Windkraft-Anlage mit Anti-Atom-Fahnen
Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG

Atomausstieg und Klimaschutz

Atomstrom ist kein Klimaretter. Vielmehr bremst der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke die Energiewende. Deutschland könnte seinen Energiebedarf schon heute komplett ohne AKW decken.

Atomkraft deckt weltweit etwas über als zwei Prozent des Energiebedarfs. Eine solche Nischentechnik kann das Klima nicht retten. Im Gegenteil: AKW behindern den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Umbau der Energieversorgung. Da sich Atomkraftwerke aus technischen Gründen nur sehr eingeschränkt regeln lassen, eignen sie sich auch nicht als flexible Ergänzung zu den wetterabhängigen regenerativen Energien.

Betrachtet man den gesamten Prozess von Uranabbau und -anreicherung über Transport, Brennelementeherstellung bis hin zum AKW-Abriss und der Behandlung der radioaktiven Abfälle, weist Atomstrom eine schlechtere CO2-Bilanz auf als Ökostrom aus Windenergie und sogar als Strom aus kleinen Gas-Blockheizkraftwerken.

Atomkraft ist seit jeher hoch subventioniert. Müssten die Atom-Risiken versichert und die Folgekosten, etwa für den Atommüll, vollständig in den Strompreis eingerechnet werden, wäre Atomstrom unbezahlbar. Neubauprojekte für AKW gibt es nur dort, wo der Staat diese massiv unterstützt.

In Deutschland stehen selbst unter extrem pessimistischen Annahmen wie Dunkelheit und flächendeckender Windstille genügend nicht-atomare Kraftwerke zur Verfügung, um auch den maximalen Strombedarf jederzeit zu decken.

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Der Umstieg

Die AKW sollen sofort vom Netz, die Kohleschlote schnellstmöglichst aufhören zu qualmen. Geht das auch parallel? Und woher kommt künftig der Strom, wenn Wind und Sonne einmal keinen liefern?

Energiewende-Demo in Berlin 2013
Foto: Julia Baier Energiewende-Demo in Berlin 2013

Es ist, in gewissem Maß, der Lackmustest der Energiewende. Ein paar AKW abschalten, Erneuerbare ausbauen – im Rückblick wird das der Anfang gewesen sein. Ein viel zu langsamer, denn von einst 19 Reaktoren sind sieben immer noch am Netz. Der nächste Schritt jedoch kann nicht mehr länger warten: Der Ausstieg aus der Kohleverstromung. Der Punkt sorgte für Zoff in den Jamaika-Koalitionsverhandlungen. Die große Koalition hat ihn erst einmal in eine Kommission abgeschoben. Die Schlote qualmen derweil munter weiter. Dabei steht außer Zweifel, dass Braun- und Steinkohlekraftwerke ihre Produktion zügig zurückfahren und in absehbarer Zeit komplett einstellen müssen, wenn der Klimawandel irgendwie beherrschbar bleiben soll. Jetzt rächt sich das bisherige Schneckentempo beim Abschalten der AKW. Denn die sieben Reaktoren, die noch laufen, drohen nun auch noch den Klimaschutz zu torpedieren. „Wir können nicht gleichzeitig aus der Atomenergie und der Kohle aussteigen“, lautet das Mantra, das die Kohlelobby nicht müde wird zu wiederholen. Auch Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat es einst verbreitet.

Kohle- und Atomkraftwerke stilllegen

„Deutschland kann kurzfristig die 20 ältesten Braunkohlekraftwerke stilllegen. Die Versorgungssicherheit ist dadurch nicht gefährdet“, hält der Berliner Thinktank Agora Energiewende dem entgegen. „Kurzfristig“ meint dabei: parallel zum Abschalten der letzten sieben AKW. Um das nachzuweisen, hat Agora die vorhandenen wetterunabhängigen Kraftwerkskapazitäten zusammengezählt und dem errechneten maximalen Strombedarf plus einer Sicherheitsmarge gegenübergestellt. Mit dieser sogenannten Leistungsbilanz weisen die Übertragungsnetzbetreiber bisher alljährlich die Versorgungssicherheit nach; Agora hat sie über 2019 hinaus fortgeschrieben. Unter Berücksichtigung von derzeit eingemotteten (Gas‑)Kraftwerken ist demnach weder 2020 noch 2023 – also nach dem spätesten Abschaltdatum der letzten AKW in Deutschland – ein Versorgungsproblem zu erwarten. Der Berechnung zugrunde liegt ein theoretisches „worst case“-Szenario mit maximalem Stromverbrauch, ohne Sonne und Wind und ohne den längst üblichen europaweiten Stromaustausch.

Zwei weitere Studien, von Öko-Institut und Prognos AG im Auftrag des WWF sowie von Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace, halten sogar ein noch schnelleres Zurückfahren der Kohleverstromung für möglich. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass bis 2023 zusätzlich zu den heute noch laufenden Atomkraftwerken mit einer Gesamtleistung von rund 10 Gigawatt auch noch Kohlemeiler mit einer Gesamtkapazität von rund 17 Gigawatt vom Netz gehen könnten, ohne dass die Versorgungssicherheit in Gefahr geriete. Ähnliches lässt sich aus einem zu den Jamaika-Sondierungsgesprächen erstellten internen Papier von Expert*innen aus Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) und Bundesnetzagentur (BNetzA) herauslesen. Die Union bot in diesen Gesprächen am Ende die Abschaltung von 7 Gigawatt an.
Was die Versorgungssicherheit angeht, sind vor allem zwei Fragen entscheidend. Zum einen geht es darum, ob die erneuerbaren Energien zusammen mit den verbleibenden konventionellen Kraftwerken überhaupt ausreichend Strom erzeugen können, um den Bedarf zu decken. Die Greenpeace-Studie sieht darin selbst bei einem merklichen Ansteigen des Stromverbrauchs durch Elektromobilität kein Problem – vorausgesetzt, die erneuerbaren Energien werden zügig weiter ausgebaut.

Versorgungssicherheit europäisch denken

Kniffliger ist, ob die benötigte Leistung auch zu jedem Zeitpunkt und wetterunabhängig sicher zur Verfügung steht. Bisher war diese Frage auf dem Papier mit einer einfachen Rechnung zu beantworten, der oben erwähnten Leistungsbilanz. Fallen aber zusätzlich zu den AKW noch immer mehr Kohlekraftwerke weg, geht diese Rechnung irgendwann nicht mehr auf. Die Versorgungssicherheit selbst, sagt Energieexpertin Sarah Rieseberg von Arepo Consult, sei damit allerdings noch lange nicht gefährdet. Sie müsse bloß realistischer betrachtet werden – und das heißt: europäisch statt national. Expert*innen aus BMWi und BNetzA drückten es in oben erwähntem Papier noch drastischer aus: Eine rein nationale Betrachtungsweise sei „wissenschaftlich überholt und praktisch ohne Aussagekraft“. Denn das deutsche Stromnetz ist keine Insel, sondern seit Jahrzehnten Teil des europäischen Stromverbunds. Weil Stromüberschüsse in einem Land Stromdefizite anderswo ausgleichen können, macht der Stromverbund die Versorgung in allen beteiligten Ländern sicherer, einfacher und letztlich auch günstiger.

Unbestritten ist, dass ein Energieversorgungssystem, das zu weiten Teilen auf Sonne und Wind baut, auch Kraftwerkskapazitäten vorhalten muss, die einspringen können, wenn die fluktuierenden Erneuerbaren nicht genügend Energie liefern. Doch in einem europäischen Verbundnetz macht es Rieseberg zufolge keinen Sinn mehr, dass jedes Land seine eigenen kostspieligen Reservekapazitäten vorhält. Nötig sei vielmehr eine europäische Lösung: über Europa verteilte flexibel ansteuerbare Kraftwerke, die kurzfristig einspringen können, wenn das Stromangebot in einer Region trotz Import einmal nicht ausreichen sollte (s. Interview). (Ebenso könnten Großverbraucher ihren Strombezug kurzfristig drosseln.) Je größer der Anteil der erneuerbaren Energien europaweit wird, desto wichtiger werden solche Reservekapazitäten. Schon aus technischen Gründen werden allerdings nicht Atomkraftwerke, sondern eher hochflexible (Pump‑)Speicher oder Gaskraftwerke diese Aufgabe übernehmen. Insgesamt sind bei einer europäischen Lösung deutlich weniger Reservekapazitäten nötig, als wenn jedes Land seinen eigenen teuren Reservekraftwerkspark vorhält.

Schnelles Abschalten hilft der Energiewende

Das zügige Abschalten von Atom- und Kohlekraftwerken würde nicht nur das CO2-Budget Deutschlands spürbar entlasten. Nach Angaben der Expert*innen aus BMWi und BNetzA würde es die Versorgungssicherheit sogar erhöhen (!), weil die Kohlekraftwerke (und auch die AKW) in kritischen Situationen die Netze besonders belasten. Und es hätte eine heilsame Wirkung auf den Strommarkt. Der leidet seit Jahren – obwohl etliche AKW bereits vom Netz sind – unter immensen Überkapazitäten. Die Börsenstrompreise sind ruinös niedrig, der Stromexportüberschuss Deutschlands wächst Jahr für Jahr. 2017 stieg er auf den neuen Allzeitrekord von 54 Milliarden Kilowattstunden; das entspricht fast der kompletten Stromproduktion von sechs großen, rund um die Uhr laufenden AKW.

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Foto: Andreas Conradt / PubliXviewing Braunkohle-Tagebau in Garzweiler

Zugleich stehen wegen der niedrigen Preise etliche Gaskraftwerke seit vielen Jahren still; zahlreiche Gas-Neubauprojekte liegen zudem auf Eis. Das wiederum ist gleich vierfach fatal. Erstens könnten diese Kraftwerke den noch benötigten Strom viel klimafreundlicher erzeugen als Kohlekraftwerke. Zweitens sind Gaskraftwerke flexibler regelbar und könnten ihre Produktion so besser dem fluktuierenden Angebot erneuerbarer Energien anpassen. Aufgrund ihrer – drittens – höheren Brennstoffkosten hätten sie auch ökonomisch größere Anreize, nur dann Strom zu produzieren, wenn kein anderer im Angebot ist. Viertens schließlich lassen sich Gaskraftwerke perspektivisch auch mit aus überschüssigem Ökostrom erzeugtem regenerativen Gas („Windgas“, eE-Gas) betreiben, haben also auch in einem komplett auf erneuerbaren Energien fußenden Stromsystem noch einen wichtigen Platz.

Stilllegung und Neubau

Dass Kohlekraftwerke vom Netz gehen sollen, während zugleich der Ruf nach neuen Gaskraftwerken ertönt, ist dabei kein Widerspruch. Insbesondere Braunkohlekraftwerke laufen wegen der niedrigen Brennstoffkosten mehr oder weniger durch; das führt zu einem Überangebot an zudem sehr klimaschädlichem Strom. Gaskraftwerke hingegen drosseln aufgrund des vergleichsweise teuren Brennstoffs ihre Produktion, wenn viel Wind- und Sonnenstrom die Börsenpreise drückt. Und für den Klimaschutz ist nicht entscheidend, wie viele fossile Kraftwerke bereitstehen, sondern vor allem, wie viele Stunden sie jedes Jahr laufen. Überspitzt bedeutet das, dass selbst ein Kohlekraftwerk, das für extreme Wettersituationen noch bereitsteht, dem Klimaschutz kein Bein stellt – solange es tatsächlich nur dann läuft, wenn kein anderer Strom zur Verfügung steht. Das bedeutet andersherum: Die allermeiste Zeit des Jahres könnten eigentlich noch viel mehr Kraftwerke abschalten.

Energiepolitisch ist entscheidend, zunächst ausreichend Kraftwerkskapazitäten abzubauen, bevor neue Ersatzkapazitäten an den Start gehen. Nach dem in der Greenpeace-Studie angewandten Kohleausstiegmodell gehen auch nach 2023 jedes Jahr Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 3 bis 5 Gigawatt vom Netz. Ersatzkapazitäten, also „ein Zubau an flexibler Leistung“, seien erst „im Laufe der nächsten Dekade“ erforderlich, sagt Fabian Huneke von Energy Brainpool, Mitautor der Greenpeace-Studie. Dafür brauche es aber Planungssicherheit.
Strittig ist, wie viele Ersatzkraftwerke tatsächlich nötig sind und wie sie am besten finanziert werden. Energieexperte Christian Matthes vom Öko-Institut forderte schon vor Jahren, Reservekapazitäten auf einem sogenannten Kapazitätsmarkt auszuschreiben; eine Lösung, die auch Rieseberg für richtig hält: Kraftwerksbetreiber würden dann Geld schon alleine dafür bekommen, dass sie jederzeit einsetzbare Kraftwerkskapazitäten vorhielten. Huneke hingegen hält ein solches Modell zumindest in der derzeitigen Situation für eher ungeeignet. Es sei „volkswirtschaftlich ineffizienter“ und berge die Gefahr, dass zu viele Kapazitäten vorgehalten würden und auch unwirtschaftliche Kohlekraftwerke davon profitierten. Er setzt stattdessen auf stärker schwankende Börsenstrompreise. In Stunden mit hoher Stromnachfrage und geringem Angebot erneuerbarer Energien würden diese künftig, wenn die Überkapazitäten einmal abgebaut seien, so in die Höhe gehen, dass sich die Kraftwerke, die in diesen Situationen dann gebraucht würden, alleine darüber finanzieren könnten. Die Stromverbraucher*innen komme das am Ende günstiger als ein Kapazitätsmarkt.

Armin Simon

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 39 / Mai 2018

 


Schauermärchen der Atomlobby

Der Atomlobby gehen die Schauermärchen nicht aus. Immer wieder tischt sie der Bevölkerung neue Behauptungen auf, die angeblich belegen, dass der Ausstieg aus der Atomkraft nicht machbar ist. Dass keine dieser Geschichten wahr ist oder uns gar das Fürchten lehren müsste, stellen diese Fakten klar und beweisen: Gruselig ist nur die Atomlobby selbst!

  • Schauermärchen 1: „Deutschland wird zum Stromimporteur“

    Fakt ist:

    Deutschland hat im Jahr 2017 abermals mehr Strom fürs Ausland erzeugt als je zuvor. Im Jahr 2017 lag der Exportüberschuss laut Arbeitsgemeinschaft der Energiebilanzen bei 55 Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden), was gegenüber dem Rekordwert des Vorjahres abermals ein leichter Anstieg war (53,7 Terawattstunden). Der Wert für 2017 ergibt sich aus einem Export von rund 83 und einem Import von rund 28 Terawattstunden. Der Exportüberschuss, der seit sechs Jahren stetig zunimmt, entsprach gut 70 Prozent der deutschen Atomstromerzeugung von rund 76 Terawattstunden.
    Deutschland erzielte durch den Stromexport Einnahmen in Höhe von 2,8 Milliarden Euro und bezahlte gut eine Milliarde für den Import.

    Verhältnis Stomex- und importe.JPG

    Seit Jahren liegen die Preise für importieren und exportierten Strom etwa auf gleichem Niveau. Im Jahr 2017 wurde die Kilowattstunde im Mittel für 3,56 Cent ans Ausland verkauft, der Importstrom kostete durchschnittlich 3,83 Cent, wie das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg errechnete.

    Nachschlagen:

  • Schauermärchen 2: „Strom wird knapp, am Strommarkt steigen die Preise"

    Fakt ist:

    Im Mittel lag der Preis am Spotmarkt der Strombörse (Day Ahead Auktion) im Jahr 2017 bei knapp 3,3 Cent je Kilowattstunde. Damit war der Strom deutlich billiger als zu Zeiten vor Fukushima: Im Jahr 2010, als in Deutschland noch 17 Atomkraftwerke liefen, lag der Preis noch bei 4,56 Cent, 2008 sogar bei 6,68 Cent. Der Spotmarktpreis, der für jede Stunde in einer vortägigen Auktion ermittelt wird, und gemäß Angebot und Nachfrage stets die aktuelle Verfügbarkeit widerspiegelt, zeigt somit, dass ausreichend Strom vorhanden war. Auch für die kommenden Jahre erwartet der Markt keine Knappheit, was sich in stabilen Preisen niederschlägt: Am Terminmarkt wird der Strom für die Jahre bis 2021 für rund 3,4 Cent je Kilowattstunde verkauft.

    Die Strompreise stagnieren auch für Endverbraucher; seit 2013 haben sie sich kaum verändert. Und das betrifft wohlgemerkt die nominalen Preise. Rechnet man dann noch gegen, dass in den vergangenen Jahren zugleich die Löhne gestiegen sind, ist der Strom kaufkraftbereinigt sogar billiger geworden.

    Nachschlagen:

     

     

     

  • Schauermärchen 3: „Die erneuerbaren Energien lassen sich nicht schnell genug ausbauen"

    Fakt ist:

    Erneuerbare Energien haben 2017 28 Terawattstunden mehr Strom produziert als noch im Jahr zuvor, vor allem durch den Zubau von Windkraftanlagen. Alleine der Zuwachs binnen dieses einen Jahres entspricht der Jahresproduktion von drei Atomkraftwerken.

    Im Jahr 2017 erreichte der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix bereits 33 Prozent, nachdem es 2016 noch 29 Prozent waren. Im Vergleich zum Vor-Fukushima-Jahr 2010 legten die Erneuerbaren in Deutschland im Jahr 2017 um 112 Terawattstunden zu. Im gleichen Zeitraum ging die Atomstromerzeugung aber nur um etwa 65 Terawattstunden (von 141 im Jahr 2010 auf nunmehr etwa 76) zurück. Es hätte also noch viel mehr Atomstrom ersetzt werden können.

    Anteil, Atomenergie und Erneuerbare Energien an Bruttostromerzeugung

    Nachlesen:

     

     

  • Schauermärchen 4: „Die EEG-Umlage schnellt in die Höhe"

    Fakt ist:

    Die Umlage für die Förderung des Ökostroms nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ist in den zurückliegenden Jahren kaum noch gestiegen. Im Jahr 2014 lag sie bei 6,24 Cent je Kilowattstunde, im Jahr 2018 beträgt sie 6,79 Cent. Im Vergleich zu 2017, als die Umlage bei 6,88 Cent lag, ist sie zuletzt sogar leicht gesunken.

    Der Betrag für 2018 basiert auf Schätzungen der Stromwirtschaft hinsichtlich der Ökostromerzeugung und der Strommärkte in diesem Jahr. Die Umlage könnte deutlich niedriger liegen, wenn sie nicht vor allem von Haushalten und Kleinverbrauchern bezahlt werden müsste; große Unternehmen bekommen sie zu großen Teilen erlassen.

    Entwicklung EEG-Umlage.JPG

    Nachlesen:

  • Schauermärchen 5: „Die Netzstabilität ist gefährdet“

    Fakt ist:

    Haushalte in Deutschland waren im Jahr 2016 im Durchschnitt 12,8 Minuten ohne Strom. Damit erreicht Deutschland im internationalen Vergleich einen Spitzenwert der Versorgungssicherheit; andere Länder mit einem großen Netz, liegen allesamt darüber. Großbritannien und Frankreich zum Beispiel lagen zuletzt jeweils bei rund einer Stunde Ausfallzeit pro Haushaltskunde.

    In Deutschland lag die jährliche Zeit des Netzausfalls in den vergangenen drei Jahren stets konstant zwischen 12 und 13 Minuten. In den Jahren 2006 bis 2009 hatte der sogenannte Saidi-Wert (System Average Interruption Duration Index) noch
    zwischen 16 und 22 Minuten gelegen. Es gibt keine Hinweise drauf, dass dieser Wert in 2017 nennenswert abweicht.

    Stromausfall in Deutschland.JPG

    Nachlesen:

  • Schauermärchen 6: „Der Ausstieg ist mit dem Klimaschutz nicht vereinbar“

    Fakt ist:

    Das Abschalten der AKW macht den Weg zu echtem Klimaschutz erst frei. So hat das Plus bei den Erneuerbaren seit 2010 nicht nur das Aus von neun AKW kompensiert, sondern auch die Produktion von Kohlestrom gedrosselt. Das Abschalten der AKW würde den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien erleichtern, gerade auch der kostengünstigen und ertragreichen Windkraft. Der zügige, engagierte Ausbau der erneuerbare Energien ist wiederum Voraussetzung für einen erfolgreichen Kohleausstieg.

    Stromerzeugung und Verbrauch.JPG

    Atomkraft deckt weltweit übrigens nur etwas mehr als zwei Prozent des Energiebedarfs. Eine solche Nischentechnik kann das Klima nicht retten. Um nur zehn Prozent der weltweiten Treibhaus-Emissionen einzusparen, müsste bis 2050 die Anzahl der bestehenden Atomkraftwerke verdreifacht werden. Durch diesen massiven Ausbau der Atomenergie wären allerdings bereits 2040 die Uranvorräte erschöpft, und die neu gebauten AKW könnten nicht mehr betrieben werden.

    Atomenergie ist im Übrigen keine CO2-freie Stromquelle. Vor allem bei der Förderung von Uran entstehen klimaschädliche Treibhausgase. Eine Kilowattstunde verursacht dadurch im Durchschnitt 32 Gramm CO2. Bei Uran aus Russland ist es sogar die doppelte Menge. Damit hat Atomstrom eine deutlich schlechtere Klimabilanz als Windenergie.

    Nachlesen:


Leistungsbilanz:

Eine Rechenmethode, mit der bisher die Versorgungssicherheit in Deutschland nachgewiesen wurde: Die wetterunabhängig verfügbaren Kraftwerksleistungen in Deutschland wurden dem errechneten maximalen Strombedarf gegenübergestellt. In einem international vernetzten Stromsystem mit viel erneuerbaren Energien hat das wenig Aussagekraft. Die Versorgungssicherheit muss daher künftig anders geprüft werden.

Dunkelflaute:

Erneuerbare Energien liefern rund ums Jahr Strom – im Sommer mehr aus Sonne, im Winter mehr aus Wind. Allerdings schwankt ihre Erzeugung wetterbedingt. Situationen, in denen weder Solar- noch Windkraftanlagen nennenswert Strom erzeugen, nennt man Dunkelflauten. Für diese braucht es wetterunabhängige Möglichkeiten, den Strombedarf zu decken.

Redispatch:

Der derzeitige Strommarkt nimmt keine Rücksicht auf die Leitungskapazitäten in Deutschland. Wird mehr Strom verkauft, als sie transportieren können, ordnen Netzbetreiber einen Redispatch an: Kraftwerke am einen Ende der Leitung müssen ihre Leistung drosseln, (teurere) Ersatzkraftwerke am anderen Ende einspringen. Insbesondere die Nord-Süd-Leitungen sind überlastet, wenn über sie nicht nur Strom für Süddeutschland, sondern auch fürs angrenzende Ausland fließt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn viel günstiger Windstrom im Angebot ist. Ab Herbst wird der Stromexport über die deutsch-österreichische Grenze gegebenenfalls limitiert, um den Bedarf an Reservekraftwerken in Süddeutschland zu reduzieren.

„So, wie es war, hätte es in keinem Fall bleiben können“

Sarah Rieseberg
Foto: privat Sarah Rieseberg

Energiesystem-Expertin Sarah Rieseberg über den Umbau des Stromsystems, Versorgungssicherheit in Zeiten fluktuierender erneuerbarer Energien, schädliche und notwendige Kraftwerke und wie man die richtigen finanziert

 



Frau Rieseberg, Sie haben 2014 in einer Studie für .ausgestrahlt gezeigt, dass alle AKW – damals noch neun – sofort vom Netz gehen könnten, ohne dass die Versorgungssicherheit in Gefahr geriete. Wie sieht das heute für die verbliebenen sieben Meiler aus?

Das gilt heute im Prinzip noch genauso. Damals hatten die Netzbetreiber so viele Reservekraftwerke unter Vertrag, dass sie die maximal benötigte Leistung auch ohne Wind und Sonne jederzeit hätten zur Verfügung stellen können: Die sogenannte Leistungsbilanz war also positiv, und zwar sowohl für Nord- wie auch für Süddeutschland. Diese Kraftwerkskapazitäten, die zum Teil in Nachbarländern wie Österreich liegen, gibt es immer noch. Insofern hat sich die Situation von 2014 nicht geändert.

Neben den AKW müssen allerdings auch etliche Kohlekraftwerke so schnell wie möglich vom Netz. Haben wir bald doch nur noch dann Strom, wenn Wind weht oder die Sonne scheint?

Irgendwann werden wir die theoretische Höchstlast in Deutschland nicht mehr komplett mit eigenen wetterunabhängigen Kraftwerkskapazitäten decken können. Das ist eine neue Situation. Aber nur, weil das innerhalb der Nationalgrenzen rechnerisch nicht mehr gesichert ist, müssen wir uns keine Sorgen machen. Denn wir leben seit Jahrzehnten in einem europäischen Stromverbund und Strommarkt. Kraftwerkskapazitäten auf rein nationaler Ebene vorzuhalten, ist da nicht mehr angebracht.

Die Leistungsbilanz für Deutschland wird also in absehbarer Zeit negativ werden?

Wenn wir die Reservekraftwerke rausrechnen, die ja nicht frei am Markt agieren, ist diese Situation schon vor einigen Jahren eingetreten. Wir sind in dieser neuen Welt angekommen, das stellt aber kein Problem dar.

Warum?

Der europäische Stromverbund hilft uns, Unter- und Überschüsse auszugleichen. Zum Teil findet ein geographischer Ausgleich bei den fluktuierenden Erneuerbaren statt: Überschüssiger Wind- und Sonnenstrom aus Nachbarländern erhöht unsere Versorgung mit Erneuerbaren. Gleichzeitig reduziert sich durch die europäische Perspektive die zu deckende Maximallast, denn die Höchstlast findet nicht in allen Netzregionen zur gleichen Zeit statt. Wir brauchen deshalb in europaweiter Betrachtung insgesamt weniger gesicherte Kapazitäten – können also bestehende fossile Überkapazitäten in den einzelnen Mitgliedsländern abbauen.

Ist Deutschland das erste oder einzige Land, in dem die Leistungsbilanz negativ ist oder wird?

Nein, eine Reihe von Ländern befand oder befindet sich in Bezug auf die gesicherten Kapazitäten schon lange nahe oder unterhalb der Höchstlast, so etwa Frankreich, Italien, auch in den Niederlanden war dies eine Zeitlang so. Solange das Netz mit den Nachbarländern dicht genug verknüpft ist, ist die Versorgungssicherheit deswegen aber nicht gefährdet.

Wir wollen aber, dass auch die AKW im Ausland abgeschaltet werden, und zwar möglichst schnell. Und die Kohleverstromung muss dort ebenfalls auslaufen.

Genau. Und ich hoffe sehr, dass bis 2030 ein großer Teil der Kohlekraftwerke nicht mehr läuft. Deshalb werden wir uns auch mit Versorgungssicherheit beschäftigen müssen – auf europäischer Ebene. Denn auch europaweit gesehen reichen die gesicherten, wetterunabhängigen Kapazitäten dann nicht mehr aus, dafür müssen wir gemeinsame Lösungen entwickeln. Da sind wir aber noch lange nicht angekommen. Und durch innereuropäischen Netzausbau werden wir auch Zeit gewinnen.

Wie sorgen wir denn künftig für Versorgungssicherheit, ohne AKW und Kohlekraftwerke?

Versorgungssicherheit setzt sich in Zukunft aus fluktuierenden und ansteuerbaren Erzeugungskapazitäten sowie aus Lastverschiebung zusammen: fluktuierende Erneuerbare, deren Angebot sich nach Wind und Sonne richtet, werden wir immer zuerst nutzen. Soweit möglich werden wir den Verbrauch in die Zeiten verschieben, in denen viel Strom zur Verfügung steht, und die Last reduzieren, wenn wenig erneuerbarer Strom produziert wird. Es wird aber Zeiten geben, insbesondere im Winter, zu denen die fluktuierenden Erneuerbaren auch unseren Minimalverbrauch nicht decken. Dafür benötigen wir dann ansteuerbare Ressourcen, die uns Versorgungssicherheit garantieren: Wasserkraft, Biomasse, Speicher und so weiter. Vor allem für diese ansteuerbaren Ressourcen brauchen wir technische, aber auch Marktdesign-Lösungen. Die müssen und werden wir entwickeln – genauso wie wir immer bessere Windräder und Solaranlagen entwickelt haben. Wahrscheinlich wird es in irgendeiner Form darauf hinauslaufen, dass wir eine bestimmte Zahl an Reservekraftwerken finanzieren, zum Beispiel, indem wir diese Reservekapazitäten auf einem sogenannten Kapazitätsmarkt ausschreiben. Außerdem werden wir wohl eine Anschubfinanzierung für Stromspeicher benötigen, um diese weiterzuentwickeln.

Auf jeden Fall genügt eine einfache Leistungsbilanz künftig nicht mehr, um nachzuweisen, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist.

Man muss stattdessen Szenarien durchrechnen, auf der Basis von Wetterjahren, Lastverläufen, Kraftwerksstandorten und Leitungen. Das ist natürlich viel komplexer, als bloß Kraftwerkskapazitäten aufzusummieren und mit einer Maximallast zu vergleichen. Außerdem müssen wir die Versorgungssicherheitsbetrachtung auf die europäische Ebene heben.

Dass das alles anders werden muss: Ist das die Schuld der erneuerbaren Energien?

So, wie es in der Vergangenheit war, hätte es doch in keinem Fall bleiben können! Diese angebliche Option, alles zu lassen, wie es war, hat es nie gegeben! Um den Klimawandel aufzuhalten, müssen wir unser Energiesystem umbauen und vollständig dekarbonisieren, da bleibt uns gar keine Wahl. Und selbst wenn wir den Klimawandel komplett ignorieren würden, hätten wir die Debatte um Versorgungssicherheit auch mit unserem althergebrachten kohle- und atomkraftbasierten Kraftwerkspark – denn wir haben den Strommarkt liberalisiert.

Was hat das damit zu tun?

Ein Kraftwerk, das nur die wenigen Stunden läuft, wenn ein Versorgungsproblem besteht, kann sich am freien Markt nicht refinanzieren. Außerdem bedarf es neuer Kraftwerkskapazitäten, wenn alte Anlagen vom Netz gehen. Aber in einem liberalisierten Markt nutzen Investoren ihr Kapital nur für Neubauten, die ausreichend viele Stunden im Jahr laufen, also potenziell wirtschaftlich sind. Deshalb kann es passieren, dass nicht genügend Kapazität zugebaut wird.

Sarah Rieseberg
Sarah Rieseberg ist Projektleiterin bei Arepo Consult, einem Beratungsbüro für Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Klimaschutz und nachhaltige Energiewirtschaft. Sie hat internationale Politik und Umweltpolitik studiert. Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind unter anderem Aspekte internationaler Klimapolitik sowie Energieszenarien. Für .ausgestrahlt verfasste sie 2014 die Studie „Atomausstieg 2015 – Gehen ohne Atomkraftwerke die Lichter aus?“


Einige Expert*innen sind überzeugt, dass die Strompreise in nachfragestarken Zeiten ohne großes Angebot von erneuerbaren Energien irgendwann so hoch steigen, dass sich dafür dann auch wieder Produzenten finden.

Das ist Theorie. In der Praxis investiert aber niemand in Kraftwerke, die nur sporadisch oder eventuell gebraucht werden. Weil keiner daran glaubt, dass er mit dem Erlös aus ein paar Stunden Stromverkauf, in denen das Kraftwerk vielleicht benötigt wird, die ganze Anlage und ihre Bereitschaft finanzieren kann. Wir wissen das auch aus anderen liberalisierten Märkten, etwa in den USA. Im Marktgebiet Pennsylvania/New Jersey/Maryland wurde bereits 1999 ein Kapazitätsmechanismus eingeführt, weil die Versorgungssicherheit nach der Liberalisierung gefährdet schien. Mit erneuerbaren Energien hatte das nichts zu tun – die gab es 1999 ja in der heutigen Form gar nicht.

Der Ausbau der fluktuierenden erneuerbaren Energien hat das Problem aber verschärft.

Es stellt sich durch sie früher, aber das ist ja nun kein unlösbares Drama.

Wenn es zumindest auf europäischer Ebene wetterunabhängige Kraftwerke braucht, die bereitstehen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten: War es dann nicht eine gute Idee der Bundesregierung, alte Braunkohle-Kraftwerke bezahlt in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft zu schicken?

Mit Versorgungssicherheit hatte das doch gar nichts zu tun! Dafür sind diese Kraftwerke schon technisch ungeeignet. Tatsächlich ging es nur darum, ein paar Anlagen vom Netz zu bekommen, um die CO2-Emissionen zu senken. Und statt das ordnungspolitisch durchzusetzen, bezahlen wir den Betreibern nun Geld dafür – es ist eine Entschädigungszahlung, die sich als Sicherheitsbereitschaft tarnt.

Was braucht es außer Kraftwerkskapazitäten noch, um Versorgungssicherheit in einem europäischen Stromsystem zu sichern, das zu immer größeren Teilen auf erneuerbaren Energien fußt?

Erstens Übertragungskapazitäten im europäischen System, damit wir den bestehenden Kraftwerkspark möglichst gut für Versorgungssicherheit nutzen, Wetterungleichheiten ausgleichen und den erneuerbaren Strom verteilen können. Zweitens saisonale Speicher: Wie in der Landwirtschaft werden wir auch bei der Energie im Sommer Überschüsse produzieren, die wir im Winter verbrauchen.

Sind die derzeit geplanten innerdeutschen Stromautobahnen demnach unverzichtbar?

Ein Teil schon. Einige weisen allerdings eine fragwürdige Nähe zu den Braunkohlerevieren auf, was die Frage aufwirft, ob man sich da nicht statt des Ökostroms gerade den Braunkohlestrom abholt. Das lässt sich von außen aber sehr schwer bewerten. Es ist natürlich prinzipiell sinnvoll, bestehende Netzinfrastruktur zu nutzen – und die orientierte sich historisch eben auch an den fossilen Kraftwerken.

Könnte mit Blick auf die künftige Versorgungssicherheit nicht auch wieder jemand auf die Idee verfallen, die AKW länger laufen zu lassen – ob nun in Deutschland oder im Ausland?

Dafür besteht erstens keine Notwendigkeit, auch nach den europäischen Szenarien nicht. Zweitens wäre eine Laufzeitverlängerung auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit überhaupt keine sinnvolle Maßnahme. AKW kann man ja genau nicht mal eben für ein paar Stunden schnell anschmeißen und regelbar sind sie auch nur sehr eingeschränkt. Drittens sind AKW in der derzeitigen Situation für den Strommarkt schädlich: Wie die Braunkohle drücken sie den Strompreis an der Börse und ruinieren so den Preis für alle anderen ökologisch sinnvolleren Erzeugungsarten. Nimmt man Atomkraft hingegen aus dem Markt, werden Gaskraftwerke wieder rentabler, die derzeit aus ökonomischen Gründen reihenweise vom Netz gehen. Dabei sind das genau die Anlagen, die wir übergangsweise für unsere Versorgungssicherheit brauchen werden: weil sie die erneuerbaren Energien sehr flexibel ergänzen können und dabei deutlich weniger CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke.

Interview: Armin Simon

Dieses Interview erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 35 / Mai 2018
 

"Ausbau der Erneuerbaren geht deutlich zu langsam"

Wirtschaftswissenschaftlerin und Expertin für Energiefragen Claudia Kemfert
Prof. Dr. Claudia Kemfert

Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert über den Versuch der fossil-atomaren Lobby, die Energiewende auszubremsen, und die Gefahr einer erneuten Laufzeitverlängerung für längst überflüssige AKW

Frau Kemfert, neun von zehn Bürger*innen halten die Energiewende für „sehr wichtig“ oder „wichtig“. Sie jedoch sehen sie in Gefahr – warum?
Claudia Kemfert: Die Energiewende ist mit einem Sprint gestartet. Aber in den letzten Jahren wird sie von Seiten derer, die mit den konventionellen Energien ihr Geld verdienen, systematisch schlecht gemacht und ausgebremst. Die Akzeptanz der Energiewende ist glücklicherweise nach wie vor hoch, sonst würde sie noch mehr behindert als ohnehin schon.

Der Kampf zwischen erneuerbaren Energien und der fossil-atomaren Energiewirtschaft ist also auch in Deutschland noch nicht entschieden?
Nein. Wir sind mitten im Kampf, ich bezeichne es sogar als Krieg um Energie. In den USA können wir sehen, wie weit das gehen kann, wenn das fossil-atomare Kapital seinen Handlanger als Präsidenten gefunden hat und dieser dann nicht nur den Klimaschutz torpediert, sondern auch den Markt für neue innovative Energietechnologien behindert. Die Gefahr ist hierzulande auch da. Wir beobachten seit vielen Jahren, wie gut die PR-Kampagnen gegen die erneuerbaren Energien laufen: Permanent geht es um Stromleitungen, die angeblich erst gebaut werden müssten, oder um Speicher, die erst eingeführt werden müssten, bevor die erneuerbaren Energien ausgebaut werden können – alles Gespensterdebatten, um die Energiewende auszubremsen oder ganz zu stoppen. Und das teilweise sehr erfolgreich: Die Politik hat bereits einige Entscheidungen getroffen, die die Energiewende eher behindern. Der Zubau der Erneuerbaren geht drastisch zurück. Zugleich genehmigt der Wirtschaftsminister Abwrackprämien für Kohlekraftwerke, die den Strompreis ebenso nach oben treiben wie die überdimensionierten Stromleitungen – und das schiebt man dann wieder der Energiewende in die Schuhe.

Worum geht es in diesem Kampf?
Um Marktanteile und Einflussmöglichkeiten – schlichtweg darum, wer in Zukunft im Energiemarkt eine tragende Rolle spielen kann. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat den ja sehr stark aufgebrochen, es sind viele Bürgerenergien und mittelständische, kleinere Unternehmen dazugekommen. Die alten großen Energieversorger verlieren immer mehr ihre Basis. Deshalb versuchen sie, die Energiewende zu stoppen oder zumindest zeitlich zu verzögern: Sie wollen ihr Konventionelles-Energien-Geschäft möglichst lange konservieren. Wir Bürgerinnen und Bürger, Verbraucher, Unternehmer, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen die Energiewende deshalb jetzt verteidigen, alle gemeinsam, und dafür sorgen, dass ihre Ziele auch umgesetzt werden.

Geht der Ausbau der erneuerbaren Energien zu schnell?
Ein weiterer Mythos. Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht nicht zu schnell, sondern deutlich zu langsam. Sie werden derzeit künstlich ausgebremst, der Zubau massiv begrenzt. Das Ziel ist ja, 2050 einen Anteil von 80 Prozent aus erneuerbaren Energien zu haben. Wenn wir aber so weitermachen wie zuletzt, werden wir das sicher nicht erreichen.

Schon heute werden aber, wenn in Norddeutschland viel Wind weht, immer häufiger Windkraftanlagen abgeregelt – weil die Leitungen angeblich nicht ausreichen.
Die Ursache dieses Problems liegt darin, dass wir noch immer sehr viel Kohle- und Atomstrom im System haben. Der belegt die Leitungen – und deswegen werden die Windkraftanlagen abgeregelt. Übrigens auch, weil Atom- und Kohlekraftwerke so unflexibel sind. Das ist natürlich widersinnig, es müsste genau umgekehrt sein: Kohle- und Atomkraftwerke müssten vom Netz, die Erneuerbaren müssen Vorrang bekommen. Für sie müssen wir die Netze nutzen – und nicht zur künstlichen Verlängerung des konventionellen Energiesystems!

Zumindest auf dem Papier steht aber doch ein Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien im Gesetz …
… das 2009 so geändert wurde, dass auch Kohle- und Atomkraftwerke diesen Vorrang nutzen dürfen – zu Ungunsten der erneuerbaren Energien.
Wenn jemand mit abgeschriebenen Kohle- oder Atomkraftwerken preisgünstig Strom produziert, speist er diesen seither auch als erstes ins Netz ein. Die Kohlekraftwerke laufen fast dauerhaft durch und werden in den seltensten Fällen abgeregelt, auch bei wenig Bedarf und gigantischem Stromüberschuss. Den überschüssigen Strom exportieren wir dann zu niedrigen Preisen ins Ausland – das ist widersinnig.

Die Umweltminister der Länder haben vor einigen Wochen gefordert, die Einspeisung von Atomstrom in den sogenannten Netz-engpassgebieten in Norddeutschland zu reduzieren. Nähme man das ernst, müsste man die AKW Brokdorf und Emsland doch sofort abschalten …
Das wäre auch problemlos möglich. Man könnte sogar alle AKW schon heute abschalten, ohne dass es nennenswerte Probleme im deutschen Stromsystem gäbe.

Obwohl die neuen Mega-Stromleitungen noch nicht gebaut sind? Der grüne baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller hat diese als „unverzichtbares Element der Energiewende“ bezeichnet, sein schleswig-holsteinischer Kollege Robert Habeck, ebenfalls ein Grüner, sieht ohne „SuedLink“ gar die Versorgungssicherheit in Süddeutschland in Gefahr.
Das ist ein immer wieder verbreiteter Mythos, weil man vom jetzigen Stromsystem ausgeht, mit einem gleichbleibend hohen Kohlestrom-anteil, wo man dann zusätzlich die zunehmenden erneuerbaren Energien einspeisen will. Und weil man den Modellsimulationen der Netzbetreiber, mit denen sie diese neuen Leitungen rechtfertigen, uneingeschränkt vertraut. Man geht weiterhin von erheblichen Überkapazitäten im Stromsystem aus. Unsere Modellrechnungen zeigen, dass man, wenn man Atom- und Kohlekraftwerke runterfahren würde, ausreichend Leitungskapazitäten hätte, zumal wenn wir die erneuerbaren Energien samt Speicher dezentral ausbauen, nutzen und speichern. Es ist schade, dass wir permanent nur die Diskussion über Stromautobahnen führen, ohne die eigentlichen Herausforderungen auf dezentraler Ebene zu lösen.

Laut Atomgesetz sollen 2022 die sechs größten Reaktoren binnen zwölf Monaten abgeschaltet werden: drei am Anfang, drei am Ende des Jahres. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es dann heißt: Das geht nun leider nicht, weil Leitungen oder Speicher fehlen?
Dies ist durchaus wahrscheinlich, wie man heute an den geführten Diskussionen und Gespensterdebatten sehen kann. Weder mangelnde Stromleitungen noch fehlende Speicher behindern derzeit die Energiewende. Man hat allen lange genug eingeredet, wir hätten keine ausreichenden Stromleitungen und – aufgrund des Ausbremsens der Energiewende – vor allem in Süddeutschland nicht genügend Strom, um die Atomkraftwerke abzuschalten. Die Mythen werden geglaubt, auch wenn das Gegenteil richtig ist.

Welche Folgen für den Strommarkt hätte ein Abschalten aller AKW?
Es würde den Markt bereinigen – derzeit haben wir ja massive Kraftwerks-Überkapazitäten. Die erneuerbaren Energien würden so mehr Platz im System bekommen. Das rasche Abschalten der AKW wäre ein erster wichtiger Schritt für den Komplettumbau des Energiesystems, der nächste muss dann ein Kohleausstieg sein. Je weniger konventionelle Energien wir haben, desto eher kann der Markt auch in Richtung erneuerbaren Energien umstrukturiert werden.

Interview: Armin Simon

Dieses Interview erschien im .ausgestrahlt-Magazin 36, August 2017