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Vor den vor wenigen Monaten im AKW Neckarwestheim‑2 entdeckten Rissen sind auch die meisten anderen Reaktoren nicht gefeit, stellen Expert*innen-Gremien fest. Aufsichtsbehörden und Betreiber aber drücken sich um umfassende Prüfungen.

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Protestaktion im Oktober 2018 am AKW Neckarwestheim

Die mehr als hundert Risse, die im Herbst 2018 in den Dampferzeugern des AKW Neckarwestheim-2 entdeckt worden sind, haben Folgen auch für andere AKW. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums erstellte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) eine sogenannte Weiterleitungsnachricht an alle Kraftwerksbetreiber und an Aufsichtsbehörden im In- und Ausland. Darin warnen die Reaktorsicherheitsexperten, die Tausenden unter hohem Druck stehenden dünnen Heizrohre in den Dampferzeugern, durch die das heiße radioaktive Wasser aus dem Reaktorkern strömt, seien im unteren Abschnitt generell rissgefährdet. In diesem Bereich seien grundsätzlich alle Voraussetzungen für die gefährliche Spannungsrisskorrosion gegeben – selbst dann, wenn die Zusammensetzung des Wassers im Dampfkreislauf allen Vorschriften entspreche. Dies gelte nicht nur für die mit Neckarwestheim-2 baugleichen Reaktoren vom Typ „Konvoi“ in Lingen/Emsland und Ohu (Isar‑2), sondern auch für alle anderen Druckwasserreaktoren mit Dampferzeugerheizrohren aus dem Werkstoff Alloy-800, also auch für die AKW Grohnde, Brokdorf und Philippsburg‑2 sowie für vermutlich zahlreiche Anlagen im Ausland.

Die Reaktorsicherheitskommission, die das Bundesumweltministerium berät, hatte schon 2010 vor dem „neuen, bisher nicht angenommenen Schädigungsmechanismus“ gewarnt. Die plötzlich auftretenden Risse können, das ist das Merkmal von Spannungsrisskorrosion, unvorhersehbar schnell wachsen – so schnell, dass die Kommission es schon damals für zwingend erachtete, die betroffenen Heizrohre unverzüglich zu verschließen. Aus demselben Grund empfahl sie für den Fall von Hinweisen auf Spannungsrisskorrosion sofortige umfangreiche Kontrollen der anderen Rohre: „An allen Dampferzeugern sind die Heizrohre – in den entsprechend der Befundlage kritischen Bereichen – zu 100 % zu prüfen.“

Repräsentative Katastrophe

Jeder der vier Dampferzeuger eines AKW enthält rund 4.000 fingerdicke, rund 12 Meter lange, u-förmig gebogene Heizrohre mit einer Wandstärke von 1,2 Millimeter. Das mehrere hundert Grad heiße radioaktive Wasser aus dem Reaktorkern durchströmt diese Rohre mit einem Druck von 160 bar und gibt dabei seine Wärme an das die Rohre umfließende Wasser des Sekundärkreislaufs ab, das nur einen Druck von 65 bar aufweist und daher verdampft.

Leck und Bypass, aus: Magazin 44 / 2019

Dicke Rohre führen den heißen Dampf dann aus dem Sicherheitsbehälter hinaus zu den Turbinen, die den Strom erzeugen. Die Heizrohre sind damit Teil des radioaktiven Primärkreislaufs. Reißt auch nur ein einziges der rund 16.000 Heizrohre eines AKW ab, stellt dies bereits einen schweren Störfall dar. Nimmt in der Folge, etwa durch das Umherschlagen des abgerissenen ersten Rohres, noch ein weiteres Heizrohr Schaden, ist der Störfall bereits auslegungsüberschreitend. Er kann sich dann zu einem der gefürchteten „Bypass-Ereignisse“ entwickeln, bei denen radioaktives Wasser aus dem Reaktorkern ungehindert in die Umwelt gelangen und der Reaktorkern nicht mehr ausreichend gekühlt werden kann. Im schlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze.

Als die GRS Ende 2010 repräsentative Unfallszenarien für Druckwasserreaktoren in Deutschland ermittelte, deren Chrakteristik in einer Datenbank für Ausbreitungsrechnungen des Bundesamts für Strahlenschutz hinterlegt werden sollte, wählte sie als Beispiel eines INES-7-Ereignisses – „katastrophaler Unfall“ wie Tschernobyl und Fukushima – eben jenes „unbedeckte Dampferzeuger-Heizrohrleck“.

Aus Anlass der Rissfunde in Neckarwestheim hat sich im Mai auch die Reaktorsicherheitskommission erneut mit dem Thema beschäftigt und eine – noch unveröffentlichte – ergänzende Stellungnahme dazu verabschiedet. In dieser empfiehlt sie Maßnahmen, die das Entstehen solcher Risse möglichst verhindern und diese ansonsten frühzeitig erkennen sollen. Unter anderem wiederholt sie wortgleich die Empfehlung von 2010, bei jedem Hinweis auf solche Risse die Prüfung umgehend auf alle Heizrohre in allen Dampferzeugern auszudehnen und diese „in den entsprechend der Befundlage kritischen Bereichen“ zu prüfen.

Die Weiterleitungsnachricht 2018/06 der GRS fordert sogar, die Ergebnisse der stichprobenartigen Heizrohr-Untersuchungen der vergangenen Jahre auf Hinweise auf Spannungsrisskorrosion zu durchforsten. Offenbar gehen die Expert*innen davon aus, dass bisher nicht alle Risse gleich als solche erkannt wurden.

Möglichst wenig prüfen

Was reale Untersuchungen der Heizrohre in den Dampferzeugern der AKW angeht, sind die Aufsichtsbehörden jedoch äußerst zurückhaltend. So begnügte sich die Kieler Atomaufsicht in der gerade beendeten Revision des AKW Brokdorf damit, an zwei der vier Dampferzeuger jeweils eine Stichprobe von etwa 30 Prozent der Rohre prüfen zu lassen. Weil dabei keine Risse entdeckt wurden, blieben nicht nur die übrigen 70 Prozent der Rohre, sondern auch alle Rohre in den beiden anderen Dampferzeugern komplett unkontrolliert.

Im AKW Lingen/Emsland ließ die niedersächsische Atomaufsicht ein Fünftel der Rohre in allen Dampferzeugern komplett untersuchen – das entspricht dem Prüfumfang, den das kerntechnische Regelwerk sowieso alle fünf Jahre vorsieht – und zusätzlich bei weiteren 20 Prozent der Rohre jeweils das eine Ende. Dabei wurden in einem Dampferzeuger zwei rissige Rohre entdeckt. Die Kontrollen deswegen nun auf alle Rohre auszudehnen, lehnte die Atomaufsicht trotz Protesten von Atomkraftgegner*innen ab (siehe auch Seite 22). Mit Blick auf die Befunde in Neckarwestheim‑2 halte man lediglich die ausgewählten 6.000 Rohr-Enden für potenziell rissgefährdet. Aufgrund welchen Kriteriums die 10.000 verbleibenden Rohre sicher rissfrei sein sollen, teilte die Behörde von SPD-Umweltminister Olaf Liess nicht mit. Mehrfache Nachfragen von .ausgestrahlt hierzu beantwortete sie nicht.

Gerade die Erfahrungen aus dem AKW Neckarwestheim‑2 – baugleich mit dem AKW Lingen – zeigen allerdings, dass die Praxis von Aufsichtsbehörden und Betreibern, alle Prüfungen stets auf ein irgendwie begründbares Minimum zu begrenzen, nicht geeignet ist, Risse zuverlässig zu entdecken. So tauchten in Neckarwestheim bei Stichprobenkontrollen am Dampferzeuger Nr. 1 schon 2017 Hinweise auf Korrosion von Heizrohren auf. Weil sich diese Stellen am „kalten“ Ende der Rohre befanden, ließ die Behörde auch nur die übrigen „kalten“ Rohrenden dieses einen Dampferzeugers untersuchen – ohne weitere Ergebnisse. Erst als im Jahr darauf dann auch Stichproben am Dampferzeuger Nr. 4 Korrosionsbefunde ergaben, weitete die Behörde die Untersuchungen auf die „heißen“ und „kalten“ Rohrenden aller Rohre in allen Dampferzeugern aus. Und siehe da: Im Dampferzeuger Nr. 1 fanden sich entgegen der Annahmen aus dem Vorjahr doch auch Korrosionen an heißen Rohrenden. Im Dampferzeuger Nr. 3, im Jahr zuvor zu 20 Prozent überprüft, waren ebenfalls Rohre von Lochkorrosion betroffen. Und in den Dampferzeugern Nr. 2 und 4 fanden sich mehr als hundert zum Teil tiefgehende umlaufende Risse; stellenweise betrug die Restwandstärke nur noch 0,1 Millimeter.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 44 / Juli 2019.

 

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Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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