt Minamisoma nahe des havarierten AKW Fukushima-I wurde aufgehoben. Verantwortlich für dieses gefährliche Experiment an der lokalen Bevölkerung ist die japanische Regierung. An ihrer Spitze steht ein Lobbyist der Atomindustrie, der der Atomkraft im Land zu neuer Größe verhelfen will.

Japan: Bild eines Kindergarteneingangs
Foto: google StreetView Minamisoma: Eingang zu einem Kindergarten

Die Stadt soll wieder neu besiedelt werden. So will es die japanische Regierung. Wie das australische Portal skynews berichtet, sei die Evakuationsanordnung für die Stadt Minamisoma aufgehoben worden. Die Stadt liegt 25 Kilometer nordwestlich des 2011 havarierten AKW Fukushima-Daiichi, die äußersten Ausläufer ihres Landkreises nur zehn Kilometer von der Anlage entfernt. Die Entscheidungen „erlaubt“ 12.000 Menschen in ihre Häuser, die sie vor fünf Jahren verlassen haben, zurückzukehren.

Wiederbesiedelung senkt Entschädigungskosten

Eine „gute Nachricht“ dürfte das für allem für die Regierung und den Atomkonzern TEPCO sein. Denn je mehr verlassene Gebiete zur Wiederbesiedelung freigegeben werden, desto weniger Entschädigungen stehen den Strahlenflüchtlingen aus der Region zu. Derzeit erhalten sie noch eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet rund 1.000 Euro pro Monat. Zudem haben die Bewohner Fukushimas eine einmalig beschlossene Entschädigungszahlung in Höhe von umgerechnet 6.000 - 8.000 Euro je nach Haushalt erhalten.

Wer Kinder hat, will meist nicht zurück

Wer Kinder hat, versucht sich an einem neuen Ort eine Existenz aufzubauen. Die Verlierer sind diejenigen, die sich einen Neuanfang nicht leisten können. In Fukushima sind das vor allem alte Menschen, die ihr gesamtes Leben in der Region gewohnt haben und im wahrsten Sinne des Wortes zum Sterben zurückkehren. Viele taten das bereits vor der offiziellen Freigabe ihrer Städte. Dann gibt es noch diejenigen, die das was ihnen die Regierung erzählt, tatsächlich glauben und selbst zurück wollen.

90-faches der in Deutschland zulässigen Strahlenbelastung gemessen

Im März gab Yoichi Ozawa verschiedenen deutschen Medien Interviews. Der Bürger Minamisomas, dessen Haus nur 24 Kilometer Luftlinie von dem zerstörten AKW entfernt liegt, war nicht evakuiert worden und hat keine Ansprüche auf eine Entschädigung. Ozawa ist für das unabhängige „Fukuichi-Strahlenmessprojekt“ aktiv, das offizielle Messwerte der Regierung anzweifelt und eigene Messungen durchführt. Er hat an verschiedenen Stellen Minamisomas Strahlenwerte von 90 Millisievert ermittel, was den deutschen Grenzwert um das 90-fache übersteigt. TEPCOs Äußerungen, Strahlenwerte bis 100 Millisievert für die ArbeiterInnen an der zerstörten Anlage für „unbedenklich“ zu halten, sorgte schon kurz nach Beginn der Katastrophe für Schlagzeilen. Im Oktober musste der Konzern in einem ersten Fall den Zusammenhang zwischen der Arbeit im Kraftwerk und einer Krebserkrankung zugeben. Ein Mitarbeiter, der ein Jahr lang mit Aufräumarbeiten in Fukushima beschäftigt war, erkrankte an Leukämie.

„Kriminell, dass hier bald schon wieder Kinder spielen sollen“

Viel häufiger als Leukämie tritt Schilddrüsenkrebs bei Kindern auf. Das ergaben Screenings, die von der Regierung in der Präfektur Fukushima vorgenommen wurden. Während die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Befund bei unter 18-jährigen bei 1:1.500.000 liegt, ist sie in Fukushima stark erhöht. So wurden im Dezember bei 166 der 380.000 untersuchten Kinder Anzeichen für Schilddrüsenkrebs gefunden. Vier Monate zuvor waren es nur 137 gewesen. Auch Totgeburten treten immer häufiger auf, meistens sind Mädchen betroffen. Strahlenmesser Ozawa bringt es auf den Punkt. Die Rückbesiedelung komme „zu früh“, es sei daher „kriminell, dass hier bald schon wieder Kinder spielen sollen“.

TEPCO könnte versuchen, zweites Fukushima-Kraftwerk hochzufahren

Die Rückbesiedelung soll vor allem zur Verbesserung des angeschlagenen Image der Atomindustrie dienen. Premierminister Shinzo Abe ist der wichtigste und mächtigste Mann ihrer Lobby und will ihr zu neuer Größe verhelfen. Ein Großteil der offiziell noch in Betrieb befindlichen AKW soll nach seinem Willen bald wieder ans Netz gehen. Auch an den Baustellen für die neuen Reaktoren Shimane-3 und Ohma darf inzwischen wieder weitergebaut werden. Zudem könnte TEPCO im Zuge der Rückbesiedelung versuchen, das zweite Fukushima-Kraftwerk zwölf Kilometer südlich des zerstörten Fukushima-I wieder anzufahren, obwohl es in der  Todeszone liegt. Der Widerstand dagegen ist derzeit groß. Doch auch in Tschernobyl lief der letzte Reaktor noch bis in das Jahr 2000.

Normalität zu Olympia vermitteln

Und schließlich geht es Abe um das Image Japans. In Tokio sollen 2020 die olympischen Spiele stattfinden. Bis dahin will die japanische Regierung auch in Fukushima den Anschein von Normalität erwecken und das Unglück vergessen machen.

Es ist jedenfalls eine beispiellose Skrupellosigkeit, mit der die Regierung vorgeht. Millionen von Tonnen Erde werden in verschiedenen Bereichen der Todeszone abgebaggert und in Säcke verpackt, die später verbrannt werden sollen. Doch neue Strahlung kann jederzeit aus den belasteten Wäldern auf die Felder geweht werden. Ein so groß angelegtes „Strahlungsleugnungsprojekt“ hat es in der Geschichte der Atomkraft wohl nie gegeben.

Olympische Spiele: Plattform für Anti-Atom-Protest

Doch das japanische „Atomdorf“ kann sich oft eben doch nicht durchsetzen. Bürgerverbände klagen vielerorts gegen den AKW-Betrieb, Gerichte lassen Anlagen herunterfahren oder versagen ihnen den Neustart, wie zuletzt in den AKW Oi und Takahama geschehen. Es gilt, weiter in Japan und weltweit laut gegen den Atomkurs des Kabinetts Abe zu bleiben. Und Veranstaltungen rund um die kommenden olympischen Spiele, auf die diese Regierung so stolz ist, werden dafür eine weitere willkommene Plattform bieten.

weiterlesen:

  • Japans Bevölkerung protestiert weiter für den Atomausstieg
    01.04.2016 - Der Neustart in die japanische Atomenergienutzung wird weiter von Massenprotesten begleitet. Für einen weiteren Atomreaktor wurde kürzlich das endgültige Aus beschlossen, weitere könnten folgen. Die geforderten Nachrüstungen sind den Betreibern zu teuer.

Quellen (Auswahl u.a.): www.skynews.com.au, www.fr-online.de, www.sbs.com.au, www.thehindu.com, www.japantimes.co.jp, www.spiegel.de, www.wikipedia.org

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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