Der sofortige Atomausstieg ist möglich

Warum wir auch ohne AKW schon jetzt genügend Strom haben

„Die brauchen wir noch!“ oder „Wir sind noch nicht soweit!“ – so lautet gern das Argument, wenn es um die noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland geht. Aber ist das wirklich so? Sind wir immer noch auf Atomkraft angewiesen? Oder haben wir schon jetzt ausreichend nicht-atomare Stromquellen, um unseren Bedarf jederzeit zu decken? Und was ist, wenn mal kein Wind weht und keine Sonne scheint? Sitzen wir dann im Dunkeln? Oder anders formuliert:

Gehen ohne Atomkraftwerke die Lichter aus?

.ausgestrahlt hat zu dieser Frage eine umfassende Studie in Auftrag gegeben (Arepo Consult: Atomausstieg 2015 - Gehen ohne Atomkraftwerke die Lichter aus?"). Das Ergebnis: Auch ohne alle AKW stehen ausreichend Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung, um jederzeit mehr Strom zu produzieren, als benötigt wird. Nirgendwo in Deutschland würden also ohne AKW die Lichter ausgehen.

Eine Studie, drei zentrale Erkenntnisse

Diagramm: Kraftwerkskapazitäten und Strombedarf in Deutschland
Kraftwerkskapazitäten und Strombedarf in Deutschland

Erstens: Sogar unter extrem pessimistischen Annahmen und auch, wenn Deutschland vom europäischen Strommarkt abgekoppelt wäre, reichen die vorhandenen nicht-atomaren Kraftwerke schon jetzt aus, um selbst den höchsten Strombedarf jederzeit zu decken.

Zweitens: Auch für die Stromversorgung Süddeutschlands – hier speisen fünf der acht derzeit noch laufenden AKW Strom ins Netz – stünden ohne Atomstrom ausreichend Kraftwerkskapazitäten sowie Nord-Süd-Stromleitungen zur Verfügung.

Drittens: Die ohnehin schon sehr gute Versorgungssicherheit in Deutschland und Süddeutschland ließe sich durch verschiedene kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen weiter erhöhen

 

Schneller Abschalten heißt schnellere Energiewende

Ohne die noch laufenden AKW wäre schon heute mehr Platz für Strom aus erneuerbaren Energien im Netz. So wären vor allem die für die Energiewende wichtigen Gaskraftwerke – dank ihrer Flexibilität können sie natürliche Schwankungen von Sonne und Wind ideal auffangen – wieder rentabler.

Zum Nachlesen

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Fragen und Antworten zur Versorgungssicherheit ohne AKW

  • Was hat die Studie „Atomausstieg 2015“ untersucht?

    Sie geht der Frage nach, ob auch ohne die acht AKW jederzeit so viel Strom produziert werden könnte, dass selbst der kurzzeitig auftretende Maximalbedarf in Deutschland gedeckt wäre. Dazu vergleicht sie die sicher zur Verfügung stehenden Kraftwerkskapazitäten mit der in der Vergangenheit aufgetretenen Jahreshöchstlast. Mit einer solchen Leistungsbilanz wird in Deutschland seit 2012 die Versorgungssicherheit beurteilt.

  • Zu welchen Ergebnissen kommt die Studie?
    1. Es stehen auch ohne AKW ausreichend wetterunabhängige Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung, um jederzeit mehr Strom zu produzieren, als benötigt wird. Das gilt sogar dann, wenn Deutschland vom europäischen Strommarkt komplett abgekoppelt wäre.
    2. Auch für die Stromversorgung Süddeutschlands stünden ohne Atomkraftwerke noch ausreichend Kraftwerkkapazitäten und Nord-Süd-Stromleitungen zur Verfügung – sogar unter extrem ungünstigen Bedingungen.
    3. Die ohnehin schon sehr gute Versorgungssicherheit in Deutschland und Süddeutschland ließe sich durch verschiedene kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen weiter erhöhen.
  • Was ist, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint?

    Auch dann könnte ohne AKW jederzeit noch genügend Strom produziert werden. Die Studie legt ihrer Untersuchung das „Dunkelflaute“-Szenario der Bundesnetzagentur zu Grunde. Dieses geht davon aus, dass erstens keine Sonne scheint und zweitens deutschlandweit nahezu kein Wind weht. Daher fließen Photovoltaikanlagen überhaupt nicht und Windkraftanlagen nur mit 1 Prozent ihrer installierten Leistung in die Bilanz mit ein.

  • Was ist mit Wasserkraft und Biomasse?

    Auch andere erneuerbare Energien wurden für die Leistungsbilanz in der Studie nur anteilig berücksichtigt: Laufwasserkraftwerke bloß mit 25 Prozent, Biomasse-Kraftwerke lediglich mit 65 Prozent ihrer Leistung. Dies entspricht den – pessimistischen – Annahmen der Übertragungsnetzbetreiber. Andere Institutionen, etwa die halbstaatliche Deutsche Energie-Agentur (dena), gehen von weitaus höheren sicher verfügbaren Leistungen der Wasser-, Wind- und Biomassekraftwerke aus.

     

  • Berücksichtigt die Studie auch mögliche Ausfälle konventioneller Kraftwerke, die Verluste beim Stromtransport und Ähnliches?

    Ja. Von der tatsächlich insgesamt installierten Kraftwerkskapazität zieht sie neben den „nicht einsetzbaren Leistungen“ der erneuerbaren Energien auch etliche Gigawatt für Revisionen und Ausfälle konventioneller Kraftwerke ab, ebenso die Kraftwerkskapazitäten, die vorgehalten werden müssen, um das Stromnetz regeln zu können. Übrig bleibt die sogenannte „gesicherte Leistung“, die zur Deckung des Strombedarfs zur Verfügung steht.

    Bei der Leistungsbilanz wird diese mit der „verbleibenden Last“ verglichen – das ist die höchste Last, die im Jahresverlauf auftritt, inklusive der Verluste, die beim Transport des Stroms entstehen, aber abzüglich der auf Anforderung der Netzbetreiber „abschaltbaren Lasten“. Ist bei diesem Vergleich die „gesicherte Leistung“ größer als die „verbleibende Last“, gilt die Versorgung als gesichert. Wie die Studie zeigt, ist dies auch ohne alle AKW der Fall.

  • Wie belastbar ist das Ergebnis der Studie?

    Sehr. Das der Studie zugrunde liegende Wetterszenario („Dunkelflaute“) ist ein sehr extremes. Dass alle erneuerbaren Energien gleichzeitig zu großen Teilen ausfallen, ist höchst unwahrscheinlich. Dass dies ausgerechnet auch genau in der einen Viertelstunde des Jahres passiert, in welcher der Stromverbrauch in Deutschland auf sein Jahresmaximum steigt, ist nochmals unwahrscheinlicher. Trotzdem gäbe es der Studie zufolge selbst dann noch ausreichend verfügbare nicht-atomare Kraftwerkskapazitäten, um den gesamten Strombedarf zu decken.

    Darüber hinaus ist das deutsche Stromnetz in der Realität natürlich keine Insel (wie es die Studie unterstellt), sondern Teil des europäischen Verbundnetzes, was die Versorgungssicherheit nicht nur in Deutschland, sondern europaweit zusätzlich erhöht. Der in der Studie errechnete Leistungsbilanz-Überschuss von 0,1 Gigawatt (GW) ist daher nur scheinbar knapp. Tatsächlich bedeutet er, dass selbst unter extrem ungünstigen und pessimistischen Annahmen noch immer jederzeit mehr Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung stünden, als nötig wären, um den Maximalbedarf an Strom komplett zu decken.

  • Müssten ohne AKW alle fossilen Kraftwerke dauernd laufen?

    Nein. Die Leistungsbilanz geht von der Höchstlast aus – die allermeiste Zeit liegt der Stromverbrauch aber deutlich darunter. Zudem ignoriert die Leistungsbilanz die erneuerbaren Energien nahezu komplett, obwohl diese tatsächlich schon 28 % des Stromverbrauchs decken. Außerdem laufen von den acht AKW rein rechnerisch fünf nur für den Export.

  • Warum fordern ExpertInnen, die Versorgungssicherheit künftig nach moderneren Methoden zu beurteilen?

    Die Leistungsbilanz, wie sie die Übertragungsnetzbetreiber laut Energiewirtschaftsgesetz jährlich erstellen müssen und wie sie auch die .ausgestrahlt-Studie berechnet hat, betrachtet Deutschland als eine von allen anderen Ländern abgekoppelte „Strom-Insel“. Tatsächlich aber ist das deutsche Stromnetz seit Jahrzehnten Teil des europaweiten Stromverbunds. Dies ist gleich mehrfach von Bedeutung: erstens wegen des immer größeren Anteils erneuerbarer Energien; deren Beitrag zur Versorgungssicherheit ist in einer länderübergreifenden Betrachtung deutlich größer. Zweitens, weil der Strombedarf nicht in allen Ländern gleichzeitig auf sein Jahresmaximum steigt, die insgesamt zu deckende Höchstlast also niedriger ist als die Summe der einzelnen Jahreshöchstlasten. Und drittens, weil bei einer länderübergreifenden Betrachtung auch weniger Kraftwerkskapazitäten als „Notreserve“ für Kraftwerksausfälle vorgehalten werden müssen. Das zusammen bedeutet: Die tatsächliche Versorgungssicherheit in Deutschland ist noch deutlich höher, als es die Leistungsbilanz suggeriert.

    Einige Länder beurteilen die Versorgungssicherheit bereits mit Hilfe modernerer Methoden, die nicht bloß Kraftwerkskapazitäten zusammenzählen, sondern reale Wetter- und Stromverbrauchsszenarien durchrechnen. Erste Untersuchungen dieser Art für Deutschland kommen ebenfalls zum Ergebnis, dass die Abschaltung aller AKW die Versorgungssicherheit nicht gefährdet.

  • Warum betrachtet die Studie die Situation in Süddeutschland gesondert?

    Das deutsche Stromnetz besteht praktisch aus einer Nord- und einer Südregion. Der Stromfluss zwischen beiden ist auf gut 15 GW beschränkt. Im Süden stehen fünf der acht noch laufenden AKW, zugleich aber deutlich weniger nicht-atomare Kraftwerke als im Norden. Immer wieder taucht daher die Befürchtung auf, die Versorgungssicherheit im Süden sei ohne AKW bedroht.

  • Wie wäre es ohne AKW um die Stromversorgung in Süddeutschland bestellt?

    Stellt man für die nördliche und südliche Netzregion getrennte Leistungsbilanzen auf, so ergibt sich – ohne Atomkraftwerke! – im Norden selbst im bundesweiten Szenario „Dunkelflaute“ noch ein Überschuss an Kraftwerkskapazitäten in Höhe von 6 GW. Süddeutschland hingegen müsste, wenn die süddeutsche Jahreshöchstlast genau während einer „Dunkelflaute“ aufträte, für kurze Zeit bis zu 11 GW Strom zur Deckung seiner Lastspitze importieren. Dies stellt aber kein grundsätzliches Problem dar: Die rechnerisch 6 GW Überkapazität in Norddeutschland könnten (über die bereits bestehenden Leitungen!) nach Süddeutschland fließen; dass Süddeutschland bisweilen Strom im Norden einkauft, ist seit Jahren alltägliche Realität. Weitere 6 GW könnten aus Kraftwerken kommen, die in den vergangenen Jahren bereits als Reservekraftwerke („Netzreserve“) unter Vertrag gestanden haben. Rechnerisch gäbe es also genügend Stromproduktionskapazitäten, um auch bei einem sofortigen Atomausstieg die Versorgung Süddeutschlands jederzeit zu sichern – selbst unter extrem unwahrscheinlichen Bedingungen.

  • Welche Rolle spielt der sogenannte „Redispatch“?

    Weil Strom im Norden häufig billig ist (Windkraft, Braunkohle, …), decken sich nicht nur süddeutsche Stromhändler, sondern auch solche im Ausland dort gerne ein. Wie der Strom für Süddeutschland will allerdings auch der fürs südliche Ausland bestimmte zunächst durch die innerdeutschen Leitungen nach Süden fließen; die Folge ist ein „Stau auf der Stromautobahn“. Droht eine solche Überlastung der Leitungen, ordnen die Netzbetreiber einen Redispatch an: Kraftwerke in Norddeutschland müssen ihre Produktion drosseln, süddeutsche ihre im Gegenzug erhöhen. Der aus ökonomischen Gründen in Norddeutschland eingekaufte Strom wird also aus physikalischen Gründen letztlich doch in Süddeutschland produziert; die Mehrkosten dafür werden auf die Netzgebühren umgelegt. Nach den derzeitigen Regelungen erhalten dabei sogar die gedrosselten Kraftwerke Geld – für Strom, den sie gar nicht produzieren!

    Vor allem für diesen Redispatch müssen in der süddeutschen Netzregion zudem in großem Umfang extra Kraftwerkskapazitäten vorgehalten werden, die dann nicht mehr am Strommarkt zur Verfügung stehen („Netzreserve“). Auch dafür fließt Geld, das die StromkundInnen über die Netzgebühren bezahlen müssen – nicht für Versorgungssicherheit, sondern für durch Fehlanreize im Strommarktmodell verursachte Kosten.
    Um diese doppelt unsinnige Situation zu ändern, müssten diejenigen, die durch ihr Verhalten am Strommarkt Kosten verursachen, verpflichtet werden, diese auch selbst zu tragen, anstatt sie allen StromkundInnen aufzubürden. Zahlen sollten also diejenigen, die konventionelle Kraftwerke an Orten betreiben, an denen ihr Strom nicht benötigt wird, oder die mit Strom handeln, für den es keine Leitungen gibt. Hier ist der Gesetzgeber gefordert.

  • Mit welchen Maßnahmen könnte die Versorgungssicherheit noch zusätzlich erhöht werden?

    Kurzfristig realisierbar sind vor allem zwei Maßnahmen: Großverbraucher, etwa in der Industrie, können sich erstens per Vertrag und gegen Entschädigung verpflichten, ihren Stromverbrauch auf Anforderung für einige Zeit zu reduzieren („Lastreduktion“). Das verringert die zu erwartende Höchstlast, entsprechend weniger Kraftwerkskapazitäten sind nötig. Den rechtlichen Rahmen dafür gibt es, einige Firmen wenden das Modell bereits an, das Potential ist jedoch noch bei Weitem nicht ausgenutzt. Zweitens könnten Notstromanlagen, wie sie in vielen Firmen und Institutionen vorhanden sind, neben ihrem eigentlichen Verwendungszweck auch als Schwarmkraftwerke zur Deckung von Lastspitzen eingesetzt werden. Gleiches gilt mittelfristig auch für dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen sowie für Biogasanlagen. Bei Bedarf könnten letztere dafür auch mit Erdgas co-befeuert werden.

  • Fördert ein schnelles Abschalten der AKW die Energiewende?

    Ja. Der Wegfall der AKW baut Kraftwerksüberkapazitäten ab, macht Platz für mehr erneuerbare Energien im Netz und hilft, Gaskraftwerke, die die schwankende Erzeugung erneuerbarer Energien gut ausgleichen können, vor der Stilllegung zu bewahren.

  • Was fordert .ausgestrahlt?
    • Mehr Tempo beim Atomausstieg! Auch die noch laufenden acht Atomkraftwerke müssen bereits jetzt abgeschaltet werden und nicht erst 2022. Nicht nur wegen des immensen Risikos eines schweren Atomunfalls und des Atommülls, den sie tagtäglich produzieren. Sondern auch, weil die Energiewende umso einfacher gelingt, je schneller die AKW vom Netz sind.
       
    • Der Gesetzgeber muss im Energiewirtschaftsgesetz klarstellen, dass fossile und atomare Kraftwerke am falschen Ort nicht wie bisher über eine Umlage auf die Netzgebühren (Redispatch-Gebühren) subventioniert werden dürfen. Dies würde auch den unsinnigen Bedarf an Netzreserve-Kraftwerken in Süddeutschland verringern.