Radioaktivität: Rechenmodelle und Realität

Radioaktive Stoffe zählen zu den gefährlichsten Stoffen, die der Mensch jemals produziert und in die Umwelt entlassen hat. Die Strahlung der bei der Kernspaltung im AKW entstehenden radioaktiven Isotope kann durch die Mauern hindurch nach außen gelangen. Biologisch entscheidender sind allerdings die radioaktiven Stoffe, die über Abluftkamin und Abwasserrohr eines AKW in die Umwelt gelangen – sie finden durch Atemluft oder Trinkwasser und Nahrung ihren Weg in den menschlichen Körper.

Strahlung_KORIYAMA.jpg
Untersuchung auf Strahlenbelastung an Kindern nach dem Super-GAU von Fukushima/Japan 2011

Natürliche Strahlung versus künstlich erzeugte Strahlung

Jedes Lebewesen ist natürlicher radioaktiver Strahlung ausgesetzt – der kosmischen „Höhenstrahlung“, sowie den radioaktiven Stoffen im Erdinnern. Seit den 1950er Jahren hat die Menge der künstlich erzeugten Strahlung durch Atombombenabwürfe und –tests sowie aus Atomanlagen massiv zugenommen.

Radioaktive Stoffe werden in den Körper eingebaut

Aus einem AKW gelangen täglich Stoffe wie Tritium, Kohlenstoff, Strontium, Jod, Cäsium, Plutonium, Krypton, Argon und Xenon in die Umwelt.  Die meisten dieser Radionuklide senden Beta-Teilchen aus, die zwar eine geringe Reichweite haben, aber nach Aufnahme in den Körper sehr gefährlich sind, weil ihr Körper sie nicht als solche „erkennen“ kann. Er baut sie daher anstelle anderer Elemente in seine Zellen ein und reichert sie sogar teilweise an. Strontium wird etwa anstelle von Calcium in die Knochen eingebaut. Die dadurch bedingte Dauerbestrahlung führt zur Schädigung des Knochenmarks und kann Leukämie auslösen. Cäsium wird anstelle von Kalium aufgenommen und gelangt über das Blutgefäßsystem in die Muskulatur und den ganzen Körper. Tritium kann in Form von tritiiertem wasser (= überschwerem Wasser) direkt in die Zellen und sogar in die DNA gelangen.  

Auch Niedrigstrahlung kann krank machen

Die Abgabe strahlender Stoffe durch AKW ist von den Behörden genehmigt. Üblicherweise sind pro Jahr und Atomkraftwerk rund eine Billiarde Becquerel radioaktive Edelgase und Kohlenstoff, 50 Billionen Becquerel Tritium, 30 Milliarden Becquerel radioaktive Schwebstoffe und circa 10 Milliarden Becquerel radioaktives Jod-131 erlaubt. Anders als in der Chemie macht bei radioaktiver Strahlung jedoch nicht die Dosis das Gift, sondern auch schon geringste Strahlendosierungen können krank machen. Eine Unbedenklichkeitsschwelle, unterhalb derer eine bestimmte Strahlung unschädlich ist, gibt es nicht. Auch können sich die Auswirkungen einer dauerhaften zusätzlichen Belastung durch Niedrigstrahlung – chronische Entzündungen, Krebs und genetische Schäden – auch noch nach Jahren bemerkbar machen oder sogar erst bei den nachfolgenden Generationen auftreten.

Atomkraftwerke machen Krebs

Dass selbst geringe Strahlendosen von nur wenigen Millisievert über mehrere Jahre hinweg Krankheiten wie Krebs auslösen, haben bereits zahlreiche Studien belegt. So wurden jahrzehntelang über 300.000 AKW-Mitarbeiter*innen in Frankreich, Großbritannien, Japan und den USA untersucht. Ihre Leukämierate war deutlich höher als die der durchschnittlichen Bevölkerung.

Vermehrtes Leukämie-Risiko für Kinder in AKW-Nähe

Vor allem Kinder, die in der Nähe eines Atomkraftwerks aufwachsen erkranken weitaus häufiger an Krebs als andere Kinder. So haben Kinder, die im Umkreis von fünf Kilometern um ein AKW wohnen, ein um 60 Prozent erhöhtes Krebsrisiko gegenüber dem bundesdeutschen Durchschnitt. Ihr Risiko, an Leukämie (Blutkrebs) zu erkranken, ist sogar um 120 Prozent erhöht – also mehr als doppelt so hoch wie bei Kindern, die nicht in der Nähe eines Atomkraftwerkes wohnen. Leukämie gehört übrigens zu den Krebsarten, die besonders leicht durch radioaktive Strahlung hervorgerufen werden.

Kein Zufall

Selbst im Abstand von 50 Kilometern von einem AKW ist das Krebsrisiko für Kinder immer noch erhöht. Die Ergebnisse einer epidemiologischen Untersuchung sind im Nahbereich statistisch sogar hoch signifikant. Das bedeutet, dass die nachgewiesene Häufung von Krebsfällen rings um Atomkraftwerke nicht mit Zufall erklärt werden kann. Bundesweit sind in den Jahren 1980 bis 2003 bis zu 275 Kleinkinder nur deshalb an Krebs erkrankt, weil sie in der Nähe eines Atomkraftwerks wohnten.

Rechenmodelle und Realität

Laut Strahlenschutzverordnung dürfen Atomanlagen die Normalbevölkerung jährlich mit maximal 0,6 Millisievert belasten (0,3 Millisievert über die Abluft und 0,3 Millisievert über das Abwasser). Unabhängige Kontrollen gibt es allerdings nicht – sie werden hauptsächlich von den AKW-Betreibern selbst vorgenommen. Zum Teil wird die tatsächliche Strahlenbelastung dabei nur anhand von Modellrechnungen aus Emissionen simuliert, die der Betreiber monatlich gemittelt an die Behörden leitet.

Grenzwerte beruhen lediglich auf Schätzungen

Um herauszufinden, welche Dosisbelastung eine Atomanlage verursacht, verwenden Betreiber und Genehmigungsbehörden eine ganze Reihe mehr oder weniger fundierter Annahmen und mehr oder weniger realistischer Rechenmodelle – angefangen von der Verdünnung und Ausbreitung der Abgase bis hin zu den Lebens-, Ess- und Trinkgewohnheiten eines Menschen. Alle simulierte Annahmen beruhen zudem auf bestimmte Vorstellungen über Aufnahme und Verweildauer der radioaktiven Nuklide, die völlig falsch sein könnten. Gar nicht berücksichtigt sind Spitzenwerte von Emissionen wie sie vor allem beim Wechsel der Brennelemente vorkommen – hier sind die Werte durch die Öffnung des Reaktorbehälter-Deckels teilweise um das bis zu 500fache des Normalbetriebs erhöht.

Erhöhte Strahlensensibilität von Kindern wird völlig ignoriert

Alle Berechnungen zu den Auswirkungen von radioaktiven Emissionen beruhen auf einemso genannten „reference man“ – dieser ist immer ein junger, gesunder, männlicher Erwachsener. Außer Acht gelassen wird die Tatsache, dass Ungeborene und Kinder um ein Vielfaches sensibler auf Strahlung reagieren als Erwachsene. Ihre Zellen teilen sich häufiger und sind daher stärker gefährdet als Zellen in der Ruhephase. Auch ist der Zellreparaturmechanismus bei Embryos und Kindern noch nicht ausgereift so dass sich defekte Zellen eher vermehren – sie führen später zu Krebs oder anderen vererbaren Krankheiten. Nicht zuletzt nimmt ein noch wachsender Organismus radioaktive Substanzen in Essen, Trinken und Atemluft begierig auf, anders als bei einem erwachsenen Menschen, bei dem weniger Zellteilungsprozesse stattfinden. Obwohl all diese Tatsachen bekannt sind, ziehen Behörden und Staat daraus keine Konsequenzen. Im Gegenteil, der wurde im Laufe der Jahre in vielen Bereichen eher gelockert und Grenzwerte vielfach erhöht.

weiter