Atomkraft in Südkorea

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Doppelte Kehrtwende: Auf Druck der Atomlobby bläst die Regierung den angekündigten Ausstieg wieder ab. Doch die Sorge vor Unfällen durch Erdbeben nimmt zu.

Ein Erdbeben hat die Diskussion um die Atomkraft in Südkorea wieder aufgerüttelt. Die koreanische Landmasse galt lange als besonders fest, fast völlig sicher vor Erdstößen. Dann jedoch bebte es am 15. November in der Hafenstadt Pohang an der koreanischen Ostküste so heftig, dass Tausende von Häusern beschädigt wurden. Es stellte sich heraus, dass die Gegend auf solche Ereignisse nur schlecht vorbereitet ist. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich schnell auf die Nuklearpläne der Regierung: Die meisten AKW des Landes liegen in dieser Region. Südkorea findet derzeit keine klare Linie, was Atomkraft angeht. Präsident Moon Jae-jin war im Mai mit dem Versprechen angetreten, den Neubau von AKW zu stoppen – eine Abkehr von Südkoreas betont atomfreundlicher Politik. Ihm schwebte die Vision einer komplett atomfreien koreanischen Halbinsel vor; nur so ließe sich auch Nordkorea überzeugen, seine Nuklearambitionen fallen zu lassen. Im Juni ließ er den Bau zweier neuer Blöcke des AKW Singori auf Eis legen. „Wir wollen die atomzentrierte Politik aufgeben und die Ära der Atomkraft wieder verlassen“, sagte er bei einer Veranstaltung zur Stilllegung des veralteten Reaktors Gori‑1.

Atomausstieg … in 40 Jahren
Doch schon im Oktober vollzog Moon eine erneute Kehrtwende: Er bestätigte die Baugenehmigung für die Reaktoren Singori‑5 und 6. Man folge damit den Vorgaben der eingesetzten Kommission, redete sich ein Sprecher heraus. Die Regierung sehe für den Ausstieg nun einen Zeithorizont von 40 Jahren vor. Das Lippenbekenntnis zum atomfreien Korea bleibt also bestehen – die Pläne sind bloß auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Und es gilt weiterhin der „Langfristplan für Stromversorgung und ‑nachfrage 2015–2029“, wonach die AKW-Kapazitäten erst einmal um 28 Prozent aufgestockt werden sollen. Die Befürworter*innen verweisen auch darauf, dass so Treibhausgas-emissionen reduziert würden. Derzeit decken 24 Reaktoren ein Drittel des Strombedarfs.

Lobby-Gruppen hatten zuvor enormen Druck auf den Präsidenten ausgeübt. Denn Südkoreas Atomkonzerne wollen ihre selbst entwickelten Meiler auch exportieren – und brauchen dafür Referenzprojekte im Inland. Aktuell bauen sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten vier Reaktoren im Wert von 20 Milliarden Euro.

Nachdem Moon seine Ausstiegspläne bekanntgegeben hatte, hatten sich vor allem Akademiker*innen vehement für die Atomkraft ausgesprochen. Im Juli forderten 410 Professor*innen in einem Appell eine Rücknahme des Ausstiegs: Die Atommeiler brächten „preiswerte Energie für das Volk“ und könnten weltweit Wachstum und Wohlstand schaffen. Südkoreas Atomkraftwerke gelten grundsätzlich als solide gebaut, gut gewartet und effizient betrieben. Doch das Land krankt an einer chronischen Verflechtung von Staat und Wirtschaft. Die Großkonzerne sind die Quelle des Reichtums, haben jedoch überproportional großen Einfluss auf die Regierung. Moons Vorgängerin etwa stolperte über einen Korruptionsskandal: Unter anderem der Samsung-Konzern hatte die Präsidentin mit Zuwendungen bedacht, die im Gegenzug unbequeme Regulierungen zurücknehmen wollte.

Auch gegenüber der Atomindustrie hat der Staat sowohl die Rolle des Aufsehers als auch die des Wirtschaftsförderers inne. Am Ende gewinnen dabei die industriefreundlichen Stimmen, wie Moons doppelte Kehrtwende zeigt. Dem gegenüber steht eine ausgeprägte Protestkultur. Die Bevölkerung macht in Südkorea ihren Willen unmissverständlich deutlich. Demonstrationen arten regelmäßig in Straßenschlachten mit der Polizei aus. Anders als in China, wo es keine Meinungsfreiheit gibt, und in Japan, wo die Bürger*innen der Obrigkeit eher gefügig folgen, ist die Demokratie in Südkorea höchst lebendig – und schlagkräftig. Auch Moons korrupte Vorgängerin musste auf Druck der Straße zurücktreten. Wie in anderen Ländern wächst zudem auch in Südkorea das Misstrauen gegenüber den etablierten Institutionen.

Mehrheit gegen Atomkraft
Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Realmeter im Oktober ergab, dass 61 Prozent der erwachsenen Koreaner*innen Moons Atomausstiegskurs gutgeheißen hatten. Weitere zehn Prozent schwanken noch. Jetzt verunsichern die unlängst auftretenden Erdbeben die Bürger*innen zusätzlich – und wecken Erinnerungen an die Fukushima-Katastrophe im benachbarten Japan.

Der Betreiber des AKW Singori versichert, die Anlage halte Beben mit einer Stärke von 7,4 stand. Die Regierung will nun auch sämtliche anderen AKW so nachrüsten, dass sie mindestens Stöße mit einer Magnitude von 7,0 überstehen. Doch reicht das in einer Großregion, in der regelmäßig auch viel stärkere Beben auftreten und zudem Tsunamis auslösen? „Südkorea kann nicht mehr als erdbebenfreie Zone gelten“, warnte sogar Präsident Moon. Und verwirrte die Öffentlichkeit komplett.     

Autor: Finn Mayer-Kuckuk

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 38, Februar 2018