Mehrere Störfälle in wenigen Tagen

10.12.2020 | Jan Becker
Mehrere Störfälle in wenigen Tagen
Foto: Daniel Meier-Gerber / EnBW

Dass der sogenannte „Normalbetrieb“ der Atomanlagen das tägliche Risiko von Defekten bis hin zu schweren Unfällen bedeutet, belegen zahlreiche Ereignisse. Die Gefahr ist auch nach der endgültigen Abschaltung nicht gebannt.

Beide Blöcke des baden-württembergischen Atomkraftwerk sind endgültig abgeschaltet. Block 1 ist seit Ende 2016 auch schon frei von hochradioaktiven Brennstäben. Im Nachbarblock 2, der erst vor knapp einem Jahr abgeschaltet wurde, befinden sich noch 541 verbrauchte Brennelemente im Lagerbecken des Reaktordruckbehälters (Stand Mitte 2020). In diesem Becken muss zur Senkung der Temperatur ständig mithilfe großer Pumpen Kühlwasser umgewälzt werden. Diese Pumpen brauchen eine zuverlässige Stromversorgung, für die im Notfall – wenn die Stromzufuhr des Kraftwerks von außen unterbrochen wurde (intern wird ja keine Energie mehr produziert) – Dieselaggregate zur Verfügung stehen. Fällt das Kühlsystem aus, überhitzen die Stäbe im Wasser und können durchbrennen. Das Risiko eines schweren, nuklearen Unfalls besteht also auch nach Abschaltung des AKW und wird erst mit der Umlagerung der Brennelemente aus dem Becken in Castorbehälter gebannt. Das Abtransportieren der Behälter in das Standortzwischenlager stellt zwar keine Lösung für den langfristigen Verbleib des Atommülls dar, ist aber immerhin ein Sicherheitszugewinn. Immer wieder wurde deshalb von Kritiker*innen gefordert, dass die Brennelemente den Reaktorbehälter verlassen müssen, bevor große Abrissarbeiten beginnen.

Problemfall Notstrom

Aus dem Meiler Philippsburg-2 wurde kürzlich ein Defekt an einem der Notstrom-Dieselaggregate gemeldet. Die Ursache für eine „Nichtverfügbarkeit“ von einem der vier redundanten Systeme klingt banal, doch die Tragweite des Ausfalls könnte wie oben beschrieben fatal sein: Bei einer Verschraubung waren „fälschlicherweise Federringe statt Unterlegscheiben verwendet worden“, berichtet die Atomaufsicht Baden Württemberg. Die gleiche fehlerhafte Montage habe bereits im April 2016 zu einem vergleichbaren Schaden an einem anderen Notstromdieselmotor geführt. Damals hatte der Betreiber alle vier Notstromdieselmotoren überprüft und repariert. Der jetzt betroffene Motor wurde aber erst 2019 als Reserveaggregat anstelle eines anderen Motors installiert – und diese bekannte Schwachstelle nicht repariert. Es liegt also menschliches Versagen und Schlamperei vor. Dies führte jetzt zum Bruch einer Schraube und Verlust von Kühlwasser am Aggregat.

Probleme mit der Notstromversorgung sind in Philippsburg keine Seltenheit: Mitte 2019 wurde der damals noch in Betrieb befindliche Block 2 sogar vorsorglich abgeschaltet, weil ein systematischer Fehler an den Abgasturboladern der Notstromdiesel nicht ausgeschlossen werden konnte. In diesem Zusammenhang war dann bekannt geworden, dass über einen Zeitraum von fünf Tagen zwei der vier Dieselaggregate nicht einsatzbereit waren. Die Atomaufsicht stufte den Vorfall in die Kategorie „Eilt“, weil zur Beherrschung von Störfall-Szenarien mindestens zwei Aggregate notwendig sind. Eine Sicherheitsreserve gab es fünf Tage lang also nicht.

Auch das niedersächsische Atomkraftwerk Emsland hat kürzlich Defekte an den Notstrom-Dieselaggregaten gemeldet. Auch hier lag ein Serienfehler vor, der alle vier Bauteile betrifft: Anrisse an einem sogenannten Kompensator.

Zwei Kräne kaputt

Zwei weitere Störfallmeldungen betreffen u.a. die Handhabung der hochradioaktiven Brennelemente. Im Zwischenlager Philippsburg war die Krananlage für die Transport- und Lagerbehälter nicht einsatzbereit. Ursache war eine fehlerhafte Messeinrichtung der Last, die bei Überlastung des Krans zur Abschaltung führt. Zum Zeitpunkt des Versagens wurde die Einrichtung nur getestet, es hing keine Last am Haken.

Der zweite kaputte Kran befindet sich im Reaktorgebäude des AKW Emsland. Wie die Atomaufsicht Niedersachsen berichtet, seien „innerhalb kurzer Zeit mehrere gleichartige elektronische Bauteile ausgefallen“. Die genaue Schadensursache werde noch ermittelt.

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Quellen (Auszug): um.baden-wuerttemberg.de, umwelt.niedersachsen.de, atommuellreport.de

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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