Philippsburg: Sicher bis zum Super-GAU

32 Jahre lang verstieß das AKW Philippsburg-2 gegen geltende Sicherheitsanforderungen. Und es ist nicht das erste Mal, dass derlei erst nach langer Zeit herauskommt. Trotzdem ließen Minister*innen von Schwarz bis Grün den Reaktor immer wieder aufs Neue ans Netz. Eine Chronik, sicher unvollständig. Von Armin Simon

Atomkraftwerk Philippsburg
Foto: Lothar Neumann AKW Philippsburg

20. Dezember 2016

Bei Routinekontrollen entdecken Mitarbeiter der EnBW, dass zwei von vier Systemen, die im Notfall Kühlwasser in den Reaktor pumpen sollen, nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen – Bolzen an wichtigen Lüftungskanälen sind gebrochen. EnBW meldet den Vorfall der Atomaufsicht zunächst in der Kategorie E („Eilmeldung“), stuft ihn wenige Tage später aber in die höchste Meldekategorie S („Sofortmeldung“) hoch: Nicht bloß zwei, sondern alle vier Notspeisesysteme hätten bei einem Störfall ausfallen können. Ursache ist ein Konstruktionsfehler: Das AKW ist anders gebaut als geplant und seit 32 Jahren nicht ausreichend gegen starke Erschütterungen gesichert. Schon ein leichtes Erdbeben oder der Absturz einer Militärmaschine wären unter Umständen nicht mehr beherrschbar gewesen. Die Genehmigungsvoraussetzungen für das AKW waren damit zu keinem Zeitpunkt je erfüllt. Phillipsburg‑2 hätte nie ans Netz gehen dürfen.

April 2016

Während der Jahresrevision 2016 meldet EnBW, dass externe Mitarbeiter Sicherheitsprüfungen nur vorgetäuscht haben. Acht Prüfprotokolle von Dezember 2015 sind nachweislich gefälscht, die Einhaltung der Sicherheitsstandards war folglich längere Zeit nicht gewährleistet.

„Die Anlagen in Philippsburg waren jederzeit in einem (…) sicheren Zustand.“ (EnBW, 18. April 
2016)

„Das Umweltministerium hat seine Prüfung (…) abgeschlossen. (…) einem Wiederanfahren des Kernkraftwerkes nach dem Ende der Revision [steht der Fall] (…) nicht mehr entgegen.“ (Umweltminister Franz Untersteller, 20. Mai 2016)

März 2012

Untersuchungen des baden-württembergischen Umweltministeriums ergeben, dass EnBW gravierende Sicherheitslücken in Philippsburg‑2 erst nach viereinhalb Jahren tatsächlich behoben hat. 
Bereits 2004 hatte der Betreiber den Austausch von Armaturen und Rohrleitungsstücken sowie die Nachrüstung der Stützsysteme zum Schutz gegen Erdbeben angekündigt. Durchgeführt hat er die sicherheitsrelevanten Maßnahmen jedoch erst im Mai 2009.

„Die Sicherheit unserer Anlagen genießt für uns weiterhin oberste Priorität und zwar bis zur letzten produzierten Kilowattstunde beim Betrieb von KKP‑2“ (Jörg Michels, Technischer Geschäftsführer des Kernkraftwerks Philippsburg, 29. Mai 2012)

19. bis 22. Januar 2010

Bedingt durch einen Steuerungsdefekt fällt das Notkühlsystem komplett aus. Der Fehler kann drei Tage lang nicht behoben werden. EnBW meldet den Vorfall nicht der Atomaufsicht. Erst ein Insider macht ihn 2011 öffentlich. Zwei Jahre später holt EnBW die Meldung als „Eilmeldung“ nach: „(…) im Verlauf des unterstellten Störfallszenarios wäre in den Wasserbecken ein Temperatur-Grenzwert erreicht worden, ab dem das Notspeisesystem (…) als nicht verfügbar zu betrachten wäre“.

„Die anonym vorgebrachten Anschuldigungen (…) wurden von der Atomaufsicht geprüft und als nicht sicherheitsrelevant eingestuft.“ (Pressesprecher der EnBW, Ulrich Schröder, 24.03.2011)

12. Mai 2009

Armaturen der höchsten Sicherheitskategorie sind zehn Stunden lang von der Stromzufuhr getrennt. Dadurch ist der Sicherheitsbehälter des AKW Philippsburg‑2 regelwidrig geöffnet und könnte auch bei einem Störfall nicht geschlossen werden – der Austritt von Radioaktivität ließe sich so nicht verhindern. Zugleich führt EnBW bei laufendem Betrieb Arbeiten am Feuerlöschsystem im Reaktor aus. Gutachter konstatieren im Nachhinein, dass „über einen Zeitraum von 16 Tagen (…) eine sicherheitstechnisch nicht unerhebliche Beeinträchtigung der Einrichtungen zur Brandbekämpfung im Reaktorgebäude bestand.“ Die Öffentlichkeit erfährt erst 2011 von dem Vorfall, Gutachter stufen ihn nachträglich als meldepflichtig ein.

„Sachverhalt von offenkundig geringer sicherheitstechnischer Bedeutung“ (Umweltministerin Tanja Gönner, 24.03.2011)

Demo in Philippsburg zum Tschernobyl-Jahrestag 2015
Foto: privat Demo in Philippsburg zum Tschernobyl-Jahrestag 2015

Dezember 2008

Die Reaktorsicherheitskommission hält fest, dass auch in Philippsburg‑2 bei einem Störfall losgerissenes Dämmmaterial die Kühlung des Reaktorkerns lahmlegen könnte. Das sogenannte Sumpfsiebproblem ist seit Mitte 1992 bekannt, als das schwedische AKW Barsebäck nur knapp einer Katastrophe entging.

16. März 2004

Philippsburg‑2 muss herunterfahren, nachdem bei Instandhaltungsarbeiten auffällt, dass an insgesamt 29 Pumpen von Kühl- und Notkühlsystemen Befestigungsstifte fehlen, die ein Verrutschen bei Erschütterungen verhindern sollen. Der Fehler hat System; er tritt auch in anderen Atomkraftwerken auf. Die Atomaufsicht geht davon aus, dass die Befestigungsstifte spätestens ab 1992 bei den routinemäßigen Instandhaltungsarbeiten „nach und nach entfallen sind“ – das Personal hatte ihre sicherheitstechnische Bedeutung offenbar nicht auf dem Schirm.

„Als besondere Stärken des Kernkraftwerks Philippsburg hob (IAEO-Experte) Lipar die hohe Motivation und Teamfähigkeit des Personals sowie die gute Instandhaltung der Anlage hervor. (…) Der Gesamteindruck (…) war, dass die Anlage über viele Merkmale einer ausgeprägten Sicherheitskultur verfügt.“ (EnBW, 27. Januar 2005, über das Ergebnis einer mehrwöchigen Inspektion des AKW Philippsburg‑2 durch 15 Expert*innen der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO im Oktober 2004)

10. August 2001

Zwei Wochen nach dem Wiederanfahren des AKW Philippsburg‑2 nach dessen Jahresrevision stellen Mitarbeiter*innen fest, dass die Borsäurekonzentration in drei der vier mit Notkühlwasser befüllten Flutbehälter zu gering ist. Unzureichend boriertes Wasser kann im Reaktorkern einen Effekt wie Benzin ins Feuer gießen haben und die Kettenreaktion, die es eigentlich stoppen soll, noch weiter anheizen. EnBW lässt den Reaktor dennoch einfach weiterlaufen. Folgeuntersuchungen enthüllen darüber hinaus, dass beim Anfahren des Reaktors die vorgeschriebenen Kühlwasser-
vorräte in allen vier Flutbehältern deutlich 
unterschritten waren – und dies nicht nur diesmal, sondern schon seit 17 Jahren. Bemerkt hatte diesen regelmäßigen Verstoß gegen die Betriebsvorschriften seit Inbetriebnahme des Reaktors niemand.

„Nicht sicherheitsrelevant“ (Urteil des TÜV Süddeutschland vom 27. September 2001; die Landesatomaufsicht schließt sich dieser Einschätzung an)

Dieser Text erschien im .ausgestrahlt-Magazin 35, Frühjahr 2017