Windkraft-Anlage mit Anti-Atom-Fahnen
Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG

Atomausstieg und Klimaschutz

Atomstrom ist kein Klimaretter. Vielmehr bremst der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke die Energiewende. Deutschland könnte seinen Energiebedarf schon heute komplett ohne AKW decken.

Atomkraft deckt weltweit etwas über als zwei Prozent des Energiebedarfs. Eine solche Nischentechnik kann das Klima nicht retten. Im Gegenteil: AKW behindern den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Umbau der Energieversorgung. Da sich Atomkraftwerke aus technischen Gründen nur sehr eingeschränkt regeln lassen, eignen sie sich auch nicht als flexible Ergänzung zu den wetterabhängigen regenerativen Energien.

Betrachtet man den gesamten Prozess von Uranabbau und -anreicherung über Transport, Brennelementeherstellung bis hin zum AKW-Abriss und der Behandlung der radioaktiven Abfälle, weist Atomstrom eine schlechtere CO2-Bilanz auf als Ökostrom aus Windenergie und sogar als Strom aus kleinen Gas-Blockheizkraftwerken.

Atomkraft ist seit jeher hoch subventioniert. Müssten die Atom-Risiken versichert und die Folgekosten, etwa für den Atommüll, vollständig in den Strompreis eingerechnet werden, wäre Atomstrom unbezahlbar. Neubauprojekte für AKW gibt es nur dort, wo der Staat diese massiv unterstützt.

In Deutschland stehen selbst unter extrem pessimistischen Annahmen wie Dunkelheit und flächendeckender Windstille genügend nicht-atomare Kraftwerke zur Verfügung, um auch den höchsten Stromverbrauch jederzeit zu decken.






Interview

"Ausbau der Erneuerbaren geht deutlich zu langsam"

Wirtschaftswissenschaftlerin und Expertin für Energiefragen Claudia Kemfert
Prof. Dr. Claudia Kemfert

Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert über den Versuch der fossil-atomaren Lobby, die Energiewende auszubremsen, und die Gefahr einer erneuten Laufzeitverlängerung für längst überflüssige AKW

Frau Kemfert, neun von zehn Bürger*innen halten die Energiewende für „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Sie jedoch sehen sie in Gefahr – warum?
Claudia Kemfert: Die Energiewende ist mit einem Sprint gestartet. Aber in den letzten Jahren wird sie von Seiten derer, die mit den konventionellen Energien ihr Geld verdienen, systematisch schlecht gemacht und ausgebremst. Die Akzeptanz der Energiewende ist glücklicherweise nach wie vor hoch, sonst würde sie noch mehr behindert als ohnehin schon.

Der Kampf zwischen erneuerbaren Energien und der fossil-atomaren Energiewirtschaft ist also auch in Deutschland noch nicht entschieden?
Nein. Wir sind mitten im Kampf, ich bezeichne es sogar als Krieg um Energie. In den USA können wir sehen, wie weit das gehen kann, wenn das fossil-atomare Kapital seinen Handlanger als Präsidenten gefunden hat und dieser dann nicht nur den Klimaschutz torpediert, sondern auch den Markt für neue innovative Energietechnologien behindert. Die Gefahr ist hierzulande auch da. Wir beobachten seit vielen Jahren, wie gut die PR-Kampagnen gegen die erneuerbaren Energien laufen: Permanent geht es um Stromleitungen, die angeblich erst gebaut werden müssten, oder um Speicher, die erst eingeführt werden müssten, bevor die erneuerbaren Energien ausgebaut werden können – alles Gespensterdebatten, um die Energiewende auszubremsen oder ganz zu stoppen. Und das teilweise sehr erfolgreich: Die Politik hat bereits einige Entscheidungen getroffen, die die Energiewende eher behindern. Der Zubau der Erneuerbaren geht drastisch zurück. Zugleich genehmigt der Wirtschaftsminister Abwrackprämien für Kohlekraftwerke, die den Strompreis ebenso nach oben treiben wie die überdimensionierten Stromleitungen – und das schiebt man dann wieder der Energiewende in die Schuhe.

Worum geht es in diesem Kampf?
Um Marktanteile und Einflussmöglichkeiten – schlichtweg darum, wer in Zukunft im Energiemarkt eine tragende Rolle spielen kann. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat den ja sehr stark aufgebrochen, es sind viele Bürgerenergien und mittelständische, kleinere Unternehmen dazugekommen. Die alten großen Energieversorger verlieren immer mehr ihre Basis. Deshalb versuchen sie, die Energiewende zu stoppen oder zumindest zeitlich zu verzögern: Sie wollen ihr Konventionelles-Energien-Geschäft möglichst lange konservieren. Wir Bürgerinnen und Bürger, Verbraucher, Unternehmer, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen die Energiewende deshalb jetzt verteidigen, alle gemeinsam, und dafür sorgen, dass ihre Ziele auch umgesetzt werden.

Geht der Ausbau der erneuerbaren Energien zu schnell?
Ein weiterer Mythos. Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht nicht zu schnell, sondern deutlich zu langsam. Sie werden derzeit künstlich ausgebremst, der Zubau massiv begrenzt. Das Ziel ist ja, 2050 einen Anteil von 80 Prozent aus erneuerbaren Energien zu haben. Wenn wir aber so weitermachen wie zuletzt, werden wir das sicher nicht erreichen.

Schon heute werden aber, wenn in Norddeutschland viel Wind weht, immer häufiger Windkraftanlagen abgeregelt – weil die Leitungen angeblich nicht ausreichen.
Die Ursache dieses Problems liegt darin, dass wir noch immer sehr viel Kohle- und Atomstrom im System haben. Der belegt die Leitungen – und deswegen werden die Windkraftanlagen abgeregelt. Übrigens auch, weil Atom- und Kohlekraftwerke so unflexibel sind. Das ist natürlich widersinnig, es müsste genau umgekehrt sein: Kohle- und Atomkraftwerke müssten vom Netz, die Erneuerbaren müssen Vorrang bekommen. Für sie müssen wir die Netze nutzen – und nicht zur künstlichen Verlängerung des konventionellen Energiesystems!

Zumindest auf dem Papier steht aber doch ein Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien im Gesetz …
… das 2009 so geändert wurde, dass auch Kohle- und Atomkraftwerke diesen Vorrang nutzen dürfen – zu Ungunsten der erneuerbaren Energien.
Wenn jemand mit abgeschriebenen Kohle- oder Atomkraftwerken preisgünstig Strom produziert, speist er diesen seither auch als erstes ins Netz ein. Die Kohlekraftwerke laufen fast dauerhaft durch und werden in den seltensten Fällen abgeregelt, auch bei wenig Bedarf und gigantischem Stromüberschuss. Den überschüssigen Strom exportieren wir dann zu niedrigen Preisen ins Ausland – das ist widersinnig.

Die Umweltminister der Länder haben vor einigen Wochen gefordert, die Einspeisung von Atomstrom in den sogenannten Netz-engpassgebieten in Norddeutschland zu reduzieren. Nähme man das ernst, müsste man die AKW Brokdorf und Emsland doch sofort abschalten …
Das wäre auch problemlos möglich. Man könnte sogar alle AKW schon heute abschalten, ohne dass es nennenswerte Probleme im deutschen Stromsystem gäbe.

Obwohl die neuen Mega-Stromleitungen noch nicht gebaut sind? Der grüne baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller hat diese als „unverzichtbares Element der Energiewende“ bezeichnet, sein schleswig-holsteinischer Kollege Robert Habeck, ebenfalls ein Grüner, sieht ohne „SuedLink“ gar die Versorgungssicherheit in Süddeutschland in Gefahr.
Das ist ein immer wieder verbreiteter Mythos, weil man vom jetzigen Stromsystem ausgeht, mit einem gleichbleibend hohen Kohlestrom-anteil, wo man dann zusätzlich die zunehmenden erneuerbaren Energien einspeisen will. Und weil man den Modellsimulationen der Netzbetreiber, mit denen sie diese neuen Leitungen rechtfertigen, uneingeschränkt vertraut. Man geht weiterhin von erheblichen Überkapazitäten im Stromsystem aus. Unsere Modellrechnungen zeigen, dass man, wenn man Atom- und Kohlekraftwerke runterfahren würde, ausreichend Leitungskapazitäten hätte, zumal wenn wir die erneuerbaren Energien samt Speicher dezentral ausbauen, nutzen und speichern. Es ist schade, dass wir permanent nur die Diskussion über Stromautobahnen führen, ohne die eigentlichen Herausforderungen auf dezentraler Ebene zu lösen.

Laut Atomgesetz sollen 2022 die sechs größten Reaktoren binnen zwölf Monaten abgeschaltet werden: drei am Anfang, drei am Ende des Jahres. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es dann heißt: Das geht nun leider nicht, weil Leitungen oder Speicher fehlen?
Dies ist durchaus wahrscheinlich, wie man heute an den geführten Diskussionen und Gespensterdebatten sehen kann. Weder mangelnde Stromleitungen noch fehlende Speicher behindern derzeit die Energiewende. Man hat allen lange genug eingeredet, wir hätten keine ausreichenden Stromleitungen und – aufgrund des Ausbremsens der Energiewende – vor allem in Süddeutschland nicht genügend Strom, um die Atomkraftwerke abzuschalten. Die Mythen werden geglaubt, auch wenn das Gegenteil richtig ist.

Welche Folgen für den Strommarkt hätte ein Abschalten aller AKW?
Es würde den Markt bereinigen – derzeit haben wir ja massive Kraftwerks-Überkapazitäten. Die erneuerbaren Energien würden so mehr Platz im System bekommen. Das rasche Abschalten der AKW wäre ein erster wichtiger Schritt für den Komplettumbau des Energiesystems, der nächste muss dann ein Kohleausstieg sein. Je weniger konventionelle Energien wir haben, desto eher kann der Markt auch in Richtung erneuerbaren Energien umstrukturiert werden.

Interview: Armin Simon

Dieses Interview erschien im .ausgestrahlt-Magazin 36, August 2017

Schauermärchen zur Energiewende

Mit dreisten Falschbehauptungen versucht die Atomlobby die Energiewende zu stoppen. Wir entlarven die Argumente als Schauermärchen. Denn die Fakten sprechen dagegen.

  • Schauermärchen 1: „Deutschland wird zum Stromimporteur“

    Auch im Jahr 2013 hat Deutschland mehr Strom exportiert als importiert – trotz der Abschaltung von acht AKW. Der deutsche Exportüberschuss lag im Jahr 2012 bei rund 23 Milliarden Kilowattstunden – ein neuer Rekord. Im Jahr 2013 stieg das Exportsaldo nach vorläufigen Angaben sogar auf gut 33 Milliarden Kilowattstunden, den höchsten Wert seit 1990. Im Mittel floss damit  Strom von drei großen Atomkraftwerken komplett ins Ausland.

    » Nachlesen bei der AG Energiebilanzen

  • Schauermärchen 2: „Die Netzstabilität ist gefährdet.“

    Haushalte in Deutschland waren im Jahr 2011 im Durchschnitt 15,3 Minuten ohne Strom. Dieser sogenannte SAIDI-Wert lag nach Zahlen der Bundesnetzagentur trotz des Abschaltens von acht AKW sogar noch niedriger als im Mittel der fünf Jahre zuvor (17,4 Minuten). Der SAIDI-Wert veränderte sich 2012 mit 15,9 und 2013 mit 15,3 Minuten kaum. Die Versorgungssicherheit erreicht damit auch im internationalen Vergleich einen Spitzenwert.

    » Nachlesen bei der Bundesnetzagentur und im »internationalen Vergleich

  • Schauermärchen 3: „Strom wird knapp, am Strommarkt steigen die Preise“

    Wenn Händler an den Terminmärkten der Strombörse EEX aktuell Strom für die Jahre 2013 bis 2015 einkaufen, bezahlen sie für die Kilowattstunde zwischen 4,7 und 4,9 Cent – und damit inzwischen sogar einen halben Cent weniger als vor Fukushima. Da die Strombörse wie jede Börse unter anderem von Stimmungen getrieben wird, waren die Preise direkt nach dem Abschalten der acht AKW zwar leicht angestiegen. Schon bald aber bröckelten die Notierungen wieder: Bei den Händlern setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch ohne die Meiler kein Strommangel absehbar ist.

  • Schauermärchen 4: „Die Energiewende ist unbezahlbar.“

    Die Umlage für die Förderung des Ökostroms nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG-Umlage) liegt seit Anfang 2014 bei  6,24 Cent pro Kilowattstunde und wird 2015 voraussichtlich leicht sinken. Einen nicht sparsamen Vier-Personen-Haushalt (3.500 kWh/a) kostet das – inklusive Mehrwertsteuer – also gut 21 Euro im Monat. Dafür deckten die erneuerbaren Energien 2013 schon mehr als ein Viertel des gesamten deutschen Stromverbrauchs.

    Allerdings ist die Umlage deutlich höher als nötig: Viele Industriebetriebe nämlich profitieren zwar von den durch die erneuerbaren Energien sinkenden Börsenstrompreisen, zahlen jedoch keine EEG-Umlage. Ohne diese Ausnahmeregelungen läge die Umlage über einen Cent niedriger. Die Bundesregierung hat zuletzt immer mehr Betriebe von der Umlage befreit; das steigert die Last für alle anderen. Besonders absurd: Auch Atom- und Kohlekraftwerke müssen für ihren erheblichen Eigenstromverbrauch keine EEG-Umlage zahlen. Das verbilligt den Atom- und Kohlestrom – und erhöht die Umlage für alle gewöhnlichen Stromkunden um etwa 0,75 Cent.

    Weitere 0,51 Cent der Umlage 2014 dienten allein dazu, ein Finanzpolster („Liquiditätsreserve“) auf den EEG-Konten aufzubauen. Der Zubau an Ökostromkraftwerken  dagegen ist nach Berechnungen des Öko-Instituts nur für rund 0,4 Cent Steigerung im Jahr 2014 verantwortlich – vor allem dank der weiter gesunkenen Vergütungssätze.

    Nachlesen bei »oeko.de und »bund.net

  • Schauermärchen 5: „Die erneuerbaren Energien lassen sich nicht schnell genug ausbauen“

    Die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ist im Jahr 2013 gegenüber dem Vorjahr um gut 9 Milliarden Kilowattstunden gestiegen, vor allem durch den Zubau bei Windkraft und Photovoltaik. Das entspricht einem Anstieg von 23,6 auf 25,4 Prozent am Stromverbrauch. Alleine der Zuwachs an Ökostrom binnen eines Jahres entspricht der Jahresproduktion eines Atomkraftwerks. Von politischen Störmanövern abgesehen spricht nichts dagegen, dass der Zubau an Ökostrom-Kraftwerken in mindestens dem gleichen Tempo weitergehen kann.
    Nachlesen im Bericht „Erneuerbare Energien im Jahr 2013“ der AG Erneuerbare Energien-Statistik

  • Schauermärchen 6: „Der Ausstieg ist mit dem Klimaschutz nicht vereinbar“

    Die Erzeugung von Strom aus fossilen Energien ging im Jahr 2012 mit 356 Milliarden Kilowattstunden gegenüber dem Vor-Fukushima-Jahr 2010 leicht zurück (358 Milliarden). Der Rückgang der Atomstromerzeugung um etwa 41 Milliarden Kilowattstunden von 2010 auf 2012 wurde zu einem großen Teil durch den Ausbau der erneuerbaren Energien und einen Rückgang des Exportüberschusses um etwa 12 Milliarden Kilowattstunden kompensiert. Befürchtungen, der Atomausstieg führe zu mehr CO2-Emissionen, haben die Märkte widerlegt: Zwar stiegen die Preise für CO2-Zertifikate im europäischen Emissionshandel unmittelbar nach Fukushima leicht an. Inzwischen kostet eine Tonne Kohlendioxid mit 4 bis 5 Euro jedoch nur noch ein Viertel des Preises vom ersten Quartal 2011.  Dass die CO2-Emissionen aus deutschen Kohlekraftwerken 2013 stark angestiegen sind, liegt daran, dass vor allem die besonders schmutzigen Braunkohlekraftwerke riesige Mengen Strom für den Export produzieren.

    » Nachlesen bei der AG Energiebilanzen

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