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Mein "Gorleben-Moment" – Teil 3/5

12.04.2017 | Jan Becker

Trotz 40 Jahre Lug & Trug, politischer Manipulation und wisschenschaftlicher Ignoranz ist für Bayern der Standort Gorleben weiter die Nummer Eins bei der Suche nach einem Atommüll-Lager. Wir fragten Euch nach Eurem „Gorleben-Moment“. Erlebnisse aus den letzten 40 Jahren, die euch in Erinnerung blieben und die Euch geprägt haben. Hier kommt Teil 3 der fünfteiligen Serie.

Nicht zuletzt Eure Zusendungen machten viele Gründe deutlich gegen ein „weiter so“ im Wendland. Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU), sieht das durchaus anders und bekräftigte erst kürzlich, Gorleben sei „durchaus geeignet“: „Wenn man Gorleben in Augenschein nimmt, wird man feststellen, dass die Investitionen, die für diesen Standort schon getätigt worden sind, aus meiner Sicht nicht umsonst tätig wurden.“

Gorleben bleibt also für die bayerische Landesregierung die Nummer Eins. Auch weil es (bislang) keinen anderen benannten Standort gibt.

Mein "Gorleben-Moment" – Teil 3/5

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Überall Hoffnung

von Jan Precht aus Hamburg

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„Mein Gorleben Moment war am 2. April 2011. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima und den anschließenden Großdemos in diversen Städten deutete sich an, dass der Atomausstieg in Deutschland doch viel schneller kommen könnte als erwartet! An einem wunderschönen Frühlingstag machten wir uns auf nach Gorleben, um den Druck auf die Politik hochzuhalten. Die Demo war bunt und friedlich und die Menschen tanzten vor dem Tor zum Zwischenlager. Die Hoffnung war überall zu spüren, dass im Zuge eines Atomausstiegs durch die schwarz-gelbe Bundesregierung nun endlich auch das Endlager in Gorleben verschwinden würde. Strotzend vor Selbstbewusstsein, die verhasste Atomwirtschaft und ihre politischen Handlanger am Ende doch in die Knie zwingen zu können, kletterte ich auf einen Trecker am Wegesrand und schwenkte stolz die Anti-Atom-Sonne im Frühlingswind. Ein gutes Gefühl, mein Gorleben-Gefühl!

Liebe Leute von .ausgestrahlt, macht bitte weiter mit eurer tollen Arbeit. So lange noch immer Atommeiler am Netz sind und ihr giftiges Erbe nirgendwo sicher aufbewahrt werden kann, brauchen wir euch!“

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Ganz ohne Mobiltelefone

von Birgit Homann

„Während meiner Studentinnen-Zeit in den 1980er-Jahren war ich einmal in Gorleben, um dort zusammen mit vielen anderen Gleichgesinnten einen Transport zu stören. Der Einsatz wurde schon „zu Hause“ in Göttingen gut vorbereitet, indem wir Regeln vereinbarten, wie wir uns verhalten sollen, damit es ein passiver Widerstand bleibt und die vor Ort eingesetzten Polizisten nicht provoziert und die protestierenden Personen möglichst nicht verletzt werden sollen.

Vom großen Abenteuer erinnere ich so viel: Nachts schliefen wir in einer Scheune im Heu. Es gab eine Einsatz-Besprechung, wo wir mit unseren Fahrrädern hinfahren und über welche Waldwege wir von einer Straße zur nächsten wechseln sollten, um so an möglicht vielen Punkten „aufzutauchen“.

Das war natürlich alles sehr aufregend, denn in jener Zeit wusste ja niemand, was an anderen Stellen passierte, schließlich gab es ja noch keine Mobiltelefone... Erst in der Nacht kamen alle wieder zusammen und die verschiedenen Gruppen berichteten von ihren Aktionen und Erlebnissen.“

 

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Ich erinnere mich mit einem Lächeln

von Claudia von Wachtendonck

„Zusammen mit vielen 1000 anderen Menschen blockiere ich beim Castortransport 2010 mit x-tausendmal-quer die Straße zum Zwischenlager vor Gorleben. Es ist meine erste Blockade und ich bin 500 Kilometer angereist. In der Nacht sind es Minustemperaturen, der Schlaf wird von Polizeidurchsagen zerstückelt. Trotzdem schlafe ich irgendwann, mir ist auf Stroh und unter einer Plane warm.

Und dann: ich schlage die Augen auf, es wird gerade hell und ich blicke direkt über mir in den Himmel zwischen den Kieferwäldern rechts und links der Straße: genau in der Schneise fliegt ein Kranichzug! Die Rufe der Vögel haben mich geweckt. Dieser Moment ist so unglaublich schön – das Glücksgefühl hält bis heute an! Und egal wie anstrengend und kalt zum Teil die 44 Stunden auf der Straße waren: zur Verhinderung der Endlagerung des Atommülls in Gorleben werde ich es immer wieder tun - auch mit einem Lächeln, weil ich mich an den besonderen Moment erinnere.“

 

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Kennwort Schmetterling

von Udo Buchholz, BBU-Vorstandsmitglied

„Am 12. November 2006 fuhr ein Bus, in dem sich Mitglieder des BBU und des BBU-Vorstandes befanden, Richtung Castorverladekran in Dannenberg. Als der Bus an einer Polizeisperre gestoppt wurde, sagten wir, der Bus sei voller verdeckter Ermittler, die nach Dannenberg müssen. Die Polizei schickte den Bus nicht zurück, sondern fragte nach dem Kennwort. Auch das scherzhaft genannte Wort „Schmetterling“ führte nicht zur Abweisung des Busses. Ernsthaft überprüfte die Polizei über Funk die Richtigkeit des Kennwortes. Erst als klar war, dass das Kennwort falsch war, wurde der Bus zur Umkehr aufgefordert.

Das Verhalten der Polizei verdeutlicht, dass es wohl häufiger größere Gruppen von verdeckten Ermittlern gibt, die mit dem richtigen Kennwort Polizeisperren passieren können. Nach der Umkehr des Busses wurde dieser nach etwa 500 Metern von einem Mannschaftswagen der Berliner Polizei gestoppt. Mehrere Polizisten kamen in den Bus und durchsuchten diesen. Was gesucht wurde, blieb unklar.“

 

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Gorleben International Peace Team aus aller Welt

von Stephan Pickl

„Es war Frühjahr 1997. Nach einer längeren Pause fand das erste Mal wieder ein Castor-Transport statt. Ich habe die Blockade in Dannenberg miterlebt. Hinterher, als ich den gut 40-seitigen Bericht des GIPT las, des „Gorleben International Peace Team“, gab es für mich ein bis heute prägendes AHA-Erlebnis. Das GIPT war eine Gruppe von AktivistInnen, die eigens zur Beobachtung der Menschenrechtslage beim Castortransport gekommen waren. Sie folgten einem internationalen Aufruf der KURVE, zwei Menschen aus Ecuador, eine Person aus Mazedonien, eine aus Nigeria und zwei aus den USA. Dass da auch Leute aus Nicht-Industrieländern, aus der so genannten „Dritten Welt“, aus so genannten „Entwicklungsländern“ die Menschenrechtslage in Deutschland beurteilten, hat mich tief bewegt. Klar, für den Kopf war dies selbstverständlich, aber für das Empfinden war es ein Lernschritt. Es war eine heilsame Umkehrung des Gewohnten, eine Umkehrung der Perspektive der „westlichen Welt“.“

 

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Zaunabbau 1004

von Liv Teichmann

„Pfingsten 82 war ich das erste Mal im Wendland. Ich war Tischler-Azubi in einem Dorf bei Göttingen. Gegenüber der Werkstatt wohnte ein netter Student, mit dem ich mich gut verstand. Da wir beide gegen Atomanlagen aktiv waren, fragte er mich, ob ich mit ins Wendland fahren wollte. Ein Freund von ihm hatte ein Auto, ein anderer bot uns Quartier auf dem Hof seiner Eltern in einem Rundlingsdorf. Dort wurden wir abends herzlich mit Spargelsuppe begrüßt. Danach fuhren wir zu einer Diskussionsrunde und von dort zu meiner ersten Nacht- und Nebel-Aktion im Wald bei Gorleben.

Ich war erstaunt, wie leicht sich mit einer Gruppe von etwa 30 Leuten der Zaun an der Rückseite der Tiefbohrstelle demontieren ließ. Wir waren schon recht weit gekommen, als ein Bulli vom Wachdienst kam, den wir mit den morschen Kiefernstämmchen, die dort herumlagen an der Weiterfahrt hinderten. Wir zogen uns rechtzeitig zurück und konnten unerkannt nach Hause fahren.

Seitdem fühle ich mich mit dem Wendland verbunden und komme immer gern wieder.“

 

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Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos!

von Christoph Dembowski, Kinder- und Jugendarzt, aus Rotenburg (Wümme)

„Schon seit Jahren wollte ich mich mit einer Teilnahme an der Castorblockade dem atomaren Wahnsinn in den Weg stellen. Im November 2008 klappte es: mein Kollege konnte die Vertretung in unserer Kassenarztpraxis übernehmen, ich machte mich am Sonntagnachmittag in der Dämmerung auf den Weg.

In Dannenberg angekommen fällt mir die Orientierung erst einmal schwer. Aber an der Esso-Wiese gibt es gleich für mich etwas zu tun: Schlafsäcke müssen zur Straße am Zwischenlager gebracht werden. Ein Auftrag, den ich gerne übernehme. Ich fahre über Gedelitz, das dortige Hüttendorf ist halb leer, fast alle sind schon auf der Straße. Links am Waldrand stelle ich das Auto ab und gehe dias letzte Stück zu Fuß. Die Schlafsäcke sind hochwillkommen.

Und ganz schnell bin ich „mittendrin“: ich mache Bekannschaft mit Helmreich, Erika, Johannes und Martina. Wie selbstverständlich nehmen sie mich mit in ihre Gruppe. Zusammen bauen wir uns ein „Lager“ auf der Straße. Noch nie habe ich im November draußen genächtigt und schon gar nicht auf der Straße. Aber es ist klar, dass ich bleibe. Bei so einem „Unternehmen“ lässt man einfach niemanden allein. Zwei mit Stroh gefüllte Kartofelsäcke sind meine Matraze. Johannes hat noch eine alte Jacke und eine alte Hose für mich übrig, die ich zusätzlich überziehe. Danach packe ich mich in eine Sanitäter-Isofolie ein und versuche zu schlafen.

Aber immer wieder komme ich ins Nachdenken beim Blick in den Nachthimmel. Widerstand wird spürbar: „gemeinsam halten wir das durch“, „nicht aufgeben“ geht mir immer wieder durch den Kopf. Frühmorgens kommt das „Tagesmotto“ aus einem Transistorradio: „Früh beginnt das Tagewerk im Landkreis Lüchow-Dannenberg!“ Frühstück aus der Küche von WamKat: ein Marmeladenbrot und Kräutertee. Wie wird das heute weitergehen? Der Castorzug hatte gegen Mitternacht den Verladebahnhof in Dannenberg erreicht. Vor dem Zwischenlager versperren 1.500 Leute die Zufahrt auf der Straße.

Gegen 12 Uhr kommt die Räumungsaufforderung der Polizei. Helmreich, Erika, Malne und ich schließen uns zu einer Gruppe zusammen und setzen uns auf die Straße. Neben dem Zufahrtstor klettern plötzlich zwei „Aktivisten“ auf Laternenmasten und enthüllen ein Transparent mit der Aufschrift: „Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos!“

Und so ist die Räumung Schwerstarbeit für die Polizei, trotz unserer konsequent durchgehaltenen Gewaltlosigkeit. Nach etwa vier Stunden bin ich an der Reihe: zwei Beamte packen mich unter den Achseln, ein dritter will mich an den Beinen nehmen, aber dagegen verwahre ich mich. Nachdem wir an den Fernsehkameras vorbei sind, lassen sie mich hinter einer Absperrung laufen.

Noch lange stehe ich hinter den Absperrgittern, verabschiede mich von meinen Mitstreitern, bin ausgebrannt und müde, aber überhaupt nicht mit dem Gefühl einer Niederlage. Ich werde wiederkommen, ich habe gemerkt, wieviel Kraft entsteht, wenn Leute sich zusammenschließen gegen den atomaren Wahnsinn.“

Fortsetzung folgt.

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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