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17.11.2016 | von Jan Becker

Schweiz stimmt über schnelleren Atomausstieg ab

In der nächsten Woche stimmen die Schweizer BürgerInnen über die Option eines schnelleren Atomausstiegs ab. Ungeachtet dessen wird zeitgleich im selben Land am Neustart des ältesten Atomkraftwerks der Welt  gearbeitet – Beznau-I.

Am 27. November sollen die SchweizerInnen entscheiden, ob bis 2029 alle Atomkraftwerke des Landes abgeschaltet werden. Die von den Grünen lancierte Volksinitiative "für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie" verlangt, dass das AKW Beznau-I im Jahr nach der Abstimmung und die anderen vier Schweizer Atomkraftwerke spätestens nach einer Laufzeit von 45 Jahren vom Netz gehen. Die drei ältesten AKW, neben Beznau I auch Beznau II und Mühleberg, würden damit 2017 abgeschaltet. Gösgen würde noch bis 2024 und Leibstadt bis 2029 Strom produzieren. Der Bund soll zudem Energieeffizienz, weniger Energieverbrauch und den Ausbau der erneuerbaren Energien fördern.

56 Prozent für den Atomausstieg

Vor zwei Wochen wurden die Ergebnisse einer Tamedia-Umfrage veröffentlicht: Demnach sind 56 Prozent der Befragten für die Ausstiegs-Initiative, das Nein-Lager ist auf 43 Prozent gewachsen. Die AtomkraftgegnerInnen zeigen sich daher optimistisch, dass die Initiative erfolgreich sein wird.

Der Energiekonzern Axpo hingegen geht davon aus, dass die Initiative nicht gelingt. Vorsorglich kündigt der Betreiber der beiden AKW Beznau und Leibstadt dennoch bereits an, Schadensersatzklagen einzureichen. 1,4 Milliarden Franken würde man bei "vorzeitigem" Abschalten fordern. Diese Drohungen seien haltlos, entgegnen AtomkraftgegnerInnen. Vor Gericht müsse der Konzern die Höhe seines möglichen Schadens beziffern, was er nicht könne. Atomstrom rentiere sich nämlich seit einigen Jahren schon nicht mehr – die Produktionskosten übersteigen die Erträge längst. Laut des Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ entstehen den Betreibern Verluste von rund einer halben Milliarde Franken pro Jahr.

Ältestes AKW der Welt soll wieder ans Netz

Atomkraftwerk Beznau, Schweiz
Foto: Georg Bischoffs Beznau: Das älteste AKW der Welt

In Beznau befindet sich mit Block 1 das weltweit älteste Atomkraftwerk: Die Netzsynchronisation erfolgte am 17. Juli 1969. Seit März 2015 steht der Meiler still, im Frühsommer 2015 waren „Unregelmässigkeiten“ (über 1.000 Risse) im Reaktorbehälter festgestellt worden. Axpo hat jetzt der Atomaufsicht ENSI den Untersuchungsbericht vorgelegt und sieht darin „keinen sicherheitsrelevanten Einfluss auf die Materialeigenschaften des Reaktordruckbehälters“. Die Integritätsnachweise würden „eine ausreichende Sicherheitsmarge für einen Betrieb von 60 Jahren“ belegen. Die Aufsichtsbehörde prüft nun das Wiederanfahren.

Greenpeace kritisiert das Vorgehen und fordert Transparenz: Die auf Grundlage eines nachgebildeten Rings des Reaktordruckbehälters gelieferten Ergebnisse würden einer „kritischen Betrachtung nicht standhalten“. Betreiber und Aufsicht sollten alle Unterlagen öffentlich machen.

Mühleberg spätestens 2019 vom Netz

Im Gegensatz zur Axpo will der Betreiber des 47 Jahre alten AKW Mühleberg das Werk bis zum 20. Dezember 2019 abschalten. „Die Kernenergie hat keine wirtschaftliche Zukunft“, so Suzanne Thoma, Chefin des Betreibers BKW. Sollte die Atomausstiegs-Initiative in der kommenden Woche erfolgreich sein, käme das Ende für Mühleberg bereits im nächsten Jahr.

Darauf hofft auch Jürg Joss vom Verein "Fokus Anti-Atom", der seit 30 Jahren gegen den Betrieb des AKW kämpft. Früher arbeitete er selbst in einem Atomkraftwerk, wurde bei einer Revision im AKW Leibstadt 1986 aber leicht verstrahlt; seitdem ist er Atomkraftgegner. „Das Kapitel Mühleberg ist für mich erst abgeschlossen, wenn dort wieder grünes Gras wächst“, so Joss.

Korrosion im AKW Leibstadt

Eine aktuelle Stellungnahme der deutschen Bundesregierung geht auf eine Anfrage der Grünen Sylvia Kotting-Uhl ein, die sich nach Problemen im Schweizer Reaktor Leibstadt erkundigt hatte. Das ´dortige AKW, im August zur Jahresrevision abgeschaltet, wurde wegen Auffälligkeiten an Brennelementen bislang nicht wieder ans Netz genommen. Im Oktober hatte das Werk mitgeteilt, dass die „Oxidations-Befunde umfangreicher seien als bis dahin festgestellt“. Anvisiert sei eine Wiederinbetriebnahme für Februar 2017, die Untersuchungen sind aber nicht abgeschlossen, heißt es von der Bundestagsabgeordnete Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium.

weiterlesen:

  • 1.000 Risse im ältesten AKW der Welt
    09.10.2015 - Mitten in Europa befindet sich das älteste Atomkraftwerk der Welt: Der Block 1 des AKW Beznau in der Schweiz wurde am 1. September 1969 in Betrieb genommen. Im Herzen des Meilers, dem Reaktorbehälter, sollen sich 1.000 Risse oder sogar Löcher befinden. Das zur Zeit abgeschaltete Kraftwerk wird deshalb wohl nie wieder in Betrieb gehen können.

  • Tausende AtomkraftgegnerInnen fordern "Abschalten!"
    27.06.2016 - Gegen den Weiterbetrieb der belgischen Pannen-Meiler Tihange und des Uralt-AKW Beznau in der Schweiz sind kürzlich tausende Menschen auf die Straße gegangen. Im französischen Bure halten AktivistInnen einen Wald besetzt, der für das geplante Atommülllager gerodet werden soll.

  • Schweiz: Nachgerüstet wird am St. Nimmerleinstag
    24.06.2016 - Erdbeben sind die größte Gefahr für eine Kernschmelze in Schweizer Atomkraftwerken. Doch die Atomaufsicht gewährt den Betreibern weiter Aufschub bei wichtigen Sicherheits-Nachweisen.

  • Schweiz: AKW Beznau in größeren Atomskandal verwickelt?
    12.05.2016 - Das AKW Beznau soll noch weitere sechs Monate vom Netz bleiben. Der Betreiber gibt an, Produktionsunterlagen geprüft und Schäden im Reaktorbehälter als „unbedenklich“ identifiziert zu haben. Doch gerade diese Aussage könnte auf die Verwicklung in einen größeren Skandal hinweisen.

  • SchweizerInnen wollen Atomausstieg
    27.05.2014 - Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung befürwortet den Atomausstieg. Zudem sind SchweizerInnen immer offener für alternative Energiequellen im eigenen Heim. Das geht aus einer Umfrage der Universität St. Gallen hervor.

  • Hintergrund: Atomkraft in der Schweiz
    Neubaupläne gestoppt, aber selbst für Uraltmeiler kein Abschaltdatum

Quellen (Auszug): blick.ch, srf.ch, geordneter-atomausstieg-ja.ch, suedkurier.de; 30.10./1.,7., 16., 17.11.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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