Beispiel des Scheiterns: Gronau

100.000 Tonnen für die Ewigkeit

Vor rund 30 Jahren ging im nordrhein-westfälischen Gronau, unweit der niederländischen Grenze, die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage (UAA) in Betrieb. Ihre Kapazität wurde kontinuierlich ausgebaut – zugleich wächst der Berg des dabei produzierten Atommülls rapide. Früher tonnenweise als „Wertstoff“ nach Russland verschoben, bleibt Gronau nun auf dem Nukleardreck sitzen. Unter freiem Himmel neben der Anlage lagern bereits 13.000 Tonnen; insgesamt rechnet man mit 100.000 Tonnen Strahlenmüll. Wohin langfristig damit, weiß niemand.

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Klassischer Stahlzylinder für Uranhexaflorid (hier in den USA)

Eine Urananreicherungsanlage hat den Zweck, Natururan für den Einsatz in Atomkraftwerken vorzubereiten. Dazu wird es als Uranhexafluorid (UF 6) in gasförmigen Zustand versetzt. Mittels Zentrifugen wird das spaltbare Uran-235 – Natur-Uran enthält etwa 0,7 Prozent davon – in einem kleinen Teil des Urans konzentriert. Das so auf maximal fünf bis sechs Prozent Uran-235 angereicherte Uran wird dann zur Weiterverarbeitung in Brennelementefabriken transportiert. Der weitaus größere abgereicherte Teil des Urans – mit nur noch ca. 0,2 Prozent Uran-235 – bleibt hingegen zurück.

Hochriskantes Material

Das bei der Anreicherung verwendete UF6 ist nicht nur radioaktiv, sondern auch hochgiftig. In Verbindung mit Wasser reagiert es sofort zu stark ätzender Flusssäure. Diese entsteht schon beim Kontakt mit bloßer Luftfeuchtigkeit. Bei einem Transportunfall mit Freisetzungen von UF6 müsste unverzüglich und weiträumig evakuiert werden. Denn kommen Menschen damit in Kontakt, sind schwere Verätzungen sowie radioaktive Kontamination die Folge. Schon wenn Bruchteile eines Gramms eingeatmet werden, zerfrisst Flusssäure die Lunge und kann zum Tode führen. Nur knapp entging Hamburg am 1. Mai 2013 einer Katastrophe: Wenige Hundert Meter vom Eröffnungsgottesdienst des Kirchentags entfernt war im Hafen das Schiff „Atlantic Cartier“ mit neun Tonnen Uranhexafluorid an Bord in Brand geraten. Das Gefahrgut konnte gerade noch rechtzeitig geborgen werden. Die gefährliche Fracht war für eine Anreicherungsanlage im niederländischen Almelo bestimmt.

Uranhexafluorid wird in Gronau in großen Mengen neben der UAA in Containern gelagert – unter freiem Himmel! Laut Genehmigung dürfen rund 40.000 Tonnen abgereichertes UF6 gelagert werden. Das Gronauer Freilager ist dabei weder gegen Flugzeugabstürze noch gegen Sabotage gesichert. Lediglich simpler Maschendraht schirmt die dünnwandigen Container zur Außenwelt ab.

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Als „Wertstoff“ nach Russland verschoben

In der Vergangenheit wurden von Gronau rund 27.000 Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid nach Russland verbracht – gegen den Protest deutscher und russischer Anti-Atomkraft-Organisationen. Angeblich soll das Material in Russland als vermeintlicher „Wertstoff“ neu  angereichert werden, bis es wieder in etwa  dem Natururan-Zustand  mit 0,7 Prozent U-235 entspricht. Faktisch sieht es aber so aus, dass das Uran in Russland ebenfalls in Freilagern vor sich hindümpelt. Nach gemeinsamen Protesten der russischen und deutschen Anti-Atom-Bewegung wurden die Atommüll-Exporte gestoppt.

Dafür werden jetzt große Mengen abgereicherten Uranhexafluorids nach Frankreich gebracht, wo es zu  Uranoxid umgewandelt  wird. Dieses Uranoxid soll dann in einer „Zwischenlagerhalle“ neben der Gronauer Urananreicherungsanlage  deponiert  werden. Vermutlich ewig! Die Halle scheint seit Ende 2014 fertig zu sein, eine Einlagerung ist bisher jedoch nicht erfolgt. Derzeit (Mitte März 2015) ist unklar, wann die ersten Uranoxid-Transporte von Frankreich nach Gronau rollen werden. Vorgesehen ist die Lagerung von ca. 60.000 Tonnen Uranoxid. Ursache für die bisher nicht erfolgte Inbetriebnahme der Uranlagerhalle könnte ein Umdenken bei der Bundesregierung sein. In einem Bericht des Umweltministeriums vom Herbst 2014 wurde das abgereicherte Uran erstmals offiziell als „Atommüll“ bezeichnet. Möglicherweise muss daher das Genehmigungsverfahren für die Uranlagerhalle, die bereits 2005 genehmigt wurde, neu aufgerollt werden – diese  war  schließlich für „Wertstoff“ vorgesehen, nicht für Atommüll. So droht Gronau nun die Lagerung von 100.000 Tonnen Atommüll: 40.000 Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid unter offenem Himmel plus 60.000 Tonnen Uranoxid in einer Halle. Was langfristig mit diesen strahlenden Stoffen passieren soll, steht in den Sternen.

Proteste gegen die Anlage reißen nicht ab

Weil die UAA den Rohstoff für den Betrieb vieler AKW herstellt, weil in ihr Unfälle möglich sind, weil ihr Betrieb mit gefährlichen Transporten verbunden ist und weil die in ihr genutzte Zentrifugentechnik militärisch verwendet werden könnte, reißt der Protest der Bevölkerung vor Ort nicht ab. Schon vor dem Bau der Anlage hat sich in den 1970er Jahren in Gronau eine Bürgerinitiative gegen die UAA gegründet. Seit 1986 findet an jedem ersten Sonntag im Monat ein Protest-Sonntagsspaziergang statt. Gegen die UAA wurde juristisch vorgegangen  und  die  Anlage  wurde wiederholt blockiert. Und kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 demonstrierten in Gronau 15.000 Menschen gegen die UAA. Mittlerweile befeuert in Gronau angereichertes Uran weltweit jedes zehnte Atomkraftwerk. Trotz des beschlossenen langfristigen  „Atomausstiegs“ gibt es keinerlei Pläne, die Anlage irgendwann stillzulegen. Faktisch bedeutet dies, dass selbst nach Betriebsende auch des letzten deutschen AKW in Gronau weiterhin Uran für Reaktoren auf der ganzen Welt angereichert werden darf. Und dass die Anlange unbegrenzt weiteren Atommüll produzieren darf, Tag für Tag.

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Autor: Udo Buchholz
Nachbar der UAA Gronau, Mitglied im AKU Gronau und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)

www.aku-gronau.de
www.bbu-online.de

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der .ausgestrahlt-Broschüre "Das Atommüll-Desaster – Beispiele des Scheiterns", April 2015