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Atomkraft in Litauen

Alle Reaktoren mussten schließen, einen AKW-Neubau verhinderte ein Referendum. Atomstrom aber fließt noch immer

Ich unterstütze die Konstruktion eines neuen nuklearen Kraftwerks in Litauen“, stand auf dem Stimmzettel der litauischen Wähler*innen am 14. Oktober 2012. Knapp 65 Prozent kreuzten „Nein“ an. Auch wenn diese Volksabstimmung laut Verfassung nur „beratend“ sein sollte, läutete das „Atomkraft? Nein danke!“-Votum das Ende des Atom-Zeitalters in Litauen ein. Offiziell wurde das AKW-Neubauprojekt zwar bis heute nicht begraben, seit 2017 aber taucht „Atomstrom“ in der langfristigen litauischen Energieplanung nicht mehr auf.
Leicht hatten es die AKW-Gegner*innen seinerzeit nicht: Die fast durchweg atomkraftfreundlichen Medien verbreiteten die Botschaft, ein Nein würde das Land in „ewiger“ Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen halten. Die Regierung warnte die Bevölkerung, sie solle nicht gegen ihre „eigentlichen Interessen“ stimmen, und verhängte sogar Einreiseverbote gegen ausländische Atomkraftgegner*innen. Zudem lockte sie damit, dass ein Ja zu einem AKW-Neubau den Einwohner*innen auch künftig billigen Strom garantieren würde.

Angstkampagne für Laufzeitverlängerung
Mit diesem war Litauen tatsächlich verwöhnt gewesen. Und das AKW Ignalina, noch aus der Sowjetzeit, deckte nicht nur 75 Prozent des Strombedarfs, sondern spülte über einen umfassenden Atomstromexport auch hochwillkommene Devisen in die Staatskasse. Doch als die Baltenrepublik der EU beitreten wollte, stellte Brüssel eine Bedingung: Die beiden grafitmoderierten Siedewasserreaktoren vom Typ RBMK 1500, in der grundlegenden Konstruktion dem Katastrophenreaktor von Tschernobyl ähnlich, ohne Sicherheitsbehälter und zudem an einem erdbebengefährdeten Standort erbaut, mussten abgestellt werden.
Das Aus für den 1983 ans Netz gegangenen Reaktor Ignalina‑1 kam Ende 2004; Ende 2009 folgte, nach 22 Betriebsjahren, Ignalina‑2. Zu einer Fristverlängerung ließ sich Brüssel auch durch eine von der litauischen Regierung 2008 veranstaltete Volksabstimmung nicht erweichen, bei der – nach einer Angstkampagne, die vor ausgehenden Lichtern und eiskalten Wohnungen warnte – 88 Prozent für einen Weiterbetrieb des Meilers votierten.
Geht Ignalina vom Netz, muss ein neues AKW her – für diese Logik gab es seinerzeit breite Unterstützung. Zunächst jedenfalls. 2007 genehmigte das Parlament ein entsprechendes Projekt, ein Jahr später verständigten sich Litauen, Lettland, Estland und Polen auf eine gemeinsame Finanzierung. Doch als im Juli 2011 „Hitachi-GE Nuclear Energy“ den Zuschlag für einen möglichen AKW-Neubau erhielt, hatte die Fukushima-Katastrophe die Voraussetzungen gründlich geändert: Die ursprünglichen Mitfinanziers bekamen kalte Füße, und in Litauen selbst meldete sich die Anti-AKW-Bewegung mit neuer Kraft zurück.
Denn auch sie hatte hier Tradition. Schon nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 hatte es große Demos gegen den damals noch geplanten Ausbau des AKW Ignalina um zwei weitere Reaktoren gegeben. 300.000 Menschen unterschrieben eine Protesterklärung. Moskau legte die Ausbaupläne daraufhin erst einmal auf Eis. Und Litauens Anti-Atom-Opposition wurde
zusammen mit der Umweltschutzbewegung zum Kern des wenige Jahre später erfolgreichen Kampfes um die Selbständigkeit des Landes.

Stromimporte auch aus AKW-Ländern
Weil die Regierung in Vilnius viel zu lange auf Atomstrom gesetzt hat, wurde Litauen mit der Abschaltung von Ignalina von einem Stromexport- zu einem ‑importland. Von den jährlich verbrauchten 11 Milliarden Kilowattstunden Strom stammen derzeit nur rund 4 Milliarden aus einheimischer Produktion, davon etwa die Hälfte aus erneuerbaren Quellen, der Rest vorwiegend aus Gaskraftwerken. Die Strompreise stiegen um etwa ein Drittel auf das Niveau der Nachbarländer. Versorgungsengpässe gab es nicht. Inzwischen verbinden neue Stromkabel Litauen mit den Nachbarstaaten auch jenseits der Ostsee. 70 Prozent des Importstroms kommen heute aus der EU, unter anderem aus Schweden und Finnland; wie viel Atomstrom darunter ist, weist die Statistik nicht aus.
Gegen das 50 Kilometer von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernte weißrussische AKW  in Astrawez allerdings, dessen erster Reaktor im Dezember ans Netz gehen soll, gibt es mittlerweile sogar regierungsamtliche Proteste. Litauen sei doch ein gutes Beispiel, wie es auch ohne Atomkraft gehe, konstatierte Regierungschef Saulius Skvernelis Anfang März in einem Interview. Er appellierte an die Regierung in Minsk, das AKW zu einem Gaskraftwerk umzubauen. Andernfalls, hat das litauische Parlament beschlossen, werde man zumindest aus Weißrussland keinerlei Strom mehr importieren.

Reinhard Wolff

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 43

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