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Die dieses Jahr neu gewählte Regierung in Taiwan will einen Atomausstieg des Landes bis 2025. Die Chancen stehen gut, denn der Widerstand gegen Atomkraft im Land ist groß. Ein fast fertiger AKW-Neubau könnte damit zu einer milliardenschweren Baurine werden. Unterdessen bereitet ein mysteriöser Störfall in einem Hochrisiko-AKW des Landes Sorgen.

Kaum wurden die Wahlen in Taiwan von der atomkritischen „Demokratischen Fortschrittspartei“ gewonnen, schon hat die frisch vereidigte Regierung ihre Ziele für einen Atomausstieg bestätigt. Am 25. Mai bekräftigte Taiwans Wirtschaftsminister, dass alle AKW innerhalb der nächsten neun Jahre abgeschaltet werden sollen und die unter der Vorgängerregierung vorgeschlagene Laufzeitverlängerung ausgeschlossen ist:

"Da gibt es nichts zu diskutieren. Im Jahr 2025 wird die Atomkraft abgeschafft sein“, so Lee Chih-kung, Wirtschaftsminister von Taiwan.

Die taiwanesischen AKW sind für eine Betriebsdauer von 40 Jahren ausgelegt, Laufzeitverlängerungen soll es nicht geben. Wie das Nachrichtenportal „Focus Taiwan“ berichtet, sollen das erste und zweite AKW Taiwans sogar kürzer laufen, als geplant. Die Reaktoren im AKW Chin Shan müssten damit 2018 und 2019 vom Netz gehen, das AKW Kuosheng 2021 bzw. 2023. Im jüngsten AKW Maanshan im Süden des Landes soll der Betrieb 2024 und 2025 enden.

Atomkraftgegner reichen Klage gegen ältestes AKW ein

Die Regelungen sehen allerdings ein Schlupfloch vor: Um möglichen Stromengpässen vorzubeugen soll das 38 Jahre alte AKW Chin Shan künftig noch über die viermonatige Sommerperiode betrieben werden. Der betroffene Block 1 ist seit Dezember 2014 wegen einem defekten Bauteil außer Betrieb. Das Atomgesetz von Taiwan sieht eine dauerhafte Stilllegung eines AKW nach einem Jahr Stillstand vor, falls der Stillstand nicht von der Atomaufsichtsbehörde bewilligt wurde. Wegen des angeblichen Stromengpasses könnte das Kraftwerk wieder in Betrieb genommen werden. AtomkraftgegnerInnen sind empört und haben eine Klage gegen die Anlage eingereicht.

„Block 1 im AKW Chin Shan ist der gefährlichste Reaktor der Welt. Brennstäbe im Reaktor können nicht entfernt und eine Wartung nicht durchgeführt werden. Ein solcher Fall ist weltweit einmalig. Ein Wiederanfahren könnte ein Verbrechen darstellen, da es die Bevölkerung dem Risiko von Strahlungslecks aussetzt“, so Jay Fang, Vorsitzender der Green Consumers’ Foundation.

100.000 Atommüllfässer direkt am Meer – in einer Tsunamiregion

Taiwan: Atommülllager Lan Yu
Foto: google earth/google streetview Taiwan: Atommülllager Lan Yu

Im Brennelementebecken des AKW Chin Shan lagern 1.200 verbrauchte Brennstäbe, wovon 480 aus dem AKW selbst stammen und 720 aus dem nahegelegenen AKW Kuosheng. Zudem betreibt Taiwan ein Atommülllager auf der südwestlich gelegenen Insel Lan Yu. Dort lagern 100.000 Fässer mit Atommüll unmittelbar am Ozean, „geschützt“ von einer zwei Meter hohen Mauer, die das Gelände umgibt – und das in einer erdbeben- und tsunamigefährdeten Region. Dass Taiwans Atommüll noch nicht von einer größeren Welle ins Meer gespült wurde, grenzt offenbar schon an ein Wunder. Weiterer Müll soll auf Lan Yu laut einer Vereinbarung von 2002 nicht mehr eingelagert werden. Deswegen wurden zusätzliche „Zwischenlager“ an den AKW Chin Shan und Kuosheng errichtet, die bald auch voll ausgelastet sind.

Mysteriöser Störfall im AKW Kuosheng

Wie das Nachrichtenmagazin Focus Taiwan berichtet, war es am 16. Mai im AKW Kuosheng zu einem Störfall mit einer Schnellabschaltung von Block 2 gekommen. Der Reaktor war zu diesem Zeitpunkt unmittelbar nach einer planmäßigen Wartung hochgefahren worden und die Störung ereignete sich 35 Minuten danach. Die Ursache war zunächst nicht bekannt, der Kraftwerksdirektor Li-Chi Ssu teilte mit, dass die Ermittlung der Unfallursache einige Zeit in Anspruch nehmen könnte.

Doch auch zwei Wochen später gibt es keine Auskünfte darüber. Entweder der Betreiber Taipower weiß, was die Ursache der Panne war und will es nicht mitteilen, weil der Grund so schwerwiegend ist oder er weiß es wirklich nicht. Beides gibt Anlass zur Sorge.

Kuosheng und Chin Shan zweit- und drittgefährlichste AKW weltweit

Die AKW Kuosheng und Chin Shan liegen in der nordtaiwanischen Metropolregion, in der fast sieben Millionen Menschen leben. Einer Studie des französischen Anti-Atom-Netzwerkes „Sortir du Nucléaire“ zufolge sind Kuosheng und Chin Shan die weltweit zweit- beziehungsweise drittgefährlichsten AKW in Bezug auf die Verletztlichkeit nach einem Atomunfall.

Fast fertiges AKW könnte zu Taiwans Zwentendorf werden 

Ebenfalls im Norden Taiwans wurde das AKW Lungmen gebaut. Die Pläne reichen bis ins Jahr 1978 zurück, nach vielen Protesten wurde ab 1999 mit der Errichtung begonnen. Als jedoch die Demokratische Fortschrittspartei im Jahr 2000 an der Macht kam, verkündete sie einen Baustopp, der jedoch vor Gericht keinen Bestand hatte. 2002 wurde über Probleme wegen nicht sachgemäßer Schweißnähte im Reaktorfundament berichtet, woraufhin 22 Bauaufseher angeklagt wurden.

Die Proteste gegen den AKW-Neubau spitzten sich nach der Fukushima-Katastrophe immer weiter zu, sodass sich die eigentlich atom-freundliche Regierung 2014 gezwungen sah, den fertigen Reaktor 1 für einen Zeitraum von 3 Jahren einzumotten und den Bau von Reaktor 2 ebenso lange auszusetzen.

Glaubt man den Ankündigungen der in diesem Jahr neu gebildeten Regierung, könnte Lungmen zu dem werden, was Zwentendorf für Österreich geworden ist: Ein riesiges, fertiggebautes AKW, das nie Kerne spalten wird.

Quellen (Auswahl): www.focustaiwan.tw, www.taipeitimes.com, www.chinapost.com.tw, de.wikipedia.org u.a.

Robert Socha

Robert Socha studiert Soziologie und ist seit vielen Jahren in selbstorganisierten parteiunabhängigen Bewegungen aktiv. Nach Erfahrungen im Netzwerkcoaching in Südafrika wohnt er derzeit in Marburg und schreibt seit November 2015 Beiträge für .ausgestrahlt.

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