Hochradioaktiver Müll

Zwischenlagerung – die Jahrhundert-Lager

Die Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommülls wird sehr viel länger dauern, als ursprünglich behauptet. Die bisherigen Hallen sind nicht weiter tragbar. Doch die Politik nimmt das Problem nicht ernst

Unterwasser-Beladung eines Castor-Behälters: Schutzhülle für 100 Jahre?
Foto: GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH Unterwasser-Beladung eines Castor-Behälters: Schutzhülle für 100 Jahre?

Auf 340 Billiarden Becquerel beläuft sich das radioaktive Inventar eines einzigen Castor-Behälters mit abgebrannten Brennelementen, das entspricht fast sechs Hiroshima- plus sechs Nagasaki-Atombomben. Ende 2015 standen mehr als 400 solcher Castoren in den damals 17 Zwischenlagern in Deutschland (seit Ende 2017 sind es nur noch 16 Zwischenlager, weil der Obrigheim-Müll nach Neckarwestheim verschoben wurde), hinzu kommen etwa 120 Castoren mit hochradioaktiven Kokillen aus Wiederaufarbeitungsanlagen plus gut 450 Behälter mit kugelförmigen Brennelementen. Tausende Brennelemente warten noch in den Abklingbecken der AKW darauf, in Castoren verpackt zu werden. Und acht Atomkraftwerke produzieren jeden Tag immer weiteren Müll.

Von den Zwischenlagern haben zwei ihre Genehmigung bereits verloren, eine sogar in Bausch und Bogen vor Gericht, weil sie schlicht nicht sicher genug ist. Legt man dieselben Maßstäbe an die anderen Hallen, müsste man auch deren Genehmigungen für nichtig erklären. Was die Castoren selbst angeht, so sollen diese angeblich 40 Jahre halten. Ob das wirklich so sein wird, kann allerdings niemand sagen. Selbst wenn es stimmt, würde es nichts nützen, denn ein tiefengeologisches Atommüll-Lager wird auch dann sicher nicht zur Verfügung stehen …

Alles in Butter also? Die Politik jedenfalls tut so. Das „Nationale Entsorgungsprogramm“ verbreitet Mythen. Eine öffentliche Diskussion über die Jahrhundertlager, gerade auch mit den Anwohner*innen, findet bis heute nicht statt.
Das ist fatal. Denn es bedeutet, dass alles bleiben wird, wie es ist: der hochradioaktive Müll, von dem niemand weiß, wie er sich verhält, in Behältern, deren Intaktheit niemand garantieren kann, in Hallen, die nur aus formaljuristischen Gründen ihre Genehmigung nicht längst verloren haben. Und durch deren Lüftungsöffnungen Radioaktivität jederzeit unbemerkt entweichen kann.

 




Heiße Hallen: Die drängende Frage

An insgesamt 16 Standorten in Deutschland liegen große Mengen hochradioaktiven Atommülls - zumeist in Hallen, die selbst in der stabilsten Variante keinen ausreichenden Schutz bieten.

Zwischenlagerung 2016: An 17 Standorten lagert hochradioaktiver Müll
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Fast 700 Seiten stark ist der Bericht, es geht um die Lagerung hochradioaktiver Stoffe ab dem 22. Jahrhundert; zwei Jahre lang hat die Atommüll-Kommission des Bundestages dafür getagt. Die Frage aber, was eigentlich in diesem Jahrhundert mit dem heißen Atommüll geschehen soll, blieb unbeantwortet.

Dabei ist sie drängender denn je. An 16 Orten in Deutschland lagern große Mengen hochradioaktiven Mülls, meist in oberirdischen Lagerhallen, den sogenannten Zwischenlagern. Die ersten Castoren landeten dort um die Jahrtausendwende, genehmigt sind Behälter und Hallen für bis zu 40 Jahre.  Die  erste Genehmigung, für das Zwischenlager Gorleben, wird demnach schon 2034 auslaufen, in 18 Jahren. Am längsten darf Atommüll noch im bayerischen Gundremmingen lagern: bis 2046. Doch schon heute ist klar, dass es weder 2034 noch 2046 irgendwo einen Ort geben wird, der für die langfristige Lagerung  hochradioaktiven Atommülls ausgewählt, genehmigt, ausgebaut und aufnahmebereit ist. Und selbst wenn es ihn gäbe, würde es dann trotzdem noch Jahrzehnte dauern, alle 1.900 Castor-Behälter - soviel sollen es insgesamt werden - aus den 17 Zwischenlagern dorthin zu transportieren und einzulagern.

Dringender Handlungsbedarf

„Insgesamt muss man damit rechnen, dass zumindest ein Teil der Behälter noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts in Zwischenlagern  stehen wird“, sagt der Physiker und Castor-Experte Wolfgang Neumann (siehe  Interview nächster Artikel).  Diese Prognose trifft sogar dann zu, wenn bei der Suche nach einem tiefengeologischen Langzeit-Lager alles halbwegs glatt gehen würde – wovon ja nicht auszugehen ist. Das bedeutet: völlig unabhängig davon, ob man auf schnelle Erfolge bei der Standortsuche vertraut oder dies skeptisch sieht, besteht dringender Handlungsbedarf. Denn die Castor-Behälter sind nicht für so lange Zeiträume ausgelegt. Und die derzeitigen Lagerhallen halten schon heute Flugzeugabstürzen und Angriffen  mit  panzerbrechenden Waffen nicht sicher stand. Es braucht also neue, langfristige Zwischenlösungen, wobei es irreführend wäre, wieder ein „Zwischen“-Wort dafür zu benutzen, denn es geht ja um viele Jahrzehnte und das Inventar der Castor-Behälter ist wahrlich Teufelszeug. Dass die Politik das  Problem, wenn überhaupt, dann nur sehr zögerlich angeht, hat vermutlich zwei Gründe: Zum einen hatte sie den Standortgemeinden  hoch und heilig versprochen, dass diese den Atommüll nach 40 Jahren wieder los sind – und tut sich nun entsprechend schwer, zuzugeben, dass dies völlig illusorisch ist und dass auf die AnwohnerInnen bei längerer Lagerdauer zusätzliche Risiken zukommen. Zum anderen befürchten manche PolitikerInnen, die sich für eine zügige Standortsuche für ein tiefengeologisches Atommüll-Lager einsetzen, dass daraus nichts wird, wenn man sich jetzt um die Zwischenlager kümmert. Jeden besorgten Hinweis auf Probleme dort verstehen sie als Störfeuer für ihr Auswahlverfahren. Manche scheinen sogar die Strategie zu verfolgen, die prekäre Situation in den Castor-Lagern mit Absicht  aufrechtzuerhalten, um so den Druck zur schnellen Einrichtung eines Tiefenlagers zu verstärken.

Wie viele neue Zwischenlager?

Trotzdem werden nach und nach erste Ideen diskutiert, wie es mit den Castor-Behältern weitergehen soll. Das Bundesumweltministerium etwa hat vergangenes Jahr bei der Vorlage des „Nationalen  Entsorgungsprogramms“  (NaPro) den Vorschlag gemacht, am noch zu findenden Standort eines Endlos-Lagers ein sogenanntes „Eingangslager“ zu  errichten, also eine große Halle, in die dann die Castoren aus allen bisherigen Zwischenlagern gebracht werden sollen, und  zwar unabhängig von der Genehmigung und dem Bau des Tiefenlagers. Politisch würde das bedeuten, den gleichen  Fehler wie in Gorleben ein zweites Mal zu machen: Jeder Castor-Transport in das Eingangslager zementiert den Standort für das Tiefenlager, selbst wenn dieser sich später als ungeeignet herausstellt. Entsprechend werden diese Transporte auch auf großen Widerstand stoßen. Davon abgesehen dreht sich die langsam anlaufende Zwischenlager-Debatte vor allem um deren künftige Anzahl:  

  • 11:   entweder am Bergwerks- oder an einem davon unabhängigen Standort in der Republik
  • 13:   jeweils eine zentrale Lagerhalle  in Nord-, Süd- und Ostdeutschland
  • 17:   in jedem Bundesland, in dem schon jetzt Castoren lagern, jeweils ein Neubau oder ertüchtigter Altbau, also in Bayern, Ba-Wü, Hessen, NRW, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Meck-Pomm; das soll Kosten sparen und Transportwege reduzieren
  • 15:   die bisherigen Hallen  (außer Jülich und Obrigheim, siehe unten) einfach weiternutzen; die Atomwirtschaft behauptet frech, Castoren und Gebäude würden auch länger halten, obwohl es dafür keine Beweise gibt
  • 16:   an jedem bereits existierenden Zwischenlager-Standort, und zwar, wenn es nach der Anti-Atom-Bewegung geht, als robuster Neubau; das würde unnötige Castor-Transporte und die damit einhergehende Strahlenbelastung und Unfallgefahr vermeiden

Die  Befürworter einer reduzierten Zahl an Zwischenlagern argumentieren mit den Kosten: Je weniger Neubauten, desto billiger – zumal, wenn die neuen Lagerhallen jeweils noch mit einer teuren heißen Zelle ausgestattet sein müssen, um defekte Behälter reparieren oder umladen zu können. Weniger Zwischenlager hieße aber, Hunderte von Castoren umzulagern – und Castor-Transporte sind auch nicht billig. An zwei Standorten ist eine solche Verlagerung bereits geplant: EnBW will die abgebrannten Brennelemente aus dem AKW Obrigheim ins Zwischenlager des 50 Kilometer entfernten AKW Neckarwestheim bringen und sich damit den Bau einer eigenen Lagerhalle am bisherigen Standort sparen. Und die  152  Castor-Behälter mit strahlenden Kugel-Brennelementen aus dem Jülicher Hochtemperatur-Reaktor sollen  ins  Zwischenlager Ahaus oder in die USA transportiert  werden – die bisherige Halle in Jülich hat ihre Genehmigung bereits vor zwei Jahren verloren.

Ähnliches gilt für das Zwischenlager Brunsbüttel: Gerichte haben seine Genehmigung aufgehoben, weil es nicht stabil genug gebaut ist. Der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck (Grüne) will Vattenfall dennoch erlauben, weiter Castoren in die Halle zu stellen – als sogenannte „Bereitstellungslagerung“. Durch den geplanten Abriss der AKW wird an fast allen Zwischenlagern in einigen Jahren die Möglichkeit fehlen, mit schadhaften Behältern zu hantieren. Dazu bräuchte es überall heiße Zellen. Viele Atomkraftgegner*innen fordern diese als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Andererseits gibt es einige Standort-BIs die genau das sehr skeptisch sehen – weil sie befürchten, dass durch den Bau einer heißen Zelle „ihr“ Zwischenlager zu einem der in Erwägung gezogenen neuen zentralen Standorte werden könnte. Auflösen ließe sich dieses Dilemma  nur  über  einen  gesellschaftlichen Verständigungsprozess auf Augenhöhe, an dem sich alle mit gleichen Rechten beteiligen können, die von den Fragen rund um die Zwischenlagerung betroffen sind.

Jochen Stay

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 33 / Winter 2016. Die Zahl der Zwischenlager beträgt seit Anfang 2017 nur noch 16 – dies haben wir nachträglich im Text aktualisiert.

 

"Der Castor wird 100 werden"

Atommüll-Experte Wolfgang Neumann über undichte Deckel, unsichere Hallen, untaugliche Prognosen und mögliche Kettenreaktionen im Innern von Castoren.

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann
Wolfgang Neumann

Herr Neumann, bald stehen rund 1.900 Castoren in bundesweit 16 Zwischenlagern. Was glauben Sie: Wie lange noch?
Das hängt davon ab, wie lange die Standortsuche und das Genehmigungsverfahren für ein tiefengeologisches Atommülllager dauern. Aber der erste der Behälter wird nach meiner Einschätzung nicht vor 2060, 2070 zum Eingangslager am Standort dieses „Endlagers“ gehen.

Die Einlagerung an sich braucht auch noch ein paar Jahrzehnte.
Ja. Und vielleicht gibt es auch erstmal ein Pilot-Endlager, wie das in der Schweiz vorgesehen ist: ein kleiner Lagerteil, in dem man einige Behälter einlagert, um zu kucken, wie sich die Umgebung tatsächlich verhält, bevor man die großen Einlagerungsbereiche befüllt. Insofern glaube ich, dass das alles noch ein bisschen dauern wird.

Castor V/19 - Modellzeichnung des Herstellers. Hier bröselt natürlich nichts.
Foto: GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH Castor V/19 - Modellzeichnung des Herstellers.

Was heißt das für die Zwischenlager?
Insgesamt muss man damit rechnen, dass zumindest ein Teil der Behälter noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts in Zwischenlagern stehen wird.

Die Bundesregierung behauptet, das Atommülllager werde 2050 in Betrieb.
Dieser Zeithorizont ist aus meiner Sicht völlig unrealistisch.

Wird der Castor also 100 werden?
Ich schätze ja. Vielleicht nicht alle, aber zumindest einige der Castoren – wenn man sich denn nicht dazu entschließt, in ein paar Jahren in völlig neue Behälter umzuladen.

Wie lange hält ein Castor-Behälter?
Wände und Deckel sind sehr dickwandig, die halten vermutlich schon 100 Jahre aus. Aber die Dichtungen und die Öffnungen im Deckel, die werden mit großer Wahrscheinlichkeit bei Weitem nicht so lange durchhalten. Auch bei den Einbauten, etwa dem Tragkorb, in dem die Brennelemente oder Kokillen [hochradioaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung, d. Red.] fixiert sind, ist doch sehr in Frage zu stellen, ob die solange halten.

Was ist mit den Brennelementen selbst?
Die Brennstoff-Pellets befinden sich in Brennstabhüllrohren, deren Material durch den Neutronenbeschuss versprödet, hinzu kommen die starke Wärmeentwicklung und die mechanischen Belastungen, etwa durch Handhabung und Transport der Behälter. Mindestens langfristig kann es dazu kommen, dass Hüllrohre und Halterungen – vereinfacht gesagt – zerbröseln.

Dann könnte man den hochradioaktiven Müll nur noch rausschütten?
Das ist die Gefahr. Das wird nicht in allen, es kann aber bei einigen Transport- und Lagerbehältern, also zum Beispiel Castoren, passieren.

Wäre das schon während der Zwischenlagerzeit ein Problem oder erst dann, wenn man das Zeug umpacken will?
Wenn Brennstäbe und Halterungen in großem Umfang versagen, kann der Brennstoff verrutschen. Die Strahlung an der Außenfläche des Castors könnte dann an manchen Stellen deutlich stärker sein, die Handhabung wäre deutlich schwieriger. Je nachdem wie viel Brennstoff zusammenrutscht, könnte sogar wieder eine kurzzeitige Kettenreaktion in Gang kommen. Durch die dabei freiwerdende Wärme könnte die Deckeldichtung versagen.

Worauf stützen sich das angebliche Wissen und die Prognosen über den Zustand im Castor und über seine Haltbarkeit? Nur auf Rechenmodelle?
Im Prinzip schon. Die sind natürlich durch Material- und werkstofftechnische Untersuchungen abgestützt – aber eben nicht unter den realen Bedingungen der Zwischenlagerung. Was wirklich eintreten wird, weiß man nur, wenn man Castoren aus den Zwischenlagern selbst überprüft – also aufmacht und nachguckt.

Hat sowas schon mal jemand gemacht?
In den USA wurde mal ein Behälter geöffnet, nach 15 Jahren Lagerzeit. Da sind viele Defekte und Fehler an praktisch jeder Komponente gefunden worden. Die Bewertung dort war allerdings, dass das alles nicht direkt zu einer Gefährdung führe.
 

Zur Person: Wolfgang Neumann
Diplom-Physiker Wolfgang Neumann ist Geschäftsführer der intac GmbH in Hannover und seit Jahrzehnten als Gutachter und Berater zu Transport, Zwischenlagerung, Konditionierung und Lagerung von radioaktiven Stoffen und Abfällen sowie zu Strahlenschutzaspekten tätig. Er ist einer der Referenten der Fachtagung „Probleme bei der Zwischenlagerung hoch radioaktiver Abfälle“ am 25. November in Würzburg (s.u.).



Sie klingen nicht gerade überzeugt.
Die werden das Wort „direkt“ nicht umsonst eingebaut haben. Zudem sind die Brennstäbe in den Castoren bei uns deutlich radioaktiver. Der offizielle Schluss jedenfalls, man könne aus solchen Erkenntnissen sicher ableiten, dass bei der Zwischenlagerung hier nichts passiert, der ist aus meiner Sicht nicht zulässig.

Muss als Konsequenz der ganze Müll schon für die lange Zeit der Zwischenlagerung nochmal umgepackt werden?
Erste Konsequenz wäre für mich zunächst einmal, nicht noch weiteren Müll zu produzieren. Das Zweite ist, dass man zumindest in Erwägung ziehen muss, den Müll in neue Behälter zu verpacken, wenn die Genehmigung der bisherigen Zwischenlager ausläuft.

Diese Genehmigungen sind alle auf 40 Jahre befristet. Spielte das eine Rolle bei den Sicherheitsnachweisen für die Lager?
Ja. Man hat nur bis 40 Jahre gerechnet. Wenn der Müll jetzt länger bleiben soll, muss man für alles, was mit dem Behälter und dem Inventar zusammenhängt, sowie für das Bauwerk und das Überwachungsystem neue Sicherheitsnachweise führen – natürlich nach dem dann aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik und unter der Bedingung einer realistischen Lagerzeit. Auf keinen Fall darf man jetzt erstmal für zehn Jahre kucken und danach dann nochmal um zehn Jahre verlängern und nochmal und nochmal. Denn dann hätten die Behörden viel weniger Möglichkeiten, den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik tatsächlich einzufordern. Weil ja jede Maßnahme immer mit der Wirtschaftlichkeit abgewogen wird – wie bei den AKW auch.

Kann der Müll überhaupt weiter in den bisherigen Zwischenlagerhallen bleiben?
Die Hallen in Süddeutschland sowie die in Ahaus, Gorleben, Jülich und Lubmin haben alle noch dünnere Wände als das Zwischenlager in Brunsbüttel, dessen Genehmigung ein Gericht kassiert hat. Spätestens wenn es um eine Neugenehmigung für mehrere Jahrzehnte geht, kommt man nicht umhin, neu zu bauen. Damit sollte man aber nicht warten, bis die Genehmigungen der bisherigen Lager auslaufen, sondern das jetzt schon in Angriff nehmen. Vor allem muss man den Standorten, denen man ja ursprünglich mal versprochen hatte „40 Jahre und nicht mehr“, sagen, dass diese Zeit nicht ausreichen wird, und dass man gemeinsam darüber reden muss, wie man damit umgeht.

Manche fordern, den Müll in einem, drei oder sieben Zwischenlagern bundesweit zu konzentrieren.
Das würde Hunderte zusätzliche Castor-Transporte bedeuten, die sicherheitstechnisch ja auch nicht unbedenklich sind. Auf der anderen Seite könnte man dann sicherlich leichter deutlich höhere Sicherheitsstandards durchsetzen. Das muss man abwägen. Brauchen die Zwischenlager künftig heiße Zellen, also Anlagen, in denen man einen Castor aufmachen und ausladen kann? Sicherheitstechnisch ist das aus meiner Sicht unverzichtbar. Nur so kann man Castoren zur Kontrolle öffnen, reparieren oder den Müll gegebenenfalls in andere Behälter umladen. Schon bisher muss ja nach Atomgesetz auch bei Castoren alle zehn Jahre eine Periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) durchgeführt werden. Bisher spart die das Innere der Behälter einfach aus; das halte ich aber nicht für zulässig. Mal davon abgesehen, dass man dort, wo Castoren vom Typ HAW 28M gelagert werden, …

… das sind die mit den Glaskokillen aus La Hague und Sellafield …
… man sowieso eine heiße Zelle braucht, weil diese Behälter nur mit intaktem Primärdeckel transportiert werden können. Wird der also mal undicht, kriegt man sie ohne heiße Zelle gar nicht mehr weg.

Und die anderen Castoren?
Da reicht es zum Transport offiziell, wenn der Sekundärdeckel noch intakt ist.

Interview: Armin Simon

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 33 / Herbst 2016

Dicke Wände

Kein einziges Zwischenlager entspricht dem Stand von Wissenschaft und Technik. Neubauten sind unvermeidlich – zumal, wenn der Atommüll dort bis ins 22. Jahrhundert stehen soll.

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann
Foto: Michael Meding Gundremmingen

Was bedeutet das? MancheR schmäht sie als „Kartoffelscheunen“, selbst die Genehmigung für eine der stabilsten Castor-Hallen hat ein Gericht kassiert – zu unsicher!

Zwei-Barrieren-System
Den Schutz gegen Einwirkungen von außen übernehmen nach derzeitigem Konzept die Castoren allein, die meisten Hallen haben keine echte Sicherheitsfunktion. Selbst die stabilsten von ihnen sind nur bedingt gegen Einwirkungen von außen ausgelegt. Nötig ist jedoch ein echtes Zwei-Barrieren-System, bei dem zum Beispiel Behälter und Gebäude jeweils unabhängig voneinander den Schutz gewährleisten. Die Gebäude müssen dafür noch deutlich stabiler werden als selbst die dicksten bisherigen Hallen; zu berücksichtigen sind unter anderem Abstürze der größten denkbaren Flugzeuge (inklusive Kerosinbrände), Erdbeben sowie der Beschuss mit panzerbrechenden Waffen. Letzteres betrifft vor allem auch einem besseren Schutz des Lagers gegen das Eindringen möglicher AngreiferInnen.

Oberirdisch oder unterirdisch?
An einem US-Standort werden Atommüll-Behälter in eigens ausgehobene Schächte eingebracht, auf die massive Deckel kommen; zur Kühlung der Castoren sind aber auch hier Öffnungen nötig, die einen steten Luftstrom ermöglichen. Auch der Forschungsverbund Entria denkt über eine Langzeitzwischenlagerung wenige Meter unter der Erde nach. Derlei könnte besseren Schutz gegen mechanische Einwirkungen von außen und gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter (SEWD) bieten – gerade bei Letzterem hat das OVG Schleswig im Fall des Zwischenlagers Brunsbüttel gravierende Sicherheitsdefizite gerügt. Allerdings ergeben sich unter Tage auch neue Sicherheitsprobleme, etwa wenn bei einem Flugzeugabsturz Kerosin ins Lager läuft und sich entzündet. In den Hang gegrabene Stollen, wie sie heute schon in Neckarwestheim als Zwischenlager dienen, sind auch nicht unbedingt sicherer: Der kalkige Untergrund dort ist wasserlöslich, der Stollenboden könnte einbrechen. Ob also ein Ort unter der Erdoberfläche ein stabiles oberirdisches Gebäude unterm Strich schlägt, ist offen. „Man sollte ernsthaft prüfen, welches Konzept das bessere ist“, fordert Castor-Experte Wolfgang Neumann.

Besonders dünnwandig: Zwischenlager Isar/Ohu
Foto: Dirk Seifert Besonders dünnwandig: Zwischenlager Isar/Ohu

Kühlung und Korrosionsvorsorge
Die Kühlung der Castoren erfolgt derzeit rein passiv: Luft tritt unten in die Halle ein, erwärmt sich an den Behältern und strömt oben wieder aus. Stehen aber zu wenige Behälter im Lager oder ist der Müll schon deutlich abgekühlt, reicht die Hitze unter Umständen nicht aus, um Kondensation zu verhindern – die Behälter könnten, wie in Ahaus schon geschehen, rosten. Das muss sicher vermieden werden. Zugleich muss die Wärmeabfuhr auch bei einer Beschädigung des Gebäudes sichergestellt sein.

Luftüberwachung
Nur Druckschalter überwachen bisher die Dichtheit der Castoren. Bei Umlagerungen und Reparaturen sind diese jedoch nicht angeschlossen. Nötig ist deshalb mindestens eine Raumluftüberwachung, die auch anschlägt, wenn sich Oberflächenkontaminationen lösen oder Neutronenstrahlen die Luft zu sehr aktivieren.

Heiße Zelle
Um Castoren zu öffnen, auszuladen, zu reparieren und den Zustand im Innern kontrollieren zu können, halten Experten wie Neumann eine heiße Zelle an jedem Zwischenlager für unabdingbar (s. Experteninterview zum Thema "Castoren") – denn die Möglichkeit, diese Arbeiten im Reaktorgebäude auszuführen, besteht nicht mehr, wenn das AKW stillgelegt und abgerissen wird. Diese Forderung ist allerdings nicht unumstritten (s. Text "Heiße Hallen" Jochen Stay).
 

Armin Simon

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 33 / Herbst 2016

 

Zwischenlager Brunsbüttel nicht sicher

Seit Anfang 2015 ist höchstrichterlich bestätigt: Die Sicherheit der Castor-Halle in Brunsbüttel gegen Flugzeugabstürze und Beschuss mit panzerbrechenden Waffen konnte von Betreibern und Behörden nicht nachgewiesen werden. Damit wurde die Betriebsgenehmigung aufgehoben. Dabei hat das Lager in Brunsbüttel von allen vergleichbaren Hallen in Deutschland noch die stabilste Bauweise.

Zwischenlager Brunsbüttel im Vergleich

 

Fragen und Antworten

  • Wieso gibt es am AKW Brunsbüttel überhaupt ein Zwischenlager?

    Aufgrund der Proteste der Anti-Atom-Bewegung wurden 2005 die Transporte von hochradioaktiven abgebrannten Brennelementen aus den AKW zu den Plutoniumfabriken La Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien) eingestellt. Weil die AKW aber weiter liefen und Atommüll produzierten, bauten die Betreiber jeweils Zwischenlagerhallen (in Neckarwestheim oberflächennahe Stollen) für Castor-Behälter auf dem AKW-Betriebsgelände. In Brunsbüttel stellten sie 2006 den ersten Castor-Behälter im Zwischenlager unter. Die Betriebsgenehmigung der Halle war wie bei den anderen deutschen Zwischenlagern auf 40 Jahre begrenzt – was danach mit dem Atommüll darin passieren soll, weiß kein Mensch. Alle in der Halle lagernden Castor-Behälter enthalten Brennelemente, die aus dem Betrieb des AKW Brunsbüttel stammen. Das Kraftwerk selbst ist seit 2007 außer Betrieb und wurde 2011 endgültig abgeschaltet. Vattenfall als Betreiber hat bei den Behörden einen Antrag auf Stilllegung und Abriss des Kraftwerks gestellt, der 2018 genehmigt wurde.

  • Wie funktioniert ein Zwischenlager?

    Die hochradioaktiven und heißen abgebrannten Brennelemente werden im AKW unter Wasser in Castor-Behälter gefüllt. Danach kommen die sechs Meter hohen und 120 Tonnen schweren gusseisernen Behälter in die Lagerhalle. Sie sind innen bis zu 400 Grad und außen bis zu 100 Grad heiß und müssen ständig gekühlt werden, damit die Dichtungssysteme der Deckel nicht versagen. Dies geschieht durch so genannte „Naturluftzugkühlung“: In den Seitenwänden und im Dach der Halle sind Lüftungsschlitze; seitlich tritt Umgebungsluft ein, diese erwärmt sich an den Behältern, steigt nach oben und entweicht wieder ins Freie. Durch die Hitze des Atommülls entsteht so ein ständiger Luftstrom, der die Castoren kühlt.

  • Wem gehört das Zwischenlager Brunsbüttel?

    Betreiber des Zwischenlagers ist die Kernkraftwerk Brunsbüttel GmbH mit Vattenfall (67 %) und Eon (33 %) als Gesellschaftern. Anfang 2019 ist die BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH dem aktuell laufenden Genehmigungsverfahren beigetreten. Sobald es eine neue Genehmigung gibt, werden das Zwischenlager und die darin stehenden Castor-Behälter an die BGZ übertragen. Die BGZ ist ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen im Besitz des Bundes. Ihr gehören auch die meisten anderen Zwischenlager, mit Ausnahme der Hallen in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) und Jülich (Nordrhein-Westfalen), die vom staatlichen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN) betrieben werden.

  • Wieso sind Zwischenlager gefährlich?

    Die Hallen dienen vor allem als Sicht- und Regenschutz. Wird ein Castor undicht, werden radioaktive Gase und Partikel sofort mit dem Luftstrom ins Freie geblasen. Bei massiven Einwirkungen von außen wie Flugzeugabstürzen kann die ganze Halle zusammenbrechen. Sind die Behälter unter Schutt begraben, funktioniert die „Naturluftzug“-Kühlung nicht mehr und die Dichtungen versagen früher oder später. Auch gegen einen Angriff mit panzerbrechenden Waffen sind die deutschen Zwischenlager nicht ausreichend gesichert.

  • Wie verlief der Brunsbüttel-Prozess?

    Peter und Anke Dreckmann wohnen in der Nähe des AKW und fochten 2004 die vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erteilte Betriebsgenehmigung des Zwischenlagers an. Ihre Klage hatte keine aufschiebende Wirkung, Vattenfall konnte also trotzdem Castor-Behälter einlagern. 2007 entschied das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Schleswig zunächst, die Genehmigung sei rechtens, ließ aber eine Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) zu. Dieses hob das Urteil 2008 auf und verwies das Verfahren zurück ans OVG, das im Juni 2013 erneut verhandelte und die Genehmigung schließlich für ungültig erklärte. Bundesamt für Strahlenschutz und Vattenfall wollten dieses Urteil nicht akzeptieren und legten Beschwerde beim BVerwG ein, um eine erneute Revision zu erreichen. Das BVerwG wies die Beschwerde 2015 jedoch als unbegründet ab. Das Urteil des OVG wurde damit rechtskräftig.

  • Worum ging es in dem Verfahren?

    Die Dreckmanns versuchten nachzuweisen, dass die damals zuständige Behörde, das Bundesamt für Strahlenschutz, bei der Genehmigung der Halle bestimmte Unfallszenarien nicht berücksichtigt habe, etwa den Absturz eines Airbus A380 oder einen Beschuss mit modernen panzerbrechenden Waffen. Sie sahen sich in ihren Grundrechten auf Leben, Gesundheit und Eigentum verletzt. Deshalb sei die Genehmigung der Halle rechtswidrig.

  • Warum entzog das Verwaltungsgericht dem Zwischenlager die Genehmigung?

    Das OVG Schleswig warf dem Bundesamt für Strahlenschutz „Ermittlungs- und Genehmigungsdefizite“ vor. Die Behörde legte dem Gericht unter Berufung auf Geheimhaltung einen wesentlichen Teil der Unterlagen nicht vor. Für die Genehmigung war der Absturz eines A380 nicht berücksichtigt worden – ob dies später erfolgt war, konnte aufgrund der Geheimhaltung nicht nachgewiesen werden. Bei den Untersuchungen zu den Folgen eines Angriffs mit panzerbrechenden Waffen wurde nur ein älterer Waffentyp von 1992 berücksichtigt; schon bei der Genehmigung des Zwischenlagers gab es jedoch neuere und schneller nachladbare Waffen mit größerer Zerstörungswirkung. Auch nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts reichte letzteres bereits aus, um die Genehmigung zu kassieren.

  • Könnten die geheimen Unterlagen beweisen, dass das Zwischenlager sicher ist?

    Nein. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) argumentierte: Alle Untersuchungen seien erfolgt, könnten aber aus Geheimhaltungsgründen nicht veröffentlicht und noch nicht einmal dem Gericht zur Verfügung gestellt werden. Die Unterlagen seien geheim, um Terroristen keine Informationen zu geben. Damit ist im Umkehrschluss klar: Wenn die geheimen Unterlagen Hinweise über Schwachstellen der Lagerhalle enthalten, die besser nicht in falsche Hände gelangen sollten, dann gibt es diese Schwachstellen auch – also ist die Halle nicht sicher.

  • Was passierte mit dem in der Halle lagernden Atommüll, nachdem das Gericht dessen Lagerung für rechtswidrig erklärt hat?

    Er blieb wo er war. „Wo soll der Müll denn hin, wir können ihn doch nicht auf die Straße stellen“, beschrieb der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) das Dilemma. Eine genehmigte Alternative stand und steht nicht zur Verfügung. Aktuell lagern in Brunsbüttel 20 Castor-Behälter. Elf davon wurden ab Juni 2017 eingelagert, als die Betriebsgenehmigung bereits erloschen war.

  • Wie wurde die Einlagerung neuen Atommülls gerechtfertigt, obwohl das Zwischenlager ohne Betriebsgenehmigung war?

    Die elf zusätzlichen Castoren sollten in das Zwischenlager eingelagert werden, weil die Brennstäbe aus dem Reaktorbehälter entfernt werden mussten, um das AKW abreißen zu können. Der damalige Umweltminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck (Grüne) argumentierte, das Zwischenlager sei noch immer der sicherste Ort auf dem Kraftwerksgelände – aber sicherer heißt eben nicht sicher. Dazu kam noch eine abenteuerliche juristische Begründung: Weil die Halle keine Genehmigung mehr als Atommüll-Zwischenlager hatte, deklarierte Habeck das Abstellen der neuen Castoren für mehrere Jahrzehnte dort einfach zur „Bereitstellungslagerung“ um. Praktisch änderte das nichts – juristisch schon, zumindest in seinen Augen. Denn für eine „Bereitstellungslagerung“ brauche es gar keine extra Genehmigung: Vattenfall dürfe auf dem Gelände schließlich sowieso mit Kernbrennstoffen hantieren. Das grundlegende Problem bei Habecks Herangehensweise: Er wollte zwar im Fall Brunsbüttel relativ gesehen mehr Sicherheit, riss aber juristische Standards ein, die überall für möglichst große Sicherheit bei der Atommüll-Lagerung sorgen sollten. Macht dieses Beispiel Schule, gibt es unterm Strich mehr und nicht weniger Risiko.

    Das Vorgehen wäre gerade noch akzeptabel gewesen, wenn Habeck gleichzeitig darauf hingearbeitet hätte, die unsichere Castor-Halle in Brunsbüttel zeitnah durch ein deutlich stabileres Lager zu ersetzen. Stattdessen setzte Habeck darauf, dass die Halle mit einer neuen Genehmigung doch wieder legalisiert wird, obwohl das Gerichtsverfahren um die Genehmigung des Zwischenlagers durchaus konkrete Zweifel an der Sicherheit aufgeworfen hatte. Da Vattenfall bis heute wegen fehlender Sicherheitsnachweise noch immer keine neue Genehmigung für das Zwischenlager hat, ist denkbar, dass die Sicherheit auch in diesem neuen Anlauf nicht nachgewiesen werden kann. Am Ende steht man vielleicht mit leeren Händen da – und mit noch mehr Atommüll in einem Lager, das nicht den gesetzlichen Anforderungen entspricht.

  • Was hat Vattenfall unternommen, damit der Atommüll im Zwischenlager wieder rechtskonform gelagert werden kann?

    Das Kieler Umweltministerium erließ nach dem Beschluss des BVerwG vom Januar 2015 zunächst eine atomrechtliche Anordnung. Danach sollten die neun Castor-Behälter im Zwischenlager Brunsbüttel vorerst dort bleiben; die Einlagerung weiterer Behälter war damit (eigentlich) nicht mehr zulässig. Zugleich wurde Vattenfall verpflichtet, innerhalb von drei Jahren eine neue Genehmigung für das Zwischenlager oder eine andere genehmigte Aufbewahrungsmöglichkeit zu erwirken. Im November 2015 beantragte Vattenfall eine neue Genehmigung. Nach Ablauf der Frist war das Verfahren jedoch nicht abgeschlossen und das Ministerium verlängerte die Anordnung um weitere zwei Jahre. Im Januar 2020 wurde die Anordnung schließlich unbefristet verlängert. Eine neue Betriebsgenehmigung liegt bis heute nicht vor. Stattdessen setzt das schleswig-holsteinische Ministerium mit seiner Anordnung seit fünf Jahren die geltenden Sicherheitsregeln für Atommüll-Zwischenlager außer Kraft. Dass Umweltminister Albrecht (Grüne) diesen Zustand nun auch noch unbefristet verlängert, ist ein Schlag ins Gesicht nicht nur der Anwohner*innen, die dem Risiko der 20 Castoren in der Halle tagtäglich ausgesetzt sind. Er brüskiert auch alle, die darauf vertraut haben, dass sich zumindest der Staat an die von ihm selbst aufgestellten Regeln zum Schutz vor Atomgefahren hält und diese durchsetzt. Ein vertrauenswürdiger und verantwortungsvoller Umgang mit Atommüll sieht anders aus.

  • Warum wurde bis heute keine neue Betriebsgenehmigung erteilt?

    Nach der ministeriellen Anordnung zur unbefristeten weiteren Aufbewahrung der Behälter im Zwischenlager Brunsbüttel im Januar 2020 gab das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) – inzwischen zuständige Genehmigungsbehörde – bekannt, dass nach wie vor entscheidende Sicherheitsnachweise fehlen, die Voraussetzung für eine neue Genehmigung für das Zwischenlager sind. Nach seiner Auffassung ist Vattenfall für die Verzögerungen im Genehmigungsverfahren verantwortlich, da das Unternehmen als Betreiber „für einen zügigen Abschluss alle erforderlichen Nachweise in der notwendigen Detailtiefe vorzulegen hat“. Das Bundesamt kritisierte die unbefristete Anordnung zur weiteren Aufbewahrung des Atommülls im Zwischenlager Brunsbüttel und forderte das Ministerium auf, Vattenfall verbindlich zu verpflichten, endlich die fehlenden Unterlagen einzureichen. Entweder bemüht sich der Betreiber also nicht mehr ernsthaft um neue Sicherheitsnachweise, da der genehmigungslose Zustand nun schon über Jahre hinweg toleriert wurde – oder die nötigen Sicherheitsnachweise sind nicht zu erbringen, weil die Castor-Halle zu unsicher ist. In beiden Fällen müsste die Atomaufsicht dringend intervenieren und endlich für eine Unterbringung des Atommülls sorgen, die zumindest den gesetzlichen Mindestanforderungen entspricht.

  • Wo gibt es noch weitere Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll?

    Zwischenlager für Castor-Behälter gibt es bundesweit 16: zwölf an AKW-Standorten (Biblis, Brokdorf, Brunsbüttel, Esenshamm, Grafenrheinfeld, Grohnde, Gundremmingen, Krümmel, Lingen, Neckarwestheim, Ohu, Philippsburg), drei weitere in Ahaus, Gorleben und Lubmin sowie das AVR-Behälterlager in Jülich. Die norddeutschen Hallen sind ähnlich gebaut wie das Zwischenlager Brunsbüttel, dessen Genehmigung kassiert wurde (STEAG-Konzept). Die süddeutschen Zwischenlager (WTI-Konzept) und die Hallen in Ahaus, Gorleben, Lubmin und Jülich sind noch wesentlich weniger robust gebaut als die in Brunsbüttel. In Neckarwestheim lagern die Castoren in einem künstlichen Stollen auf dem Kraftwerksgelände, das in einem alten Steinbruch liegt.

  • Warum haben andere Gerichte anders entschieden?

    Auch die Genehmigungen anderer Zwischenlager wurden beklagt. Eine Klage – gegen die Castor-Halle am AKW Esenshamm (Unterweser) – ist noch anhängig. Andere, beispielsweise gegen die Lager an den bayerischen AKW, wurden abgewiesen. Doch die unterschiedlichen Urteile zu fast baugleichen Zwischenlagern beruhen nicht auf sachlichen Erwägungen, sondern haben rein formale Gründe: In der ersten Urteilsrunde in Sachen Zwischenlager wiesen alle Oberverwaltungsgerichte die Klagen ab mit der Begründung, ein Flugzeugabsturz auf eine Castor-Halle sei so unwahrscheinlich, dass er zum „hinnehmbaren Restrisiko“ gehöre. Nur manche Gerichte ließen dagegen überhaupt eine Revision zu. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte dann 2008, in der Revision zum Brunsbüttel-Verfahren, dass Flugzeugabstürze nicht unter das Restrisiko fallen, sondern dass die Zwischenlagerhallen dagegen ausgelegt sein müssen. Daraufhin stellte das OVG Schleswig in der zweiten Runde fest, dass unter diesen Bedingungen die Genehmigung für die Halle in Brunsbüttel keinen Bestand haben kann. In anderen Fällen, etwa in Bayern, kam es zu dieser zweite Runde aber gar nicht – weil die Gerichte keine Revision gegen ihr erstes Urteil zugelassen hatten.

  • Welche Auswirkungen hat das Urteil auf die anderen Zwischenlager?

    Juristisch erst einmal keine – politisch sieht das allerdings anders aus. Formal wurde jede Zwischenlagerhalle eigenständig genehmigt. Das Schleswiger Urteil hebt juristisch deshalb nur die Genehmigung für das Zwischenlager Brunsbüttel auf. Faktisch bedeutet ein unsicheres Zwischenlager in Brunsbüttel aber, dass auch die 14 anderen ähnlich gebauten Hallen nicht sicher sind. Das kann für die politische Debatte um Atommüll und Atomkraft weitreichende Folgen haben. Selbst neue Klagen gegen die anderen Castor-Hallen sind jetzt denkbar. Da deren Genehmigungen (bis auf Esenshamm) aber schon rechtskräftig und damit nicht mehr anfechtbar sind, reicht es in diesen Fällen nicht aus, dem Bundesamt für Strahlenschutz ein „Beweis- und Ermittlungsdefizit“ – also einen Verfahrensfehler – nachzuweisen; die Kläger*innen müssten vielmehr aktiv belegen, dass eine erhebliche Gefährdung für sie vorliegt. Dieser Nachweis ist extrem aufwändig und nur mit hohen Kosten für Gutachten und Rechtsbeistand zu führen.

  • Was bedeutet das Urteil für den Entsorgungsnachweis der Atomkraftwerke?

    Ein AKW darf nur laufen, wenn die Betreiber den Behörden nachweisen, was sie mit dem Atommüll machen, der dabei entsteht. Das ist der so genannte Entsorgungsvorsorgenachweis. Absurd: Dieser muss nicht für die eine Million Jahre erbracht werden, in denen die Strahlung eine Gefahr darstellt, sondern nur für die nächsten sechs Jahre. Gibt es allerdings, wie jetzt in Brunsbüttel, kein genehmigtes Zwischenlager mehr, dann fehlt selbst dieser Nachweis und damit eine der Voraussetzungen für die Betriebsgenehmigung des Reaktors. Juristisch gilt jedoch auch hier: Jedes Kraftwerk muss einzeln betrachtet werden. Das AKW Brunsbüttel, das vom Urteil direkt betroffen wäre, ist schon seit 2007 abgeschaltet und braucht keine Betriebsgenehmigung mehr. Die anderen Zwischenlager haben (noch) eine gültige Genehmigung und damit die jeweiligen AKW auch (noch) den sogenannten Entsorgungsnachweis – jedenfalls auf dem Papier.

  • Sind auch die AKW von Flugzeugabstürzen bedroht?

    Ja. Dabei geht es nicht nur um die Reaktorkuppeln, sondern auch die Nebengebäude mit Leitwarte, Turbine und Generator. Dies alles ist nicht für den Absturz eines großen Passagierflugzeugs, schon gar nicht eines vollgetankten A 380 ausgelegt – und die AKW-Betreiber mussten auch nie den Nachweis erbringen, dass ihre Gebäude dies aushalten. Es reichte bisher aus, den Aufsichtsbehörden vorzurechnen, dass ihr Reaktor dem Absturz eines kleinen Militärflugzeugs standhält. Einige Atomkraftgegner*innen haben mit Verweis auf den unzureichenden Schutz gegen Flugzeugabstürze und andere Einwirkungen von außen gegen die Genehmigung des AKW Grohnde geklagt. Eine Entscheidung steht noch aus.

    brokdorf-A380-gefahr.jpg
  • Wenn das Zwischenlager nicht sicher ist: Wie sollte der hochradioaktive Atommüll stattdessen gelagert werden?

    Kurzfristig gibt es keine andere Lagermethode. Es wird aber wahrscheinlich auch bis Ende des Jahrhunderts keinen Platz für eine dauerhaft sichere Lagerung geben, etwa in einem geologischen Tiefenlager. Aus diesem Grund fordert .ausgestrahlt, keinen weiteren Atommüll zu produzieren und die sechs noch laufenden Atomkraftwerke endlich stillzulegen. Zusätzlich braucht es ein Konzept, wie die Lagerung des hochradioaktiven Mülls in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sicherer erfolgen kann, als es in den derzeitigen Zwischenlagerhallen möglich ist. .ausgestrahlt befürwortet den Bau neuer, robusterer Zwischenlager an allen 16 Standorten, die angemessen gegen Flugzeugabstürze, Erdbeben und den Beschuss mit panzerbrechenden Waffen geschützt sein müssen.


... das Urteil und die Folgen:

"Legal, illegal, scheißegal"

Zugegeben, der Fall ist nicht ganz einfach. Das AKW Brunsbüttel steht seit Juli 2007 still. Doch in seinem Abklingbecken, außerhalb des Sicherheitsbehälters und daher besonders verwundbar, strahlen noch immer Hunderte abgebrannte Brennelemente vor sich hin. Das Becken darf nicht leck schlagen, die Kühlung nicht ausfallen, sonst könnte der Atom-Brennstoff zu schmelzen beginnen, eine radioaktive Wolke zöge übers Land.

Der Brennstoff, da sind sich alle einig, muss raus aus dem AKW, damit das endlich abgerissen werden kann. Er wäre, ebenfalls unstrittig, in Castor-Behältern sicherer untergebracht. Nur: Wo sollen die hin? Die Halle auf dem AKW-Gelände, in der schon neun Castoren stehen, hat keine Genehmigung als Zwischenlager mehr. Richter haben sie kassiert, weil die Behörden auch vor Gericht nicht nachweisen konnten, dass Atommüll dort ausreichend gegen Beschuss und Flugzeugabstürze geschützt ist. Trotzdem will der grüne Umweltminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck, Vattenfall jetzt erlauben, noch mehr Müll in eben diese unsichere Halle einzulagern: Das sei noch immer der sicherste Ort auf dem Kraftwerksgelände. Das ist in etwa so, als wenn jemand mit drei Autos zum TÜV kommt, deren Bremsen defekt sind. Würde der TÜV die Plakette dann einfach auf den Wagen kleben, der zumindest noch ein bisschen bremsen kann? Hoffentlich nicht.

Im Fall Brunsbüttel kommt noch die abenteuerliche juristische Begründung Habecks hinzu. Weil die Halle keine Genehmigung mehr als Atommüll-Zwischenlager hat, nennt er das Abstellen der neuen Castoren für mehrere Jahrzehnte dort einfach „Bereitstellungslagerung“. Praktisch ändert das nichts – juristisch schon, zumindest in Habecks Augen. Denn für eine „Bereitstellungslagerung“ braucht es nach seiner Meinung gar keine extra Genehmigung: Vattenfall dürfe auf dem Gelände schließlich sowieso mit Kernbrennstoffen hantieren. Übertragen auf das Beispiel mit den Autos hieße das: Was brauche ich eine TÜV-Plakette – ich habe doch einen Führerschein?!

Setzt sich diese Argumentation durch, bräuchte kein Betreiber je wieder eine Genehmigung für ein Atommüll-Lager auf einem AKW-Gelände, wie unsicher es auch sein mag.

Das ist das Gefährliche an Habecks Handeln: Er will zwar in Brunsbüttel ein relatives Mehr an Sicherheit erreichen, reißt damit aber juristische Standards ein, die überall für mehr Sicherheit bei der Atommüll-Lagerung sorgen sollen. Wird das zum Präzedenzfall, gibt es unterm Strich mehr und nicht weniger Risiko. Habeck macht so Unsicherheit zum Regelfall.

Das Vorgehen wäre gerade noch akzeptabel, wenn Habeck es juristisch besser absichern und gleichzeitig forciert darauf  hinarbeiten würde, die unsichere Castor-Halle in Brunsbüttel zeitnah durch ein deutlich stabileres Lager vor Ort zu ersetzen. Das jedoch ist nicht der Fall. Habeck setzt stattdessen voll darauf, dass die vom Gericht für zu unsicher erklärte Halle in einigen Jahren doch wieder legalisiert wird – mit einer neuen Genehmigung, die Vattenfall bereits beantragt hat. Das ist riskant, denn das Gerichtsverfahren hat durchaus konkrete Zweifel an der Sicherheit des Zwischenlagers aufgebracht. Nicht unwahrscheinlich also, dass diese auch in einem neuen Anlauf nicht nachgewiesen werden kann. Habeck stünde dann mit leeren Händen da – und mit noch mehr Atommüll in einem weiterhin nicht mal den gesetzlichen Anforderungen entsprechenden Lager.

Jochen Stay / Armin Simon

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 33 / Herbst 2016