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29.05.2016 | von Robert Socha

USA: Ehemalige AKW-Bauruine geht ans Netz

Der Atomreaktor Watts Bar 2 ist am vergangenen Montag erstmals ans Netz gegangen, das AKW war seit 1972 im Bau, so lange wie keine andere Anlage auf der Welt. Es handelt sich um die erste Inbetriebnahme eines US-Reaktors seit 20 Jahren. An einem anderen Standort gibt der Anlagenbetreiber TVA dagegen sein AKW-Bauprojekt auf und verkauft das Grundstück.

Nach dem Atomunfall im AKW Three Mile Island 2 bei Harrisburg (Pennsylvania) im Jahre 1979 war der Ausbau der Atomkraft in den USA ins Wanken geraten. Neue AKW-Projekte wurden nicht mehr begonnen. Jahrelang gingen noch im Bau befindliche Reaktoren ans Netz, an anderen Standorten blieben unfertige AKW-Baustellen stehen.

Fast 30 Jahre Bauruine und Teilelager, dann kam der Weiterbau    

Auch im AKW Watts Bar, Tennessee, war der Bau mächtig ins Stocken geraten. Reaktor 1, der seit 1973 gebaut worden war, ging 1996 ans Netz und war bis Montag der „jüngste“ Atomreaktor der USA. Neben dem Reaktor stand fast drei Jahrzehnte lang eine Bauruine, denn der Bau von Block 2, der zu etwa 60 bis 80 Prozent fertiggestellt war, wurde 1988 offiziell auf Grund des fallenden Elektrizizätsbedarfs abgebrochen. AKW-Gegner feierten den Bauabbruch als Sieg, das AKW diente als Ersatzteilspender für andere Meiler in den USA.    

AKW soll 40 Jahre weiterlaufen – mindestens    

Im August 2006 beschloss der Betreiber Tennessee Valley Authority (TVA), an der längst abgeschriebenen Ruine doch noch weiterzubauen. Im Oktober 2007 wurde dann der Bau durch ein Konsortium bestehend aus der Bechtel Corporation und Siemens fortgesetzt, die Kosten wurden mit 4,7 Milliarden Dollar angegeben. Die US-Aufsichtsbehörde NRC erteilte der TVA eine Betriebsgenehmigung, die bis 2055 gültig ist. Sollte die Behörde dem Meiler eine 20-jährige Laufzeitverlängerung gewähren, wie sie es bisher im Fall von fast allen Reaktoren im Land getan hat, könnte Watts Bar 2 also selbst 100 Jahre nach Baubeginn noch Strom produzieren.

Watts Bar ist ein „restaurierter Oldtimer“    

Atomkraftgegner warnen indes vor einer Inbetriebnahme der Anlage: „Wenn es zu einem Unfall kommt, liegt nur eine Millisekunde zwischen einem Multimilliarden-Dollar-Gewinn und einer Multimilliarden-Dollar-Katastrophe“, so Louis A. Zeller, Präsident der Blue Ridge Environmental Defense League. Den Reaktor als ein neues AKW zu bezeichnen, sei eine „kühne Position“, die Fertigstellung gleiche mehr der Restauration eines Oldtimers: „Nur weil man an einen 1957er Chevy neue Räder montiert, und ihm eine neue Lackierung verpasst, ist er kein neues Auto“, so Zeller. Das AKW sei „eine Katastrophe, die darauf wartet, sich zu ereignen“. Die Initiative lehnt den Betrieb deswegen „sowohl aus Sicherheits-, als auch aus finanziellen Gründen“ ab.    

Kritische Berichte wurden seit jeher unterdrückt

Der Bau von Watts Bar ist von Beginn an von Skandalen überschattet gewesen. So berichtete das „Magazine Fortune“ im Oktober 1986, dass kritische Berichte über Verstöße gegen elementare Sicherheitsvorkehrungen in Watts Bar unterdrückt wurden. Wichtige Schweißnähte sollen aus Kostengründen nicht geröntgt worden sein. TVA-Ingenieure, die Probleme entdeckten, wurden auf andere Posten versetzt. Gegen den Leiter des TVA-Atomprogramms wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die bestehenden fünf TVA-Reaktoren mussten wegen baulicher Probleme und Defizite mit dem Ausbildungsstand des Personals monatelang abgeschaltet bleiben. Allein in Watts Bar wurden mehr als 1.700 Missstände identifiziert.

Aktuelle Pressemeldung zitiert Atomlobbyisten als „Atomkraftgegner“    

Doch auch heute sind Falschmeldungen im Umlauf. So schreibt die Times Free Press: „Selbst Atomkraftgegner haben geäußert, dass sie hoffen, dass die TVA mit ihrem neuesten Vorhaben Erfolg hat“. Doch dieser Tag wird niemals kommen: Das Blatt hatte Stephen Smith, den Vorsitzenden der Southern Alliance for Clean Energy zitiert. „Saubere Energie“ ist wie „Klimaziele“ ein Schlagwort, mit dem die Atomlobby der USA versucht, Atomkraft salonfähig zu machen. Eine kurze Internet-Recherche belegt, dass besagter Stephen Smith kein einfacher Umweltaktivist ist, sondern ein Lobbyist des AKW-Betreibers TVA, der schon zahlreiche Posten innerhalb des Unternehmens bekleidete.

Bis zu 20 AKW in den USA vor dem Aus    

Watts Bar dürfte das letzte wiederaufgenommene AKW-Bauprojekt der USA bleiben, die anderen beiden Bauprojekte an den Standorten Vogtle (Georgia) und Virgil C. Summer (South Carolina) wurden 2013 begonnen. Die Errichtung von neuen Atomkraftwerken in den USA geht damit schleppend voran, denn seit 2012 wurden fünf AKW stillgelegt, mindestens genausoviele stehen vor dem Aus. Marvin Fertel, der Vorsitzende des Nuclear Energy Institute spricht aktuell von 15 bis 20 AKW, die „gefährdet“ seien, im Laufe der kommenden Jahre vorzeitig abgeschaltet zu werden.

TVA verkauft weitere AKW-Baustelle und stellt Projekt ein    

Bleibt Bauruine: Bellefonte
Foto: Wikipedia Bleibt Bauruine: Bellefonte

Dass sich der Bau von Atomkraftwerken finanziell nicht lohnt, zeigt auch eine andere aktuelle Entscheidung des Atomkonzerns TVA. Anfang Mai teilte die Konzernleitung mit, dass das AKW Bellefonte nicht fertiggestellt werden soll. Auf dem Gelände war 1988 der Bau von zwei Blöcken begonnen worden, die heute zu 88 und 58 Prozent fertiggestellt sind. 2006 waren die Baugenehmigungen für die Reaktoren storniert worden. 2007 wurde dann ein Weiterbau erneut geplant, außerdem sollten noch zwei weitere Reaktoren am Standort entstehen. Dieses Bauprojekt wurde 2011 erneut verworfen.    

36 Millionen Dollar für eine 5 Milliarden-Dollar-Bauruine    

Das Grundstück mit der AKW-Bauruine Bellefonte soll nun verkauft werden. Der Wert des Grundstücks liegt bei 36 Millionen Dollar, wesentlich weniger als die bisher in den Bau des AKW gesteckten 5 Milliarden Dollar. Ein Unternehmen hat Interesse an dem Kauf angemeldet; es will ein atomfreies Kraftwerk mit der gleichen Leistung errichten, wie sie die beiden Reaktoren erbracht hätten: 2.400 Megawatt. Seine Argumente für den Bau sind bezeichnend für die amerikanische Krise der Atomkraft: Das Alternativ-Kraftwerk könne billiger gebaut werden (300 Millionen Dollar) und wäre schneller fertiggestellt.

weiterlesen:

  • USA: AKW Fort Calhoun vor dem Aus
    20.05.2016 - Das amerikanische Atomkraftwerk Fort Calhoun wird sehr wahrscheinlich noch in diesem Jahr vom Netz gehen. Der Vorstandsvorsitzende der Betreiberfirma hat angekündigt, der Betriebsversammlung eine Abschaltung des Reaktors zum Jahresende zu empfehlen. Das AKW war 2011 durch ein Hochwasser geflutet worden.

Quellen (Auswahl): www.spiegel.de, archive.fortune.com, de.wikipedia.org, greenvieldreporter.com, world-nuclear-news.com, nuklearforum.ch, timesfreepress.com, nuclearstreet.com, cleanenergyactionfund.org u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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