Atomkraft in Russland

Die Regierung spielt russisches Atom-Roulette, die Anti-Atom-Bewegung hat mit massiver staatlicher Repression zu kämpfen

Russland-Karte mit eingezeichneten AKW

Der Atomstrom-Anteil am russischen Strom-Mix beträgt etwa 18 Prozent, produziert in 34 AKW und zwei Schnellen Brütern, alle betrieben vom staatlichen Monopolunternehmen Rosenergoatom. Die meisten Anlagen stammen aus den 1970er-Jahren. Elf Reaktoren sind vom Tschernobyl-Typ RBMK, vier gehören noch zur ersten Generation sowjetischer Bauart, was bedeutet, dass sie über kein Containment verfügen – überall sonst auf der Welt sind solche Anlagen aus Sicherheitsgründen längst stillgelegt. Die russische Atomindustrie aber besteht auf dem Weiterbetrieb der alten Meiler und erklärt sie für ausreichend sicher. Unabhängige Experten warnen dagegen vor einem neuen Desaster, vergleichbar mit dem Super-GAU von Tschernobyl 1986.

Illusorische Pläne

Für die Regierung in Moskau hat die Atomkraft noch immer hohe Priorität, da sie als Instrument politischer Einflussnahme in der Welt betrachtet wird. In Russland selbst sind die Aussichten für die nukleare Expansion jedoch begrenzt: Es gibt genug andere Energie-Optionen und die Baukosten für neue AKW sind sehr hoch. Der staatlichen Atomenergiebehörde Rosatom zufolge kostet ein großer russischer Reaktor heute mindestens fünf Milliarden Dollar, unabhängige Experten gehen von mindestens acht Milliarden Dollar aus.

Dessen ungeachtet verkündete die russische Regierung erst vor Kurzem ein neues Energie-Programm, das den Bau von elf neuen AKW bis 2030 vorsieht – zusätzlich zu den sechs Reaktoren, die bereits im Bau sind. Zu Letzteren zählt unter anderem die sogenannte schwimmende Atomanlage „Akademik Lomonossow“ mit zwei Blöcken, deren Bau sich seit einem Jahrzehnt verzögert und deren Fertigstellung nun für 2019 angekündigt ist.

Der Atomentwicklungsplan klingt zwar beängstigend – es ist aber klar, dass Rosatom gar nicht in der Lage ist, ihn auszuführen. Erstens durchläuft Russland gerade die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zusammenbruch der UdSSR; die Energienachfrage sinkt und es gibt keinen Bedarf an neuen Kapazitäten. Wenn die Regierung neue Reaktoren braucht, dann eher für den Ersatz der alten und nicht für eine Expansion. Um das Programm umzusetzen, müssten von heute an jedes Jahr mindestens zwei Reaktoren ans Netz gehen. Rechnet man die internationalen Aufträge im Wert von 100 Milliarden Dollar in Dutzenden Ländern mit dazu, von denen Rosatom behauptet, sie in den letzten Jahren akquiriert zu haben, müssten es sogar zwei oder dreimal so viele Reaktoren pro Jahr sein. Rosatoms tatsächliche Kapazität lag zuletzt aber eher bei 0,5 Reaktoren pro Jahr …

Rosatom müsste also entscheiden, welche Projekte es zurückstellt – das betrifft bis zu 80 Prozent der Aufträge – und in welche es die verbleibenden Mittel steckt. Der vermutlich größte Teil des Geldes wird in russischen Anlagen fließen; es wird trotzdem nicht genug sein, um auch nur die in den nächsten Jahren wegfallenden alten Reaktoren zu ersetzen. Den Rest wird Rosatom in internationale Aufträge investieren. Von größter Bedeutung sind die aus der EU, wie die Projekte in Finnland und Ungarn, wahrscheinlich auch das in Weißrussland, weil es Gas ersetzen würde, das Russland dann anderswohin exportieren kann. In China und Indien ist ebenfalls schon Geld investiert.

Staatliche Repression

Natürlich sind die RussInnen nicht glücklich mit der Atomkraft, aber eine öffentliche Diskussion ist nicht wirklich erlaubt. Die verbliebenen Anti-Atom-Gruppen in Russland stehen unter großem Druck. Ecodefense organisierte 2013 eine erfolgreiche Kampagne gegen den Bau der Atomanlage in der Nähe von Kaliningrad. Schon bald nachdem der Bau gestoppt war, ließ das russische Justizministerium die Umweltorganisation zu „ausländischen Agenten“ erklären. In den vergangenen zwei Jahren initiierte die Regierung 15 Gerichtsverfahren gegen Ecodefense, zehn endeten mit hohen Geldstrafen. Auch mehrere andere Anti-Atom-Gruppen wurden zuletzt auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt und mit Geldstrafen belegt. Die Anti-Atom-Bewegung in Russland ist klein, aber trotz massiver Unterdrückung manchmal fähig, große Erfolge zu erreichen. Die aktuelle Politik droht jedoch, die Bewegung auszulöschen.

Vladimir Slivyak, Ecodefense

Mehr Infos:
www.ecodefense.ru

 

 Dieser Text ist ursprünglich erschienen im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 34 (Herbst 2016)