Atomkraftwerk Philippsburg 2

Atomkraftwerk
Foto: Daniel Meier-Gerber / EnBW
Status:
Abriss läuft
Standort:
Philippsburg
Kategorie:
Atomkraftwerk
Inbetriebnahme:
18. Apr 1985

Im baden-württembergischen Philippsburg wurden an einem Standort zwei unterschiedliche Reaktortypen gebaut: Ein Siedewasser- (stillgelegter Block 1) und ein Druckwasserreaktor (Block 2). In einer Zwischenlagerhalle wird der hochradioaktive Atommüll gelagert.

Der Reaktorblock 2 schrieb in der Vergangenheit wegen verschiedener sehr ernster Störfälle Geschichte.

Dass an einem Standort mehrere Reaktoren gebaut wurden, ist nicht ungewöhnlich. Das Abweichen von einem Reaktorkonzept auf mehrere – so wie in Philippsburg – fällt aber auf. Ursprünglich war die Errichtung von vier identischen Blöcken geplant, von denen aber nur der erste als Siedewasserreaktor der Baureihe 69 gebaut wurde. Aus politischen Gründen wurde 1977 der Block 2 als Druckwasserreaktor der Vor-Konvoi-Generation ausgeführt.

Gemäß Atomgesetz wurde das AKW am 31. Dezember 2019 endgültig abgeschaltet. Am 18. Juli 2016 reichte die EnBW Kernkraft GmbH Anträge zu Stilllegung und Rückbau beim Umweltministerium in Stuttgart ein. Das AKW war zudem das erste, welches die Genehmigung zum Rückbau erhielt, bevor es abgeschaltet wurde.

Veraltet & gefährlich

Das Basisdesign der Druckwasserreaktoren der dritten deutschen Generation, sog. Vor-Konvoi-Anlagen, stammt aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das bedeutet, die Anlage ist sicherheitstechnisch veraltet. Studien belegen, dass mit dem Alter der Anlagen die Störfälle zunehmen. Auffällig am AKW Philippsburg-2 sind besonders häufige gravierende Fehler, die die Notkühlsysteme betreffen. Diese sind entscheidend, um beim Abschalten des Reaktors und bei Störfällen die so genannte Nachzerfallswärme abzuführen und eine Kernschmelze zu verhindern.

Geologen weisen schon seit vielen Jahren darauf hin, dass die Reaktoren im Rheingraben, Neckarwestheim, Philippsburg und Biblis, nur auf Erdbeben mit der Stärke 4,5 bis 5,5 auf der Richterskala ausgelegt sind. Stärkere Beben haben sich bereits ereignet und können sich jederzeit wiederholen.

Schlampereien im Störfall-Spitzenreiter

1998 wurde entdeckt, dass die Pumpen des Not- und Nachkühlsystems sowie die Kühlpumpen des Lagerbeckens unzureichend ausgelegt waren und sich im Ernstfall möglicherweise überhitzt hätten.

Beim Wiederanfahren des Reaktors am 12. August 2001 wurde entdeckt, dass der Füllstand in allen vier Flutbehältern des Notkühlsystems nicht die vorgeschriebene Höhe hatte. Gute zwei Wochen später wurde gemeldet, dass in dreien der Behälter die geforderte Borkonzentration nicht eingehalten wurde. Damit stand das Notkühlsystem nicht wie vorgeschrieben zur Verfügung, der Reaktor hätte eigentlich sofort abgeschaltet werden müssen. Sogar das CDU-geführte Baden-Württembergische Umweltministerium sah „ernsthafte Zweifel an einer hinreichend zuverlässigen Betriebsführung der Anlage“. Schließlich wurde sogar bekannt, dass der Reaktor 17 Jahre lang nach Revisionen regelmäßig mit zu niedrigen Flutbehälter-Füllständen angefahren worden war.

Bei Instandhaltungsarbeiten an einer Notkühlpumpe wurde 2004 entdeckt, dass die eigentlich vorgesehenen Befestigungsstifte fehlten. Kontrollen ergaben, dass der Fehler System hatte – an insgesamt 29 Pumpen des Notkühlsystems und in anderen Bereichen fehlten die Stifte.

Zu Beginn des Jahres 2005 wurde festgestellt, dass bei Kühlmittellecks am Reaktordruckbehälter oder in dessen unmittelbarer Nähe ein Teil des Kühlwassers im Zwischenraum zwischen dem Druckbehälter und der Betonumhüllung verloren gehen kann – und dass dies bei der Auslegung der Kühlsysteme nicht berücksichtigt worden war. Wenn die Notkühlpumpen Luft ansaugen, können sie dadurch beschädigt werden. Der Betreiber zeigte sich bei der Aufklärung des Sachverhaltes unkooperativ und hielt wichtige Informationen zurück.

Allein vom 15. Februar bis Ende August 2011 gab es 20 meldepflichtige Ereignisse. Im März 2011 wurde bekannt, dass die Atomaufsicht über drei meldepflichtige Ereignisse aus den Jahren 2009 und 2010 nicht informiert worden war.

2012 beschuldigte ein Mitarbeiter des AKW den Betreiber EnBW, aus Kostengründen bei Sicherheitsmaßnahmen zu schludern, die Atomaufsicht zu täuschen, Zwischenfälle zu verschweigen.

In den Jahren 2012 und 2013 meldete der Reaktor die meisten Störfälle unter den letzten neun deutschen Meilern.

Im April 2016 untersagte das baden-württembergische Umweltministerium das Wiederanfahren nach der jährlichen Revision. Prüfungen an einem Störfallmonitor waren nur vorgetäuscht worden.

Im Februar 2017 wurde bekannt, dass das AKW Philippsburg-2 seit Jahrzehnten nicht gegen Erdbeben und Flugzeugabstürze gesichert ist. Im Bauplan des AKW war ein Fehler, der im „Falle eines Falles“ zum Ausfall der Notkühlung führen könnte. Die Folge wäre eine Kernschmelze. Sowohl der Betreiber EnBW als auch die Atomaufsicht gingen über drei Jahrzehnte von völlig falschen Sicherheitsvoraussetzungen aus. So wie das Kraftwerk gebaut wurde, hätte es nie genehmigt werden dürfen.

Proteste für die sofortige Stilllegung

Am 23. Februar 2000 kletterten 40 Aktivisten von Greenpeace auf einen der Kühltürme. Auf einem Banner stand „Yello-Strom - Atomstrom abschalten!“. EnBW hatte mit einem gesonderten Atomstrom-Tarif ein bundesweites Billig-Angebot gestartet.

Anlässlich des 29. Jahrestag des Super-GAU von Tschernobyl protestierten im April 2015 über 350 Menschen in Philippsburg für den sofortigen Atomausstieg. Rund 150 Atomkraftgegnerinnen und Atomkraftgegner nahmen im Mai 2016 an einer Demo zum Atomkraftwerk teil.

Künftig Castor-Transporte geplant

Durch das gesetzliche Verbot der Castor-Transporte nach Gorleben sollen ab 2020 26 Castorbehälter aus der britischen und der französischen Wiederaufarbeitungsanlage zurück nach Deutschland transportiert werden. Fünf Behälter aus La Hague (F) sollen dann nach Philippsburg kommen. Die Gemeinde und der Betreiber wehren sich gegen die Lieferungen.

weitere Infos:

Mai 2016: Demo zum AKW Philippsburg
Foto: philippsburg-abschalten.de Mai 2016: Demo zum AKW Philippsburg