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01.06.2016 | von Robert Socha

Keine Stromkäufer, keine Fördergelder: US-Reaktoren vor dem Aus

Drei Atomreaktoren in den USA haben zum zweiten Mal in Folge keinen Abnehmer für Ihren Strom gefunden. In Illinois konnte sich der Stromkonzern Exelon mit seiner Forderung nach Fördergeldern für seine AKW nicht durchsetzen. Damit sind alle Bedingungen gescheitert, an die Exelon einen Weiterbetrieb der AKW Quad Cities und Clinton geknüpft hatte. Damit rückt ein weiteres AKW einer möglichen Abschaltung entgegen.

Auch sein Strom fand keine Käufer: AKW Three Mile Island / USA
Foto: google earth/th3l0rd Strom ohne Käufer: AKW Three Mile Island / USA

Es könnte das endgültige Aus für das AKW Quad Cities bedeuten: Wie der amerikanische Atomenergiemarktführer Exelon am 25. Mai mitteilte, haben die beiden Reaktoren am Standort Cordova in Illinois für die Planungsjahre 2019 bis 2020 (1. Juni 2019 bis 31. Mai 2020) keinen Abnehmer für ihren Strom gewinnen können. Dasselbe gilt für die Anlage Three Mile Island 1 in Pennsylvania, dem Zwillingsreaktor des 1979 havarierten Reaktors Three Mile Island 2.

Schon letztes Jahr scheiterten beide Anlagen in denselben Auktionen

Für beide Anlagen ist es der zweite Misserfolg sowohl in Folge als auch in ihrer gesamten Geschichte bei den jährlich stattfindenden Strom-Auktionen. Im vergangenen Jahr konnten Three Mile Island und Quad Cities sich beide nicht für die Planungsperiode 2018/19 qualifizieren. Auch das AKW Oyster Creek in New Jersey war damals leer ausgegangen, wobei seine Abschaltung im Dezember 2019 ohnehin schon länger beschlossene Sache ist. Exelon hatte 2010 zugesichert, das älteste AKW der USA zehn Jahre früher vom Netz zu nehmen als von der NRC genehmigt, woraufhin die Regierung New Jerseys auf ihre Forderung verzichtete, den Bau von Kühltürmen einzufordern.

Quad Cities spekulierte mit AKW-Stilllegungen um Subventionen zu erpressen

Für die Planungsjahre 2018/2019 stehen die Ergebnisse noch nicht fest, damit könnten beide AKW eventuell noch eine einjährige Gnadenfrist bekommen. Dennoch steht das AKW Quad Cities damit noch einen Schritt näher an der Abschaltung. Das AKW fährt seit Jahren fast ausschließlich Verluste ein und der Betreiber hat es in dieser Zeit künstlich am Leben erhalten, um im Bundesstaat Illinois eine politische Entscheidung über Subventionen für Atomenergie zu forcieren. Ende August 2015 drohte Exelon dann mit der Stilllegung von insgesamt fünf Reaktoren an den Standorten Quad Cities, Clinton und Byron. Wenige Wochen später gab Exelon bekannt, seine „Entscheidung um ein Jahr zu verschieben, um der Regierung von Illinois Zeit zu geben, ein entsprechendes Gesetz zur Förderung sauberer, CO2-freier Energie zu entwerfen“.

Ende der AKW Clinton und Quad Cities so gut wie sicher    

Ein solches Gesetz kam nicht zustande und so drohte Exelon Anfang Mai mit der Abschaltung der drei Reaktoren Clinton sowie Quad Cities 1 und 2, falls seine Forderungen bis zum Monatsende nicht erfüllt werden sollten. Das Drängen Exelons hatte keinen Erfolg, der Einfluss verschiedener bürgerlicher Interessensvertretungen, die infrage stellten, warum Steuerzahler für einen „nuclear bailout", einen AKW-Rettungsschirm zugunsten eines milliardenschweren Energiekonzerns aufkommen sollten, war dafür zu stark.

Es ist nun zu erwarten, dass Exelon in diesen Tagen die Abschaltung der beiden Anlagen Clinton zum 1. Juni 2017 und Quad Cities zum 1. Juni 2018 ankündigt.

Das lokale Nachrichtenportal Our Quad Cities berichtet jedoch, dass Exelon seine Entscheidung bezüglich der örtlichen Anlage aufheben würde, falls ein entsprechendes Gesetz bis 2018 verabschiedet werden sollte. Das AKW Three Mile Island wurde von Exelon zwar noch nicht für eine Stilllegung ins Gespräch gebracht, jedoch könnte auch hier die zweite erfolglose Kapazitätsauktion in Kürze eine ähnliche Debatte befeuern. Journalisten spekulierten schon im vergangenen Herbst über ein Ende des Reaktors.    

Auch in New York will die Atomlobby Subventionen    

Im Bundesstaat New York wächst derweil der Widerstand gegen Exelons Subventions-Forderungen. Das AKW Ginna wird seit 2014 tatsächlich aus der Steuerkasse für seine Verluste entschädigt, angeblich aus Gründen der Netzstabilität. Die Förderung ist bis März 2017 befristet, eine Alternative nicht in Sicht und eine Stilllegung unmittelbar danach scheint fast sicher. Exelon brachte auch seine zweite Anlage, Nine Mile Point für staatliche Förderungen ins Gespräch. Sein wichtigster Konkurrent, Entergy, hat hingegen Anfang November eine Stilllegung des benachbarten AKW Fitzpatrick zum 27. Januar 2017 beschlossen und sämtliche Rettungsangebote von Seiten der Regierung ausgeschlagen. Diese forderte von Entergy eine Abschaltung der für das Unternehmen profitablen Doppelreaktoranlage Indian Point, weil sie in unmittelbarer Nähe zur Millionenstadt New York City liegt.

„Erneuerbare Energien die einzige Lösung“    

Der von New Yorks Regierung zur Rettung des AKW Fitzpatrick entworfene Plan „Tier 3“, der ähnlich dem für das AKW Ginna angewandten Modell eine Prüfung und Bewilligung von Subventionen auf jeweils drei Jahre im Voraus vorsieht, wird von Anti-Atom-Initiativen in New York abgelehnt.

“So wird nur unsere Abhängigkeit von der Atomkraft verlänert”, so Manna Jo Greene von der Umweltorganisation Cleerwater. “Die Einzige Brücke zu einer auf erneuerbaren Energien basierten Wirtschaft sind erneuerbare Energien”.

Der Bundesstaat plant, bis 2030 fünfzig Prozent seines Energiebedarfs mit Energie aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse zu decken.

AKW dort in Gefahr, wo es eine Konkurrenz gibt

Die Krise der Atomkraft in den USA entlarvt die Mär vom „billigen Atomstrom“. Die von der möglichen Abschaltung betroffenen Reaktoren befinden sich in „deregulierten Märkten“, die Kraftwerke sind in Privatbesitz, eine Strompreisbindung wurde aufgehoben und die Verbraucher können ihren Stromanbieter selbst wählen. Dort schafft es der Markt als „anonyme Macht“, das Schicksal von AKW zu besiegeln, wenn auch der Anti-AKW-Widerstand weniger stark ist.    

weiterlesen:

  • USA: Ehemalige AKW-Bauruine geht ans Netz
    29.05.2016 - Der Atomreaktor Watts Bar 2 ist am vergangenen Montag erstmals ans Netz gegangen, das AKW war seit 1972 im Bau, so lange wie keine andere Anlage auf der Welt. Es handelt sich um die erste Inbetriebnahme eines US-Reaktors seit 20 Jahren. An einem anderen Standort gibt der Anlagenbetreiber TVA dagegen sein AKW-Bauprojekt auf und verkauft das Grundstück.

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    19.05.2016 - Seit einigen Jahren wirbt Amerikas Stromindustrie aggressiv für Atomkraftsubventionen. Nun hat Marktführer Exelon für drei Reaktoren die konkreten Abschalttermine genannt, sollte bis dahin kein Gesetz beschlossen werden das die Meiler bezuschusst. Die Anlagen haben inzwischen Verluste in Höhe von fast einer Milliarde Dollar eingefahren.

  • US-AKW Indian Point: Schicksal entscheidet sich vor Gericht
    09.02.2016 - Das AKW Indian Point im Staat New York soll nach dem Willen der Regierung des Bundesstaats vom Netz gehen, weil es im Falle eines Atomunfalls ganz New York City verstrahlen könnte. Nach Jahren eines erbitterten Kampfes zwischen der Regierung des Bundesstaates New York und dem Atomkonzern Entergy, geht der Fall nun vor das US-Bundesgericht und damit in die entscheidende Runde.

  • Der Rückzug der Atomkraft in den USA
    20.11.2015 - Noch vor wenigen Jahren wurde in den USA die Renaissance der Atomkraft angekündigt und mit dem Bau neuer Reaktoren begonnen. Viereinhalb Jahre nach Fukushima sind zahlreiche Meiler ausser Betrieb gegangen. Die Zahl der Neubauten hält ich in Grenzen. Aktuell wurde wieder die Stilllegung zweier Anlagen beschlossen.

Quellen (Auswahl): www.news-gazette.com, www.powermag.com, www.wsj.com, www.ourquadcities.com, www.kwqc.com, www.midhudsonnews.com, de.wikipedia.org

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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