Die Jahrhundert-Lager

Unterwasser-Beladung eines Castor-Behälters: Schutzhülle für 100 Jahre?
Foto: GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH Unterwasser-Beladung eines Castor-Behälters: Schutzhülle für 100 Jahre?

Die Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommülls wird sehr viel länger dauern, als ursprünglich behauptet. Die bisherigen Hallen sind nicht weiter tragbar. Doch die Politik nimmt das Problem nicht ernst

Auf 340 Billiarden Becquerel beläuft sich das radioaktive Inventar eines einzigen Castor-Behälters mit abgebrannten Brennelementen, das entspricht fast sechs Hiroshima- plus sechs Nagasaki-Atombomben. Ende 2015 standen mehr als 400 solcher Castoren in den 17 Zwischenlagern in Deutschland, hinzu kommen etwa 120 Castoren mit hochradioaktiven Kokillen aus Wiederaufarbeitungsanlagen plus gut 450 Behälter mit kugelförmigen Brennelementen. Tausende Brennelemente warten noch in den Abklingbecken der AKW darauf, in Castoren verpackt zu werden. Und acht Atomkraftwerke produzieren jeden Tag immer weiteren Müll.

Von den Zwischenlagern haben zwei ihre Genehmigung bereits verloren, eine sogar in Bausch und Bogen vor Gericht, weil sie schlicht nicht sicher genug ist. Legt man dieselben Maßstäbe an die anderen Hallen, müsste man auch deren Genehmigungen für nichtig erklären. Was die Castoren selbst angeht, so sollen diese angeblich 40 Jahre halten. Ob das wirklich so sein wird, kann allerdings niemand sagen. Selbst wenn es stimmt, würde es nichts nützen, denn ein tiefengeologisches Atommüll-Lager wird auch dann sicher nicht zur Verfügung stehen …

Alles in Butter also? Die Politik jedenfalls tut so. Das „Nationale Entsorgungsprogramm“ verbreitet Mythen. Und die Atommüll-Kommission hat in ihrem Bericht die Frage, was mit dem Atommüll im 21. Jahrhundert passieren soll, schlicht ausgespart. Eine öffentliche Diskussion über die Jahrhundertlager, gerade auch mit den Anwohner*innen, findet bis heute nicht statt.
Das ist fatal. Denn es bedeutet, dass alles bleiben wird, wie es ist: der hochradioaktive Müll, von dem niemand weiß, wie er sich verhält, in Behältern, deren Intaktheit niemand garantieren kann, in Hallen, die nur aus formaljuristischen Gründen ihre Genehmigung nicht längst verloren haben. Und durch deren Lüftungsöffnungen Radioaktivität jederzeit unbemerkt entweichen kann.

 


Heiße Hallen: Die drängende Frage

An insgesamt 17 Standorten in Deutschland liegen große Mengen hochradioaktiven Atommülls - zumeist in Hallen, die selbst in der stabilsten Variante keinen ausreichenden Schutz bieten.

Zwischenlagerung 2016: An 17 Standorten lagert hochradioaktiver Müll
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Fast 700 Seiten stark ist der Bericht, es geht um die Lagerung hochradioaktiver Stoffe ab dem 22. Jahrhundert;  zwei Jahre lang  hat  die  Atommüll-Kommission des Bundestages dafür getagt. Die Frage aber, was eigentlich in diesem Jahrhundert mit dem heißen Atommüll geschehen soll, blieb unbeantwortet.

Dabei ist sie drängender denn je. An 17 Orten in Deutschland lagern große Mengen hochradioaktiven Mülls, meist in oberirdischen Lagerhallen,  den  sogenannten  Zwischenlagern. Die ersten Castoren landeten dort um die Jahrtausendwende,  genehmigt  sind  Behälter  und Hallen  für  bis  zu  40  Jahre.  Die  erste  Genehmigung, für das Zwischenlager Gorleben, wird
demnach schon 2034 auslaufen, in 18 Jahren. Am  längsten  darf  Atommüll noch im bayerischen Gundremmingen lagern: bis 2046. Doch schon heute ist klar, dass es weder 2034 noch 2046 irgendwo einen Ort geben  wird,  der  für die  langfristige Lagerung  hochradioaktiven Atommülls  ausgewählt,  genehmigt, ausgebaut und aufnahmebereit ist. Und selbst wenn es ihn
gäbe, würde es dann trotzdem noch Jahrzehnte dauern, alle 1.900 Castor-Behälter - soviel sollen es insgesamt werden - aus den 17  Zwischenlagern  dorthin  zu  transportierenund einzulagern.

Dringender Handlungsbedarf

„Insgesamt muss man damit rechnen, dass zumindest ein Teil der Behälter noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts in Zwischenlagern  stehen wird“, sagt der Physiker und Castor-Experte Wolfgang Neumann  (siehe  Interview nächster Artikel).  Diese Prognose trifft sogar dann zu, wenn bei der Suche nach einem tiefengeologischen Langzeit-Lager alles halbwegs glatt gehen würde – wovon ja nicht auszugehen ist. Das bedeutet: völlig unabhängig davon, ob man auf schnelle Erfolge bei der Standortsuche vertraut oder dies skeptisch sieht, besteht dringender Handlungsbedarf. Denn die Castor-Behälter sind nicht für so lange Zeiträume ausgelegt. Und die derzeitigen Lagerhallen  halten  schon  heute  Flugzeugabstürzen und Angriffen  mit  panzerbrechenden Waffen nicht sicher stand. Es braucht also neue, langfristige  Zwischenlösungen, wobei es irreführend wäre, wieder ein „Zwischen“-Wort dafür zu benutzen, denn es geht ja um viele Jahrzehnte und das Inventar der Castor-Behälter ist wahrlich Teufelszeug. Dass die Politik das  Problem, wenn überhaupt, dann nur sehr zögerlich angeht, hat vermutlich zwei Gründe: Zum einen hatte sie den Standortgemeinden  hoch und heilig versprochen, dass diese den Atommüll nach 40 Jahren wieder los sind – und tut sich nun entsprechend schwer, zuzugeben, dass dies völlig illusorisch ist und dass auf die AnwohnerInnen bei längerer Lagerdauer zusätzliche Risiken zukommen. Zum anderen befürchten manche PolitikerInnen, die sich für eine zügige Standortsuche für ein tiefengeologisches Atommüll-Lager einsetzen, dass daraus nichts wird, wenn man sich jetzt  um die Zwischenlager kümmert. Jeden besorgten Hinweis auf Probleme dort verstehen sie als Störfeuer für ihr Auswahlverfahren. Manche scheinen sogar die Strategie zu verfolgen, die prekäre Situation in den Castor-Lagern mit Absicht  aufrechtzuerhalten, um so den Druck zur schnellen Einrichtung eines Tiefenlagers zu verstärken.

Wie viele neue Zwischenlager?

Trotzdem  werden  nach  und  nach  erste  Ideen diskutiert, wie es mit den Castor-Behältern weitergehen  soll.  Das  Bundesumweltministerium etwa hat vergangenes Jahr bei der Vorlage des „Nationalen  Entsorgungsprogramms“  (NaPro) den Vorschlag gemacht, am noch zu findenden Standort eines Endlos-Lagers ein sogenanntes „Eingangslager“  zu  errichten,  also  eine  große Halle, in die dann die Castoren aus allen bisherigen  Zwischenlagern  gebracht  werden  sollen, und  zwar unabhängig  von  der  Genehmigung und  dem  Bau  des  Tiefenlagers. Politisch  würde  das  bedeuten,  den  gleichen  Fehler wie  in Gorleben ein zweites Mal zu machen: Jeder Castor-Transport  in das Eingangslager  zementiert den Standort für das Tiefenlager, selbst wenn dieser sich später als ungeeignet herausstellt. Entsprechend werden diese Transporte auch auf großen Widerstand stoßen. Davon  abgesehen  dreht  sich  die  langsam anlaufende  Zwischenlager-Debatte  vor  allem um deren künftige Anzahl:  

  • 11:   entweder  am Bergwerks- oder an einem davon unabhängigen Standort in der Republik
  • 13:   jeweils  eine  zentrale  Lagerhalle  in Nord-, Süd- und Ostdeutschland
  • 17:   in  jedem  Bundesland,  in  dem  schon jetzt  Castoren  lagern,  jeweils  ein Neubau oder ertüchtigter Altbau, also in Bayern, Ba-Wü, Hessen, NRW, Niedersachsen,  Schleswig-Holstein  und Meck-Pomm;  das  soll  Kosten  sparen und Transportwege reduzieren
  • 15:   die  bisherigen  Hallen  (außer  Jülich und Obrigheim, siehe unten) einfach weiternutzen; die Atomwirtschaft behauptet frech, Castoren und Gebäude würden auch länger halten, obwohl es dafür keine Beweise gibt
  • 17:   an  jedem  bereits  existierenden  Zwischenlager-Standort, und zwar, wenn es  nach  der  Anti-Atom-Bewegung geht, als robuster Neubau; das würde unnötige  Castor-Transporte  und  die damit  einhergehende  Strahlenbelastung und Unfallgefahr vermeiden

Die  Befürworter einer reduzierten Zahl an Zwischenlagern argumentieren mit den Kosten: Je weniger Neubauten, desto billiger – zumal, wenn die neuen Lagerhallen jeweils noch mit einer teuren heißen  Zelle  ausgestattet sein müssen, um defekte  Behälter  reparieren  oder umladen  zu  können.  Weniger  Zwischenlager hieße aber, Hunderte von Castoren umzulagern – und Castor-Transporte sind auch nicht billig. An zwei Standorten ist eine solche Verlagerung bereits geplant (siehe Seite 12): EnBW will die abgebrannten Brennelemente aus dem AKW Obrigheim ins Zwischenlager des 50 Kilometer entfernten AKW Neckarwestheim bringen und sich damit den Bau einer eigenen Lagerhalle am bisherigen Standort sparen. Und die  152  Castor-Behälter mit strahlenden Kugel-Brennelementen aus dem Jülicher  Hochtemperatur-Reaktor sollen  ins  Zwischenlager Ahaus oder in die USA transportiert  werden – die bisherige Halle in Jülich hat ihre Genehmigung bereits vor zwei Jahren verloren.

Ähnliches gilt für das Zwischenlager Brunsbüttel: Gerichte haben seine Genehmigung aufgehoben, weil es nicht stabil genug gebaut ist.  Der schleswig-holsteinische  Umweltminister Robert Habeck (Grüne) will Vattenfall dennoch erlauben, weiter Castoren in die Halle zu stellen – als sogenannte „Bereitstellungslagerung“ (siehe Seite 11). Durch den geplanten Abriss der AKW wird an fast allen Zwischenlagern in einigen Jahren die Möglichkeit fehlen, mit schadhaften Behältern zu hantieren. Dazu bräuchte es überall heiße Zellen. Viele AtomkraftgegnerInnen fordern diese als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Andererseits gibt es einige Standort-BIs die genau das sehr skeptisch sehen – weil sie befürchten, dass durch den Bau einer heißen Zelle „ihr“ Zwischenlager zu einem der in Erwägung gezogenen neuen zentralen Standorte werden könnte. Auflösen ließe sich dieses Dilemma  nur  über  einen  gesellschaftlichen Verständigungsprozess  auf  Augenhöhe, an dem sich alle mit gleichen Rechten beteiligen können, die von den Fragen rund um die Zwischenlagerung betroffen sind.

Jochen Stay

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 34 / Herbst 2016

 

 

 


"Der Castor wird 100 werden"

Atommüll-Experte Wolfgang Neumann über undichte Deckel, unsichere Hallen, untaugliche Prognosen und mögliche Kettenreaktionen im Innern von Castoren. Interview: Armin Simon

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann
Wolfgang Neumann

Herr Neumann, bald stehen rund 1.900 Castoren in bundesweit 17 Zwischenlagern. Was glauben Sie: Wie lange noch?
Das hängt davon ab, wie lange die Standortsuche und das Genehmigungsverfahren für ein tiefengeologisches Atommülllager dauern. Aber der erste der Behälter wird nach meiner Einschätzung nicht vor 2060, 2070 zum Eingangslager am Standort dieses „Endlagers“ gehen.

Die Einlagerung an sich braucht auch noch ein paar Jahrzehnte.
Ja. Und vielleicht gibt es auch erstmal ein Pilot-Endlager, wie das in der Schweiz vorgesehen ist: ein kleiner Lagerteil, in dem man einige Behälter einlagert, um zu kucken, wie sich die Umgebung tatsächlich verhält, bevor man die großen Einlagerungsbereiche befüllt. Insofern glaube ich, dass das alles noch ein bisschen dauern wird.

Castor V/19 - Modellzeichnung des Herstellers. Hier bröselt natürlich nichts.
Foto: GNS Gesellschaft für Nuklear-Service mbH Castor V/19 - Modellzeichnung des Herstellers.
Was heißt das für die Zwischenlager?
Insgesamt muss man damit rechnen, dass zumindest ein Teil der Behälter noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts in Zwischenlagern stehen wird.

Die Bundesregierung behauptet, das Atommülllager werde 2050 in Betrieb gehen.
Dieser Zeithorizont ist aus meiner Sicht völlig unrealistisch.

Wird der Castor also 100 werden?
Ich schätze ja. Vielleicht nicht alle, aber zumindest einige der Castoren – wenn man sich denn nicht dazu entschließt, in ein paar Jahren in völlig neue Behälter umzuladen.

Wie lange hält ein Castor-Behälter?
Wände und Deckel sind sehr dickwandig, die halten vermutlich schon 100 Jahre aus. Aber die Dichtungen und die Öffnungen im Deckel, die werden mit großer Wahrscheinlichkeit bei Weitem nicht so lange durchhalten. Auch bei den Einbauten, etwa dem Tragkorb, in dem die Brennelemente oder Kokillen [hochradioaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung, d. Red.] fixiert sind, ist doch sehr in Frage zu stellen, ob die solange halten.

Was ist mit den Brennelementen selbst?
Die Brennstoff-Pellets befinden sich in Brennstabhüllrohren, deren Material durch den Neutronenbeschuss versprödet, hinzu kommen die starke Wärmeentwicklung und die mechanischen Belastungen, etwa durch Handhabung und Transport der Behälter. Mindestens langfristig kann es dazu kommen, dass Hüllrohre und Halterungen – vereinfacht gesagt – zerbröseln.

Dann könnte man den hochradioaktiven Müll nur noch rausschütten?
Das ist die Gefahr. Das wird nicht in allen, es kann aber bei einigen Transport- und Lagerbehältern, also zum Beispiel Castoren, passieren.

Wäre das schon während der Zwischenlagerzeit ein Problem oder erst dann, wenn man das Zeug umpacken will?
Wenn Brennstäbe und Halterungen in großem Umfang versagen, kann der Brennstoff verrutschen. Die Strahlung an der Außenfläche des Castors könnte dann an manchen Stellen deutlich stärker sein, die Handhabung wäre deutlich schwieriger. Je nachdem wie viel Brennstoff zusammenrutscht, könnte sogar wieder eine kurzzeitige Kettenreaktion in Gang kommen. Durch die dabei freiwerdende Wärme könnte die Deckeldichtung versagen.

Worauf stützen sich das angebliche Wissen und die Prognosen über den Zustand im Castor und über seine Haltbarkeit? Nur auf Rechenmodelle?
Im Prinzip schon. Die sind natürlich durch Material- und werkstofftechnische Untersuchungen abgestützt – aber eben nicht unter den realen Bedingungen der Zwischenlagerung. Was wirklich eintreten wird, weiß man nur, wenn man Castoren aus den Zwischenlagern selbst überprüft – also aufmacht und nachguckt.

Hat sowas schon mal jemand gemacht?
In den USA wurde mal ein Behälter geöffnet, nach 15 Jahren Lagerzeit. Da sind viele Defekte und Fehler an praktisch jeder Komponente gefunden worden. Die Bewertung dort war allerdings, dass das alles nicht direkt zu einer Gefährdung führe.
 

Zur Person: Wolfgang Neumann
Diplom-Physiker Wolfgang Neumann ist Geschäftsführer der intac GmbH in Hannover und seit Jahrzehnten als Gutachter und Berater zu Transport, Zwischenlagerung, Konditionierung und Lagerung von radioaktiven Stoffen und Abfällen sowie zu Strahlenschutzaspekten tätig. Er ist einer der Referenten der Fachtagung „Probleme bei der Zwischenlagerung hoch radioaktiver Abfälle“ am 25. November in Würzburg (s.u.).


Sie klingen nicht gerade überzeugt.
Die werden das Wort „direkt“ nicht umsonst eingebaut haben. Zudem sind die Brennstäbe in den Castoren bei uns deutlich radioaktiver. Der offizielle Schluss jedenfalls, man könne aus solchen Erkenntnissen sicher ableiten, dass bei der Zwischenlagerung hier nichts passiert, der ist aus meiner Sicht nicht zulässig.

Muss als Konsequenz der ganze Müll schon für die lange Zeit der Zwischenlagerung nochmal umgepackt werden?
Erste Konsequenz wäre für mich zunächst einmal, nicht noch weiteren Müll zu produzieren. Das Zweite ist, dass man zumindest in Erwägung ziehen muss, den Müll in neue Behälter zu verpacken, wenn die Genehmigung der bisherigen Zwischenlager ausläuft.

Diese Genehmigungen sind alle auf 40 Jahre befristet. Spielte das eine Rolle bei den Sicherheitsnachweisen für die Lager?
Ja. Man hat nur bis 40 Jahre gerechnet. Wenn der Müll jetzt länger bleiben soll, muss man für alles, was mit dem Behälter und dem Inventar zusammenhängt, sowie für das Bauwerk und das Überwachungsystem neue Sicherheitsnachweise führen – natürlich nach dem dann aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik und unter der Bedingung einer realistischen Lagerzeit. Auf keinen Fall darf man jetzt erstmal für zehn Jahre kucken und danach dann nochmal um zehn Jahre verlängern und nochmal und nochmal. Denn dann hätten die Behörden viel weniger Möglichkeiten, den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik tatsächlich einzufordern. Weil ja jede Maßnahme immer mit der Wirtschaftlichkeit abgewogen wird – wie bei den AKW auch.

Kann der Müll überhaupt weiter in den bisherigen Zwischenlagerhallen bleiben?
Die Hallen in Süddeutschland sowie die in Ahaus, Gorleben, Jülich und Lubmin haben alle noch dünnere Wände als das Zwischenlager in Brunsbüttel, dessen Genehmigung ein Gericht kassiert hat. Spätestens wenn es um eine Neugenehmigung für mehrere Jahrzehnte geht, kommt man nicht umhin, neu zu bauen. Damit sollte man aber nicht warten, bis die Genehmigungen der bisherigen Lager auslaufen, sondern das jetzt schon in Angriff nehmen. Vor allem muss man den Standorten, denen man ja ursprünglich mal versprochen hatte „40 Jahre und nicht mehr“, sagen, dass diese Zeit nicht ausreichen wird, und dass man gemeinsam darüber reden muss, wie man damit umgeht.

Manche fordern, den Müll in einem, drei oder sieben Zwischenlagern bundesweit zu konzentrieren.
Das würde Hunderte zusätzliche Castor-Transporte bedeuten, die sicherheitstechnisch ja auch nicht unbedenklich sind. Auf der anderen Seite könnte man dann sicherlich leichter deutlich höhere Sicherheitsstandards durchsetzen. Das muss man abwägen. Brauchen die Zwischenlager künftig heiße Zellen, also Anlagen, in denen man einen Castor aufmachen und ausladen kann? Sicherheitstechnisch ist das aus meiner Sicht unverzichtbar. Nur so kann man Castoren zur Kontrolle öffnen, reparieren oder den Müll gegebenenfalls in andere Behälter umladen. Schon bisher muss ja nach Atomgesetz auch bei Castoren alle zehn Jahre eine Periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) durchgeführt werden. Bisher spart die das Innere der Behälter einfach aus; das halte ich aber nicht für zulässig. Mal davon abgesehen, dass man dort, wo Castoren vom Typ HAW 28M gelagert werden, …

… das sind die mit den Glaskokillen aus La Hague und Sellafield …
… man sowieso eine heiße Zelle braucht, weil diese Behälter nur mit intaktem Primärdeckel transportiert werden können. Wird der also mal undicht, kriegt man sie ohne heiße Zelle gar nicht mehr weg.

Und die anderen Castoren?
Da reicht es zum Transport offiziell, wenn der Sekundärdeckel noch intakt ist.

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 34 / Herbst 2016

Dicke Wände

Kein einziges Zwischenlager entspricht dem Stand von Wissenschaft und Technik. Neubauten sind unvermeidlich – zumal, wenn der Atommüll dort bis ins 22. Jahrhundert stehen soll.

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann
Foto: Michael Meding Gundremmingen

Was bedeutet das? MancheR schmäht sie als „Kartoffelscheunen“, selbst die Genehmigung für eine der stabilsten Castor-Hallen hat ein Gericht kassiert – zu unsicher!

Zwei-Barrieren-System
Den Schutz gegen Einwirkungen von außen übernehmen nach derzeitigem Konzept die Castoren allein, die meisten Hallen haben keine echte Sicherheitsfunktion. Selbst die stabilsten von ihnen sind nur bedingt gegen Einwirkungen von außen ausgelegt. Nötig ist jedoch ein echtes Zwei-Barrieren-System, bei dem zum Beispiel Behälter und Gebäude jeweils unabhängig voneinander den Schutz gewährleisten. Die Gebäude müssen dafür noch deutlich stabiler werden als selbst die dicksten bisherigen Hallen; zu berücksichtigen sind unter anderem Abstürze der größten denkbaren Flugzeuge (inklusive Kerosinbrände), Erdbeben sowie der Beschuss mit panzerbrechenden Waffen. Letzteres betrifft vor allem auch einem besseren Schutz des Lagers gegen das Eindringen möglicher AngreiferInnen.

Oberirdisch oder unterirdisch?
An einem US-Standort werden Atommüll-Behälter in eigens ausgehobene Schächte eingebracht, auf die massive Deckel kommen; zur Kühlung der Castoren sind aber auch hier Öffnungen nötig, die einen steten Luftstrom ermöglichen. Auch der Forschungsverbund Entria denkt über eine Langzeitzwischenlagerung wenige Meter unter der Erde nach. Derlei könnte besseren Schutz gegen mechanische Einwirkungen von außen und gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter (SEWD) bieten – gerade bei Letzterem hat das OVG Schleswig im Fall des Zwischenlagers Brunsbüttel gravierende Sicherheitsdefizite gerügt. Allerdings ergeben sich unter Tage auch neue Sicherheitsprobleme, etwa wenn bei einem Flugzeugabsturz Kerosin ins Lager läuft und sich entzündet. In den Hang gegrabene Stollen, wie sie heute schon in Neckarwestheim als Zwischenlager dienen, sind auch nicht unbedingt sicherer: Der kalkige Untergrund dort ist wasserlöslich, der Stollenboden könnte einbrechen. Ob also ein Ort unter der Erdoberfläche ein stabiles oberirdisches Gebäude unterm Strich schlägt, ist offen. „Man sollte ernsthaft prüfen, welches Konzept das bessere ist“, fordert Castor-Experte Wolfgang Neumann.

Besonders dünnwandig: Zwischenlager Isar/Ohu
Foto: Dirk Seifert Besonders dünnwandig: Zwischenlager Isar/Ohu

Kühlung und Korrosionsvorsorge
Die Kühlung der Castoren erfolgt derzeit rein passiv: Luft tritt unten in die Halle ein, erwärmt sich an den Behältern und strömt oben wieder aus. Stehen aber zu wenige Behälter im Lager oder ist der Müll schon deutlich abgekühlt, reicht die Hitze unter Umständen nicht aus, um Kondensation zu verhindern – die Behälter könnten, wie in Ahaus schon geschehen, rosten. Das muss sicher vermieden werden. Zugleich muss die Wärmeabfuhr auch bei einer Beschädigung des Gebäudes sichergestellt sein.

Luftüberwachung
Nur Druckschalter überwachen bisher die Dichtheit der Castoren. Bei Umlagerungen und Reparaturen sind diese jedoch nicht angeschlossen. Nötig ist deshalb mindestens eine Raumluftüberwachung, die auch anschlägt, wenn sich Oberflächenkontaminationen lösen oder Neutronenstrahlen die Luft zu sehr aktivieren.

Heiße Zelle
Um Castoren zu öffnen, auszuladen, zu reparieren und den Zustand im Innern kontrollieren zu können, halten Experten wie Neumann eine heiße Zelle an jedem Zwischenlager für unabdingbar (s. Experteninterview oben) – denn die Möglichkeit, diese Arbeiten im Reaktorgebäude auszuführen, besteht nicht mehr, wenn das AKW stillgelegt und abgerissen wird. Diese Forderung ist allerdings nicht unumstritten (s. Text "Heiße Hallen" Jochen Stay).
 

Armin Simon

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 34 / Herbst 2016