Karte mit Atomkraftwerken in der Ukraine

Atomkraft in der Ukraine

Laufzeitverlängerungen trotz Super-GAU

Europas größter AKW-Standort ist Saporischschja in der Ukraine. Sechs der 15 ukrainischen Reaktoren stehen dort, gerade einmal 200 Kilometer westlich von Donezk, das seit Monaten Zentrum der Kämpfe im ukrainisch-russischen Krieg ist. Das Kraftwerk deckt 22 Prozent des ukrainischen Strombedarfes.

1986: Super-GAU in Tschernobyl

Im Norden der Ukraine, im AKW Tschernobyl, kam es am 26. April 1986 zum Super-GAU ; die radioaktive Wolke zog über ganz Europa. Wladimir Tschuprow von Greenpeace geht davon aus, dass 90.000 Menschen zusätzlich als direkte Folge der Katastrophe von Tschernobyl einer Krebserkrankung erlegen sind, mehrere Millionen litten wegen Tschernobyl an anderen Erkrankungen.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Katastrophe von Tschernobyl und die Gefahren der Atomenergie in der aktuellen Diskussion in der Ukraine keine Rolle mehr spielen. Bereits im Oktober 1993 war das 1990 vom Parlament beschlossene Moratorium für den Neubau von AKWs wieder aufgehoben worden.

Gerade einmal zwei Autostunden von Kiew entfernt, ist Tschernobyl auch heute noch eine Gefahr für Gesundheit und Leben. Die 1986 gebaute Betonhülle schützt die Bevölkerung nicht mehr. Sie ist rissig und brüchig, radioaktives Regenwasser verlässt das Gelände. Wie marode die Bauten am Reaktor von Tschernobyl sind, machte der Einsturz einer Mauer und eines Daches im Kraftwerk 2013 deutlich. Bereits 2004 mahnte Greenpeace mehr Tempo beim Bau des gigantischen, mehr als zwei Milliarden Euro teuren Stahl-Sarkophages an. Eigentlich hätte dieser 2005 fertig gestellt sein sollen. Inzwischen ist die Rede von Ende 2017 – frühestens.

Nukleare Abhängigkeit

Ein anderes Projekt treibt die Ukraine dafür in großer Eile voran. Drei Tage vor dem 28. Jahrestag der Atomkatastrophe beschloss sie den Bau eines eigenen Atommülllagers in Tschernobyl, wenige Monate später begannen bereits die Bauarbeiten. Bisher liefert die russische Atomagentur Rosatom die Brennstäbe für die ukrainischen AKW und nimmt auch den produzierten Atommüll zurück. Die Ukraine, darum bemüht, die Abhängigkeit von Russland zu verringern, will diesen künftig selber lagern.

Für größere Schlagzeilen sorgten die Pläne, die AKW künftig verstärkt mit Brennstäben des US-Atomkonzerns Westinghouse zu bestücken, die dieser eigens für Kraftwerke russischer Bauart entwickelt hat. Am 30. Dezember berichtete Jazenjuk von einem neuen Liefervertrag. KritikerInnen befürchten, amerikanische Brennstäbe in russischen Kraftwerken könnten zu zusätzlichen Problemen führen: Man bestelle schließlich auch nicht bei BMW Ersatzteile für einen Mercedes.

Laufzeitverlängerungen

Zwar ging 2000 der letzte der vier Reaktorblöcke in Tschernobyl vom Netz. Landesweit deckt die Atomenergie aber immer noch rund 50 Prozent des Strombedarfs. Der Neubau von Block 3 und 4 des AKW Chmelnyzkyi ist gesellschaftlicher Konsens; lediglich die Frage, wer der Partner dabei sein soll, ist strittig. Premierminister Arsenij Jazenjuk plant, die Vereinbarung mit dem russischen Atomkonzern „Atomstrojexport“ über den gemeinsamen Bau von Block 3 und 4 zu kündigen. Als aussichtsreichster neuer Partner wird die tschechische Firma Škoda gehandelt.

Eigentlich müssten 12 der 15 Atomreaktoren zwischen 2010 und 2020 vom Netz genommen werden, da ihre Laufzeit abgelaufen ist. Doch staatliche Regulierungsbehörde, der Staatskonzern Energoatom, der alle AKW betreibt, und die Regierung haben die Laufzeit der Meiler um mehrere Jahre, teilweise sogar um 20 Jahre, verlängert. Dies bedeutet, dass Kraftwerke, die für eine Lebensdauer von 30 Jahren gebaut worden waren, nun erst nach 50 Jahren vom Netz genommen werden sollen.

Störfälle

Immer wieder finden sich in der ukrainischen Presse Berichte über Störfälle in den AKW. So brannte am 15. Januar im AKW Süd-Ukraine im Gebiet Nikolajew ein Kühlaggregat eines Transformators. 125 Feuerwehrleute kämpften über hundert Minuten gegen die Flammen. Am 28. Dezember 2014 wurde der Kraftwerksblock Nr. 6 des AKW Saporischschja außerplanmäßig abgeschaltet. In der Folge hatten russische Medien von einer 16-fach erhöhten radioaktiven Belastung am Kraftwerk berichtet. Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde dementierte. Es war nicht die erste Notabschaltung in Saporischschja im Dezember.

Bernhard Clasen

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Dieser Text ist ursprünglich im .ausgestrahlt-Rundbrief Nr. 27 (Januar 2015) erschienen.