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06.12.2018 | von Jan Becker

Letzter Castor für Krümmel

Vor wenigen Tagen erreichte der letzte Castortransport das Atomkraftwerk Krümmel. Anders als noch 2003 blieb dieser Atomtransport von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet. Er war nämlich leer. Doch in den kommenden Tagen geht es in Krümmel um viel mehr.

Protestplakat vor AKW Krümmel
Foto: contratom

In dem jetzt per Bahn gelieferten Castorbehälter sollen die letzten 154 verbliebenen Brennstäbe aus dem Lagerbecken im Reaktor verladen werden. Merkwürdig ist allerdings, dass der Betreiber Vattenfall im Oktober 2017 bereits verkündet hatte, „der letzte Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen“ sei in das Standort-Zwischenlager gebracht worden.

Seit 2005 müssen die beladenen Behälter in die Halle neben dem AKW, seitdem der Abtransport in die Wiederaufarbeitungsanlagen im Ausland verboten ist. Die letzten derartigen Fuhren wurden im Februar und April 2003 auf die Reise ins britische Sellafield geschickt. Der NDR berichtete von einer Anti-Atom-Aktion, die damals stattgefunden hatte: „...In Riepsdorf bei Buchholz hätten zwei auf den Gleisen aufgestellte Strohpuppen den Zug für etwa 20 Minuten gestoppt, teilte der Bundesgrenzschutz Hamburg mit. Die Puppen seien mit Bengalischen Feuern und Baustellenbeleuchtung gekennzeichnet gewesen. Hinweise auf die Täter gebe es nicht...".

Protest gegen Abrisspläne

Vattenfall plant den zügigen Abriss der Atomanlage an der Elbe. Sobald der Schutt verschwunden und der Atommüll verpackt in den (noch zu bauenden) Hallen steht, ist Vattenfall aus dem Schneider. Die Verantwortung der Zwischenlagerung geht nämlich an den Staat über. Geld stammt zunächst aus dem Atommüll-Fonds, wenn das nicht reicht, aus Steuergeldern. Es wundert also nicht, dass der Abriss schnell und kostengünstig geschehen soll.

Ein besonderes Kostensparmodell ist dabei die so genannte „Freigabe“. Über 90 % des Bauschutts sollen auf gewöhnlichen Bauschuttdeponien oder gar in den Recyclingkreislauf „entsorgt“ werden. Eine Deponie in der Nähe, das Abfallwirtschaftszentrum in Wiershop, hat bereits Interesse an dem AKW-Schutt angekündigt. Zumindest ein Teil davon ist allerdings „leicht“ strahlend - und damit eben nicht „unbedenklich“. Die dafür zugrunde gelegten Grenzwerte sind höchst umstritten. So hat sich zum Beispiel die Landesärztekammer Baden-Württemberg gegen die aktuelle Freigabepraxis ausgesprochen.

„Wirtschaftlichkeit vor Strahlenschutz – das kann doch nicht sein!“

400 Personen haben gegen die Rückbaupläne, die auch den Neubau von Atommüllhallen beinhalten, Einwendung eingereicht. Das Lüneburger Aktionsbündnis gegen Atom (LAgA) bezieht deutlich Stellung. Die beantragten Abgabewerte über die Luft und die Elbe werden als deutlich zu hoch empfunden. Außerdem gibt der Betreiber an, dass er bei der Abwägung zwischen zwei alternativen Zerlegungs- oder Dekontaminationsschritten auch nach wirtschaftlichen Erwägungen vorgehen wolle.

Wohin mit dem Müll?

Zumindest die CASTOR-Behälter und der schwach- und mittelradioaktive Atommüll bleiben noch über Jahrzehnte am Standort. Aktuell ist die CASTOR-Halle aber nur für eine Lagerung bis 2041 ausgelegt und mit dem Rückbau des AKW fällt sogar die Möglichkeit zur Reparatur eines defekten Be­häl­ters am Standort weg. Das Lagerkonzept für die „KONRAD Container“ geht von einem zügigen Ab­trans­port aus.

„Was, wenn es wieder wie im Vattenfall-Meiler Brunsbüttel läuft und die Fässer durchrosten?“, fragen die kritischen Aktivist*innen.

Die Aussagen des Betreibers zu Sicherheit und Sicherung dieses Atommülls reichen nicht aus, um die Befürchtungen vor Rostfässern und nicht lösbaren Problemen mit defekten Behältern zu entkräften.

Am kommenden Dienstag, den 11. Dezember, beginnt mit dem Erörterungstermin der zweite Schritt der atomrechtlichen Öffentlichkeitsbeteiligung. Rederecht im „Sachsenwald Forum“ in Reinbek haben allerdings nur diejenigen, die eine Einwendung unterschrieben haben oder von einem/einer Einwender*in als Sachverständige benannt wurden.

weiterlesen:

  • AKW-Abriss: Die Rechnung kommt am Schluss
    Nach dem Abriss eines AKW bleiben tausende Tonnen radioaktives Material zurück. Der größte Teil des strahlenden Bauschutts wird per sogenannter "Freimessung" umdeklariert und soll dann kostengünstig auf Deponien verscharrt, verbrannt oder wiederverwertet werden. Die Öffentlichkeitsbeteiligung verkommt dabei zur Farce.

  • Die Jahrhundert-Lager
    Die Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommülls wird sehr viel länger dauern, als ursprünglich behauptet. Die bisherigen Hallen sind nicht weiter tragbar. Doch die Politik nimmt das Problem nicht ernst.

  • Die Illusion der Lösung
    Für die langfristige Atommüll-Lagerung ist keine sichere Lösung in Sicht. Trotzdem versuchen Regierung und Atomwirtschaft den Eindruck zu erwecken, sie hätten alles im Griff. Der Atommüll-Berg wächst Tag für Tag weiter – und die Probleme ebenfalls...

  • Bekommt Vattenfall eine milliardenschwere Entschädigung für den Atomausstieg?
    11.09.2018 - Nach Beginn der Katastrophe von Fukushima im März 2011 verloren acht deutsche Atomkraftwerke ihre Betrieberlaubnis und wurden für immer abgeschaltet. Betroffen ist auch der schwedische Energiekonzern Vattenfall mit seiner Beteiligung an den AKW Brunsbüttel und Krümmel. Beide Pannenmeiler galten als besonders störanfällig, ihr Ende war absehbar. Vattenfall klagt dennoch auf eine milliardenschwere Entschädigung gegen die Bundesrepublik.

  • Atomgesetz-Novelle: Vattenfall könnte doppelt kassieren
    11. Juni 2018 - Bundestag muss Gesetzentwurf entsprechend verschärfen / Handlungsbedarf auch bei netzverstopfenden AKW in Norddeutschland.

Quellen (Auszug): de.indymedia.org, landeszeitung.de, iwr.de, lagatom.de, umweltfairaendern.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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