.ausgestrahlt-Blog

27.04.2020 | von Jan Becker

Debatte um Atomkraft: Der Atommüll bleibt

Ausgerechnet am neunten Jahrestag der Fukushima-Katastrophe schreibt der MDR: „Die Kernkraft ist in Europa wieder gefragt“. CSU-Chef Söder fordert parallel ein „neues Energiekonzept für Deutschland“ - und stellt damit den Atomausstieg in Frage. Doch die Realität heißt: Über Jahrtausende hochgefährlicher Atommüll mit einem fehlenden langfristigen Lagerungskonzept.

Atommüllberg vs Endlagersuchgesetz.jpg

Während die Rhetorik deutscher Politiker wie Markus Söder erstmal „nur“ auf eine Laufzeitverlängerung der letzten sechs Meiler abzielt, propagiert die Atomlobby - allen voran die „Nuklearia“ - „neue Reaktoren, sauberen Strom“. Deutschland sei als Aussteigerland internationaler Außenseiter, das Energiekonzept sei ein „Flickenteppich ohne eine schlüssige Gesamtphilosophie“ (Söder am 11.3.). Der CSU-Politiker bedient sich aktuell dem lange widerlegten Argument der „für alle bezahlbaren Energie“.

Die Atomlobby verspricht unterdessen Meiler, die „besser“ seien und vor allem „keinen nuklearen Müll produzieren“.

Hunderttausende Tonnen Atommüll

In Deutschland wurden zwischen 1957 und 2004 etwa 110 Atomanlagen in Betrieb genommen. Die meisten davon sind lange abgeschaltet. Doch sie alle eint eines: Sie produzierten bzw. produzieren Atommüll. Bis heute hat sich allein der Berg an hochradioaktiven Abfällen aus dem Betrieb der AKW auf über 15.000 Tonnen summiert. Die Bundesregierung rechnet mit insgesamt ca. 10.500 Tonnen, die nicht ins Ausland verbracht und nicht wiederaufgearbeitet wurden, die in ca. 1.100 Behältern zwischengelagert werden müssen. Hinzu kommen 28.100 Kubikmeter sog. „wärmeentwickelnde Abfälle“. Das ehemalige Bundesamt für Strahlenschutz, heute „Bundesamt für kerntechnische Entsorgung”, prognostiziert bis zum Jahr 2060 ca. 300.000 Kubikmeter Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung.

Das ist der Status Quo. Wohin damit? Bekanntlich unklar. Und mit jedem Reaktorbetriebstag wächst der Berg und das Desaster wird größer.

AKW Brokdorf produziert täglich Atommüll.JPG
Gemäß des Atomausstiegs darf Brokdorf noch bis Ende 2021 Atommüll produzieren

Recycling Fehlanzeige!

Im Fokus der derzeitigen Diskussionen um eine weltweite „Renaissance der Atomkraft“ stehen nicht mehr riesige Kraftwerksblöcke wie Brokdorf oder Isar-II. Kleinere Einheiten wie Schnelle Brüter, Flüssigsalzreaktoren, Hochtemperaturreaktoren oder „Small Modular Reaktoren“ sollen den Wiedereinstieg ermöglichen. Die USA gaben kürzlich bekannt, dass „neue mobile Mini-Reaktoren“ für die militärische Nutzung entwickelt werden, die künftig auf Kriegsschauplätzen für Energie sorgen sollen.

„Die beruhen alle auf einer Technologie, die in den fünfziger oder sechziger Jahren entwickelt worden ist", warnt Jürgen Döschner, Journalist und Energieexperte beim WDR. Bei allen Reaktortypen bleiben Restprodukte, deren sichere Lagerung ungeklärt ist. Atommüll zu recyceln in dem Sinne, „dass man das schadlos machte oder wieder komplett verwenden kann: Das gibt es nicht“, so Döschner.

Der Ausdruck Recycling im Zusammenhang mit Atommüll gaukelt einen Kreislauf vor, den es nicht gibt.

weiterlesen:

  • Atommüll – Strahlendes Erbe
    Beim Betrieb von Atomkraftwerken entsteht täglich hochgiftiger, radioaktiver Abfall, der etwa eine Million Jahre sicher verwahrt werden muss. Tatsächlich ist noch kein einziges Gramm davon schadlos „entsorgt“.

  • Atommüll-Sicherheitsanforderungen: Sicher geht anders
    10.03.2020 - Ein dauerhaftes Lager für hochradioaktive Abfälle muss aus Sicht des Gesetzgebers bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllen, damit es errichtet und betrieben werden darf. Diese Anforderungen werden demnächst in einer Verordnung festgelegt und dann bereits im Suchverfahren bei den geplanten vorläufigen Sicherheitsuntersuchungen berücksichtigt.

  • Übrig bleibt eine Halle voll Müll
    03.01.2020 - Mit dem Jahreswechsel sind wir dem Atomausstieg ein wenig näher gekommen: Am Silvesterabend ging das AKW Philippsburg-2 endgültig vom Netz. Was dort wie an vielen anderen Standorten bleibt, ist ein Haufen Müll und unklare, gefährliche Perspektiven.

Quellen: deutschlandfunknova.de, br.de, atommuellreport.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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