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Atomkraft in Ungarn

Laufzeitverlängerung für alle Reaktoren und Neubau-Pläne für zwei weitere - auch wenn es sich nicht rechnet.

Nur einen einzigen AKW-Standort gibt es in Ungarn: Paks, etwa 100 Kilometer südlich von Budapest. Hier stehen vier alte, gefährliche Reaktoren aus der Sowjet-Ära vom Typ WWER 440/213 – derselbe wie die Blöcke 5 und 6 des AKW Greifswald, die im Zuge der Wiedervereinigung stillgelegt wurden. Die Meiler in Paks sind zwischen 1982 und 1987 in Betrieb gegangen, vorgesehen war eine Laufzeit von 30 Jahren. Für Block 1 und 2 ist diese bereits um 20 Jahre verlängert worden, für Block 3 und 4 läuft das Verfahren noch. Parallel dazu gibt es Pläne für den Neubau von zwei weiteren russischen Reaktoren am selben Standort. 

Betreiber des AKW Paks ist der staatliche Stromversorger MVM. Mit ihrer Gesamtkapazität von 2.000 Megawatt erzeugen die vier Reaktoren mehr als die Hälfte des in Ungarn produzierten Stroms. Mehr als 30 Prozent des ungarischen Strombedarfs werden allerdings importiert. 

Neubau-Verträge mit Russland

Der Parlamentsbeschluss zum Neubau zweier Reaktoren stammt von 2009. Gemäß den dazu Anfang 2014 in Moskau unterzeichneten Vereinbarungen soll die Föderale Agentur für Atomenergie Russlands (Rosatom) zwei 1.200-Megawatt-Blöcke vom Typ WWER-1200/V491 errichten. Russland wird Ungarn dafür bis zu 10 Milliaren Euro leihen, was vier Fünftel der Kosten decken soll; die verbleibenden 20 Prozent müsste Ungarn direkt bezahlen. Die kalkulierten Gesamtkosten des Projekts belaufen sich demnach auf 12,5 Milliarden Euro. 

Die umweltrechtliche Genehmigung wird voraussichtlich 2016 erteilt werden, 2018 sollen die Bauarbeiten beginnen und die beiden Reaktoren 2025 beziehungsweise 2026 in Betrieb gehen. Allerdings hat die EU-Kommission gegen Ungarn ein Verfahren wegen eines möglichen Verstoßes gegen EU-Regeln eingeleitet, weil der AKW-Bau ohne Ausschreibung direkt an Rosatom vergeben wurde. Und die Generaldirektion Wettbewerb teilte mit, sie werde das Projekt prüfen, weil es schwerwiegende Verdachtsmomente gebe, dass das geplante Finanzierungsmodell eine unrechtmäßige staatliche Unterstützung darstelle.

In Ungarn gibt es nur eine Handvoll Organisationen, die Anti-Atom-Themen behandeln. Kontinuierlich zum AKW Paks arbeiten Greenpeace und Energiaklub, andere Organisationen spielen nur zeitweise eine – wenn auch wichtige – Rolle. Lokale Initiativen sind selten; den stärksten Widerstand gibt es in der Stadt Pécs, in deren Umgebung das Langzeit-Lager für die abgebrannten Brennelemente geplant ist. Auf politischer Ebene opponieren die grünen Parteien LMP und PM gegen die Pläne. Andere Oppositionsparteien sind meistens pro Atomkraft, äußern aber hin und wieder auch Kritik an dem Projekt. 

Die AtomkraftgegnerInnen haben gute Argumente auf ihrer Seite. So würde das Nebauprojekt nicht nicht nur die politische Abhängigkeit und die Energieabhängigkeit von Russland verstärken, sondern es ist auch ökonomisch ein schlechtes Geschäft: Atomkraft ist teuer, die Investitionskosten werden sich unabhängigen Gutachten zufolge niemals amortisieren – nicht einmal, wenn man mit den offiziellen Zahlen rechnet. Bei gleichzeitigem Betrieb von sechs Blöcken gäbe es nukleare Überkapazitäten. Und die in großen Mengen anfallende Abwärme könnte zudem zu einer Überhitzung der Donau führen. 

Mehrheit für Erneuerbare

Meinungsumfragen zufolge sind zwar mehr als 60 Prozent der UngarInnen nicht gegen den Betrieb der bestehenden Reaktoren in Paks. Nichtsdestotrotz sind nur 31 Prozent mit den Neubauplänen einverstanden und 60 Prozent dagegen. 66 Prozent würden in Zukunft erneuerbare Energien fördern, während Atomkraft nur von 16 Prozent als die beste Option angesehen wird. 

Wenn Ungarn die Energiewende verpasst, wird es in dem unökologischen, nicht nachhaltigen Energiesystem der Vergangenheit stecken bleiben, das hohe Umweltkosten und sinkende Wettbewerbsfähigkeit nach sich zieht. Anstatt in die unnötige Atomkraft zu investieren, sollte Ungarn aufhören, Investitionen in erneuerbare Energiequellen zu behindern. Mit den richtigen Maßnahmen und Anreizen für erneuerbare Energien und Energieeffizienz kann Ungarn aus der Atomkraft ganz aussteigen. 

András Perger

András Perger ist Klima- und Energie-Campaigner bei Greenpeace Ungarn.

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Dieser Text ist ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 30 (Januar 2016) erschienen.