Slowakei: Uralt-Meiler soll ans Netz

28.02.2019 | Jan Becker

Nach 34 Jahren Bauzeit soll der Reaktor Mochovce-3 trotz völlig veralteter Technologie und gravierender Sicherheitsmängel im Juli ans Netz gehen. Die Inbetriebnahme eines solchen Meilers im 21. Jahrhundert ist fahrlässig, sagen Atomkraftgegner*innen.

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Atomkraftwerke in der Slowakei

Das Atomkraftwerk Mochovce ist eines von zwei AKW in der Slowakei und befindet sich etwa 120 Kilometer von Bratislava entfernt. Es verfügt über zwei aktive Generation-II-Reaktoren vom russischen Typ WWER-440/213 mit einer elektrischen Nettoleistung von jeweils rund 440 Megawatt. Dieser Reaktortyp kam in Deutschland am Standort Greifswald zum Einsatz und musste im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung 1990 aus Sicherheitsgründen stillgelegt werden.

Der Bau der Doppelblock-Anlage Mochovce-1 und 2 begann im Oktober 1983, der zweite Teil (Block 3 und 4) folgte 1985. Um sich europäischen Sicherheitsstandards zu nähern, wurden westliche Steuerungs- und Überwachungssysteme nachgerüstet. Nach 1990 mussten die Arbeiten wegen finanzieller Mängel zeitweilig gestoppt werden, die halbfertigen Blöcke 3 und 4 konserviert. Ans Netz gingen die ersten beiden Blöcke 1998 und 2000.

Der neue italienische Mehrheitseigentümer Enel des slowakischen Energiekonzerns SE nahm 18 Jahre später, Ende 2008, den Bau der Blöcke 3 und 4 wieder auf. Der damalige Zeitplan sah vor, dass im Dezember 2012 Block 3, im ersten Halbjahr 2013 Block 4 ans Netz gehen sollten. Die Baukosten haben sich bis Mitte 2016 auf 5,4 Milliarden Euro fast verdoppelt. Vor drei Jahren hieß es, Block 3 könnte im Sommer 2018 und Block 4 im Sommer 2019 fertig werden. Aktuell hat der Betreiber angekündigt, dass Block 3 im Juli 2019 mit Brennstoff beladen werden soll.

Massive Sicherheitsmängel

Mochovce ist das weltweit einzige AKW-Neubauprojekt, bei dem die Reaktoren über keinen Sicherheitsbehälter („Containment“) verfügen. Diese hermetische Betonhülle, die längst zum Standard in der Nukleartechnik gehört, soll bei einem schweren Störfall die Umgebung des AKW vor radioaktiver Kontaminierung schützen. Weil diese Betonhülle fehlt, ist das Kraftwerksdesign aus den 1970er-Jahren maximal auf den Aufprall eines kleinen (Sport-)Flugzeugs ausgelegt. Atomkraftgegner*innen warnen, dass direkte Vorbeiflüge von großen Verkehrsflugzeugen am Atomkraftwerk Mochovce üblich sind.

„Wir sehen keine Gründe, warum in der Slowakei das Risiko eines absichtlichen oder zufälligen Aufpralls eines großen Verkehrsflugzeugs geringer sein sollte als in anderen Regionen der Welt“, so Reinhard Uhrig, Atom-Sprecher von GLOBAL 2000.

Whistleblower, die Vereinigung der Betreiber von Nuklearanlagen (WANO) und selbst die slowakische Aufsichtsbehörde bestätigen die bautechnischen Mängel und Risiken. Der Baubetrieb ist außerdem durch mangelnde Koordination, mangelhafte Kontrolle, fehlende Qualifikation und fehlerhafte Verfahrensschritte gekennzeichnet. Die Unterbrechungen der Bauführung und die lange Dauer haben zu schweren Problemen beim Wissenstransfer geführt:

„Niemand weiß heute noch genau, was dort in all den Jahren geschehen ist und verbaut wurde, der sowjetische Reaktortyp stammt aus den 1970er Jahren und birgt damit große Sicherheitsrisiken“, warnt Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima.

Aktivist*innen haben in einem Gespräch mit der slowakischen Atomaufsicht versucht zu intervenieren, doch „Betreiber und Aufsicht schalten auf stur“, so Global 2000. Trotz enormer Verzögerungen und Kostenexplosionen in Milliardenhöhe geht das Projekt nun in die heiße Phase.

„Im 21. Jahrhundert ist die Inbetriebnahme eines weiteren Uralt-Reaktors ohne ausreichendes Sicherheitskonzept, das dem Stand der Technik entspricht, vollkommen inakzeptabel“, betont Reinhard Uhrig.

Die Konsequenz kann nur der sofortige Baustopp sein.

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Quellen (Auszug): global2000.at, ots.at, wikipedia.org

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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